«Der angebliche nukleare Fallout war Schnee»

Was ist in Fukushima wirklich passiert? «Weltwoche»-Redaktor Alex Baur machte sich vor Ort ein Bild über die Folgen der Atomkatastrophe. Er kam zum Schluss, dass die Medien Meldungen aus Japan verzerren, aufbauschen oder gar verdrehen.

«In Fukushima kam es zum GAU – was das wirklich bedeutet, wissen wir vielleicht in einem Jahr»: Reporter Alex Baur recherchierte vor Ort.

«In Fukushima kam es zum GAU – was das wirklich bedeutet, wissen wir vielleicht in einem Jahr»: Reporter Alex Baur recherchierte vor Ort.

(Bild: zvg)

Mischa Aebi@sonntagszeitung

Herr Baur, Hand aufs Herz, Sie reisten als Journalist nach Fukushima, mit der These im Kopf: Die Atomkatastrophe ist halb so schlimm.
Alex Baur:Sicher geht man als Journalist immer mit einer Ausgangsthese an die Arbeit. Zudem ist ja bekannt, dass ich früh schon Zweifel hatte an dem, was hier in der Schweiz über die Atomkatastrophe berichtet wird. Ich habe deshalb meine Reportage sehr zurückhaltend verfasst und besonders darauf geachtet, dass ich jede Aussage sauber belegen kann. Ich weiss ja, dass meine Berichte mit Argusaugen gelesen werden. Umgekehrt bin ich Journalist genug, um zu wissen, was meine Aufgabe als Berichterstatter ist.

Wie hat nun die Japan-Reise Ihre These beeinflusst?
Ein Schlüsselerlebnis war, als ich feststellte, dass auf dem Reaktorgelände 2000 Leute arbeiten und dass es dort auf dem Gelände unbestrittenermassen keine Strahlengefahr gibt. Das war auch für mich neu. Und das habe ich nie irgendwo in einer Zeitung gelesen.

Sie berichteten sogar, dass Arbeiter auf dem Reaktorgelände nicht etwa in Schutzanzügen, sondern in T-Shirts arbeiteten.
Im zentralen Kontrollraum ist das tatsächlich so, er wurde vollständig dekontaminiert. Auf dem freien Gelände tragen die Leute Schutzanzüge aus Papier gegen den giftigen Staub. Die Strahlung auf dem Reaktorgelände liegt an den meisten Orten unterhalb der Grenzwerte. Bereits der Umstand, dass immer nur Arbeiter in Schutzanzügen im Fernsehen gezeigt werden und man verschweigt, dass der Grund nicht bei der Strahlung liegt, suggeriert eigentlich eine falsche Vorstellung von der Realität.

Dann fühlen Sie sich in Ihrer Überzeugung nach der Japan-Reise also bestärkt.
Es liegt mir fern, die Gefahren kleinzureden; in Fukushima kam es zum gefürchteten GAU. Mein Eindruck, dass man bei uns eine falsche Vorstellung von diesem Unfall vermittelt bekommt, hat sich aber verfestigt. Die Erfahrung vom durch ausländische Medien verzerrten Bild von grossen Katastrophen war für mich allerdings nicht neu.

Wo hatten Sie das schon erlebt?
Ich hatte jahrelang beim deutschen Magazin «Stern», beim «Geo» und bei der NZZ als internationaler Journalist gearbeitet. Immer wieder stellte ich fest: Derartige Katastrophen werden von ausländischen Medien systematisch massiv übertrieben.

Worauf führen Sie dies zurück?
Es liegt in der Natur Sache: Damit sich eine Meldung verkauft, muss sie möglichst dramatisch sein; abgesehen davon kann das ja meist keiner überprüfen. Für den Reporter wird die Versuchung übermächtig, überall noch ein bisschen etwas draufzulegen und zu überspitzen. Die Informationen haben einen weiten Weg über mehrere Medieninstitutionen hinter sich, so werden die Texte von Stufe zu Stufe ein bisschen dramatisiert, bis zuletzt wenig übrig bleibt von der ursprünglichen Information.

Sie gingen in Ihrer Reportage noch weiter: Sie behaupteten, viele Meldungen aus Japan seien hier in den Medien sogar mutwillig ins Gegenteil verkehrt worden.
Beispielsweise tauchten in der Schweiz und in Deutschland Berichte auf, wonach in Fukushima Plutonium freigesetzt worden sei. Es wurden zwar tatsächlich Spuren von Plutonium gemessen. Die stammten allerdings nicht von den Reaktoren. Es waren vielmehr alte Spuren von der Atombombe in Hiroshima.

Haben Sie weitere Beispiele?
Tage nach der Katastrophe las man vielerorts, es habe einen nuklearen Fallout gegeben in der Umgebung von Fukushima. Tatsächlich war das – unbestrittenermassen – ganz gewöhnlicher Schnee. Es hat einfach geschneit.

Und dieser Schnee war radioaktiv völlig unbelastet?
Die Belastung war jedenfalls unter den Grenzwerten. Wenn schon gab es später eine gewisse Problematik mit dem Schmelzwasser. Wegen der Vermischung mit kontaminiertem Staub war die Radioaktivität des Wassers an gewissen Orten über den in Japan geltenden Grenzwerten.

Können Sie belegen, dass auch hier eine Übertreibung vorlag?
Gemäss den in Deutschland geltenden Normen lag auch das Wasser zum Teil unter dem erlaubten Grenzwert. Die Japa-ner haben einfach sehr strenge Normen.

Trotzdem: 80'000 Menschen mussten ihre Heimat in der Sperrzone verlassen. Das sind harte Schicksalsschläge.
Sicher. Ich habe allerdings sowohl mit Menschen geredet, die ihre Heimat wegen des Tsunamis verlassen mussten, wie auch mit solchen, die wegen des Atomunfalls evakuiert wurden. Für beide ist das natürlich ein gravierender Einschnitt. Einen zentralen Unterschied gibt es zwischen den beiden Gruppen: Viele, die wegen des Tsunamis umsiedeln mussten, wissen, dass sie nie mehr zurück in ihre Heimat können, weil die Regierung beschlossen hat, dass die Rückkehr in gefährdete Gebiete zu gefährlich ist.

Jene, die wegen des GAUs wegziehen mussten, haben bessere Aussichten?
Bei jenen die wegen der Atomkatastrophe evakuiert wurden, besteht immerhin die Aussicht, dass sie früher oder später in ihre Häuser zurückkehren können, die ja nicht beschädigt wurden.

Greenpeace prognostiziert, dass eine Rückkehr in grosse Teile der Sperrzone selbst in hundert Jahren noch unmöglich sein wird.
Es gibt diesbezüglich ein publizistisches Problem: Selbstverständlich weiss heute niemand, wann eine Rückkehr möglich ist, gerade auch, weil es einen Unfall in dieser Form schlicht noch nie gegeben hat.

Aber wo genau liegt das publizistische Problem?

Als Journalist steht man immer auf der sicheren Seite, wenn man das dramatischste aller möglichen Szenarien annimmt. Wenn eine Rückkehr dann schon in einem Jahr möglich ist, kann man sagen: «Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt.» Wahrscheinlich wird sich aber gar niemand mehr an die Übertreibung erinnern. Ich will ja die Lage dort nicht kleinreden...

... aber?
Nach den Gesprächen, die ich vor Ort mit Ärzten und Fachleuten geführt habe, gibt es gute Chancen für eine baldige Rückkehr. Dazu muss man noch sagen: Die Behörden in Japan sind sehr darauf bedacht, den Menschen nichts Falsches zu versprechen. Japaner sind generell, auch in Sachen Gesundheit, extrem vorsichtig, vorsichtiger als Europäer. Sie haben ja auch die weltweit höchste Lebenserwartung.

Wie steht es in Japan um den Widerstand gegen Atomkraft?
Die Kritik an der Atomkraft ist auch in Japan seit dem Unfall grösser geworden, das Misstrauen stieg. Es ist aber ganz sicher bis heute kleiner als in der Schweiz und in Deutschland. Man ist in Japan abhängiger von der Atomkraft. Die einzige Alternative ist Kohle. Japan als Insel kann nicht einfach Strom importieren, so wie das etwa die Schweiz oder Österreich kann.

Selbst in der Region Fukushima fordert die Mehrheit der Bevölkerung also nicht einen baldigen Ausstieg aus der Atomkraft?
So direkt habe ich das nie gehört. Die Leute in der Umgebung der Sperrzone verhalten sich im Bezug auf diese Frage allerdings sehr verhalten. Das hängt wohl damit zusammen, dass der Kraftwerkbetreiber Tepco dort ein sehr grosser Arbeitgeber ist. Praktisch jeder hat einen Angehörigen oder Bekannten, der bei Tepco angestellt ist.

Auch andere Medien haben Korrespondenten in Fukushima. Wie erklären Sie sich, dass Sie zu einem anderen Schluss kamen?
Einerseits hängt das damit zusammen, dass ich nicht sofort nach der Katastrophe nach Japan ging. Ich wartete so lange, bis man annehmen durfte, dass erste fundierte Erkenntnisse vorlagen. Wobei – das möchte ich betonen – es noch heute schwierig ist, sich ein Bild zu machen. Nach wie vor ist vieles unklar. In Japan wartet man auf den ersten Zwischenbericht der Untersuchungskommission, der auf Ende Jahr angekündigt ist, bis dahin ist man zurückhaltend mit Einschätzungen.

Und andererseits?
Andererseits – das habe ich auch offen deklariert – habe ich nicht nur mit irgendwelchen AKW-Gegnern geredet in Japan. Ich habe zum Beispiel auch mit mehreren Mitarbeitern der Firma Areva geredet, einer französisch-deutschen Firma, die massgeblich am Rückbau der Reaktorruinen von Fukushima beteiligt ist. Ich habe zudem mit Leuten der Regierung und mit Leuten der Atomindustrie geredet. Sie waren alle sehr differenziert und vorsichtig.

Inwiefern?
Sie stehen unter scharfer Kontrolle, wenn sie einen Blödsinn erzählen, wird man ihnen das sofort um die Ohren schlagen. Die PR-Leute von Greenpeace dagegen können erzählen, was sie wollen, ihnen schaut niemand wirklich auf die Finger. Greenpeace ist für mich eindeutig keine unabhängige Instanz, und trotzdem transportieren viele Medien ihre Behauptungen völlig kritiklos und ungeprüft.

Ihr Fazit zur Katastrophe in Fukushima?
Es war eine Kernschmelze, gleich in mehreren Reaktoren, das war der GAU, der «grösste anzunehmende Unfall». Was das wirklich bedeutet, werden wir vielleicht in einem Jahr wissen, aber wir werden es endlich wissen. Klar ist, dass es bislang keinen einzigen Strahlentoten gegeben hat; zwei Mitarbeiter der Tepco erhielten gefährliche Strahlendosen und mussten hospitalisiert werden, sonst gab es keine Schädigungen.

Muss man nicht selbst nach Ihren Recherchen sagen: Der Unfall hätte auch sehr viel schlimmer ausgehen können?
Ich weiss nicht, was noch schlimmer hätte kommen können: zuerst eines der schwersten Erdbeben, die in der Welt je registriert wurden, dann ein Tsunami mit Wellen bis zu 15 Metern, dann ein totaler Blackout und dann ein Kühlausfall in fünf nebeneinanderliegenden Reaktoren. Nimmt man das alles zusammen, ist das bisherige Fazit ziemlich ernüchternd – vor allem wenn man es an den 25'000 Tsunami-Opfern misst, um die sich in Europa niemand zu kümmern scheint.

Laut Ihren Berichten muss man vermuten, dass Sie ein Befürworter der Atomenergie sind, täuscht der Eindruck?
Nein, der Eindruck täuscht nicht. Das habe ich auch nie verborgen. Allerdings bin ich nicht für Atomenergie, weil ich sie so toll fände, sondern weil ich sie als das kleinere Übel unter den Energieproduktionsmöglichkeiten betrachte. Die Fakten, die ich in meinen Artikeln darlege, sind oft Fakten, die andere Medien einfach konsequent verschweigen, weil sie nicht ins Bild passen. Welchen Grund sollten sie dafür haben?
Zurzeit ist es bei vielen Medien unabhängig von der Faktenlage offenbar Mode, grundsätzlich gegen Atomkraft zu schreiben. Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit Ökologie, und ich verstehe die Welt nicht mehr, wenn Gas- oder Kohlekraftwerke gebaut werden. Das zeigt für mich, dass es beim Thema AKW schon lange nicht mehr um die Umwelt geht, sondern um Religion und Ideologie.

Berner Zeitung

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