Der Stein, der ein Dorf vor dem Tsunami rettete

Hintergrund

Rundherum herrscht noch immer Zerstörung und Verwüstung. Doch ein kleiner japanischer Weiler ist vom Tsunami verschont geblieben – dank einer Warnung der Vorahnen.

Rettete einigen Menschen das Leben: der Stein von Aneyoshi aus dem Jahr 1933. (Bild: Christoph Neidhart).

Rettete einigen Menschen das Leben: der Stein von Aneyoshi aus dem Jahr 1933. (Bild: Christoph Neidhart).

(Bild: Keystone)

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Das Grauen wiederholt sich, es ist stets gleich und jedes Mal anders. Die Strasse entlang der Sanriku-Küste, die sich 500 Kilometer von Hachinohe nach Sendai schlängelt, führt durch wilde Wälder, in denen Affen und Bären leben, steile Pässe hoch, gelegentlich durch ein Bauerndorf, um dann in die nächste Bucht abzufallen. Dabei passiert sie fast jedes Mal ein Warnschild: «Bis hierher könnte ein Tsunami das Land überschwemmen.» Sekunden später verwandelt sich die Idylle in eine Hölle.

Auch vier Monate nach dem Tsunami liegen noch Häuser herum, als wären sie kaputt getretenes Spielzeug. Fischerboote sind an Skeletten von Betongebäuden gestrandet; und überall Autowracks. Darüber schwirren Fliegenschwärme. Es stinkt nach verbranntem Gummi, Verwesung, modrigem Meer und Fussschweiss.

Oder es ist bereits aufgeräumt. Von einigen Städten sind nur noch Betonfundamente zu sehen. Dazu enorme Abfallberge, sortiert in brennbaren Müll, Metall und Betonteile. Nur im Weiler Aneyoshi ist alles anders. Aneyoshi liegt weit draussen auf der bergigen Omoe-Halbinsel in einer Waldlichtung. Fast 39 Meter Wellenhöhe erreichte der Tsunami in den Buchten ihrer Steilküste. Doch die Häuser von Aneyoshi sind heil geblieben, die Angehörigen der zwölf Haushalte haben überlebt.

Wenige Schritte unterhalb der Lichtung am Strässchen zur Bucht hinunter steht ein Stein. Er hat den Menschen von Aneyoshi Haus und Leben gerettet. Die Bewohner von Aneyoshi sollten den grossen Tsunami nicht vergessen und höher oben bauen, «das sichert unseren Nachfahren den Frieden», steht auf dem Stein. Etwas weiter unten verwandelt sich das enge V-Tal in eine Wüste: Schwemmgut aus anderen Buchten, Teile von Häusern und ein verbogenes Motorrad liegen da. Vom winzigen Hafen gibt es nur noch Trümmer der Mole. Die kleinen Lagerhäuser zum Trocknen von Seetang, den das Dorf erntet, der Grillplatz, der hier war, sind nicht mehr zu sehen. 814 kleine Boote waren auf der Omoe-Halbinsel registriert, 14 sind noch zu gebrauchen.

Grossvater Chimura im untersten Haus von Aneyoshi ist mit seinem Enkel Ko allein zu Hause. Der Stein sei nach dem Tsunami 1933 aufgestellt worden, sagt er, von wem, wisse man nicht. Ane-yoshi war schon vom Tsunami 1896 völlig zerstört worden, nur zwei Personen überlebten. Die neuen Bewohner bauten zuerst in der Lichtung, zogen nach und nach aber wieder ans Wasser hinunter. Der Tsunami von 1933, dem ein eher schwaches Erdbeben vorausging und der mitten in der Nacht kam, hinterliess unten in der Bucht keine Überlebenden. Seither wage es niemand mehr, unterhalb des Steins zu bauen.

Alte Warnungen ignoriert

Der Stein von Aneyoshi ist nicht die einzige Warnung aus früherer Zeit. Es gibt einige solche Marken, etwa in Hirota vor der Stadt Rikuzentakata. Aber anders als in Aneyoshi wurden sie entweder nicht beachtet, die Häuser wurden nicht weit genug nach oben verlegt wie in Hirota, oder man vergass die Warnung allmählich. In Rikuzentakata, einer Stadt mit 23 000 Einwohnern, hat der Tsunami kein einziges Wohnhaus stehen lassen, nur einige Betonskelette. Und viele Hundert Autowracks, die nun sauber aufgereiht am Fusse eines Hügels liegen.

Manche Gemeinden ignorierten die alten Warnungen, die meisten indes vertrauten auf die Technik. Sie bauten aufwendige Tsunami-Mauern. Taro, ein Fischerstädtchen, das 1611, 1896 und 1933 von Tsunamis verwüstet wurde, errichtete nach dem Zweiten Weltkrieg einen zehn Meter hohen, 2,5 Kilometer langen Betonwall. Er wurde zur Falle: Das Wasser, das über die Mauer gedrungen war, konnte nicht mehr abfliessen.

Manche Schutzwälle hielten dem ersten Ansturm des Tsunami stand, wurden aber vom Wasser, das über die Sperre schwappte, von hinten unterspült. Andere halfen immerhin, die Wucht der Wellen abzuschwächen, bevor sie einstürzten.

Wie nach 1933 wird jetzt wieder diskutiert, wie man künftigen Tsunamis vorbeugen könnte. Und wieder wird empfohlen, was Aneyoshi getan hat: höher oben zu bauen. Nur können sich grössere Dörfer und Hafenstädte, anders als ein Weiler, nicht so leicht nach oben verschieben. Ausser Platz braucht es dazu eine Umzonung durch die politischen Behörden, viel Geld und Zeit für eine sorgfältige Planung. Und vor allem ein Konzept. Davon ist bisher nichts zu sehen, doch die Menschen in den zerstörten Städten können nicht warten. Sie zweifeln ohnehin an der Bereitschaft Tokios, für die Tohoku-Region Geld auszugeben.

Festungsmauer hielt nicht stand

Kamaishi, ein Fischerhafen und der Geburtsort der japanischen Stahlindustrie, ist eine der grösseren zerstörten Städte. Sie wurde vom Tsunami 1896 ausgelöscht, 1933 erneut. 1945 wurde sie von amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegt. 1960 löste das Valdivia-Erdbeben im 17 000 Kilometer entfernten Chile einen Tsunami aus, der in Kamaishi mehrere Menschenleben forderte. So etwas durfte nie wieder passieren. Deshalb baute Kamaishi den teuersten Tsunami-Wall Japans, eine Festungsmauer, die 1,5 Milliarden Franken kostete und erst 2009 fertig wurde. Auch sie hielt dem Tsunami vom 11. März nicht stand.

Eine halbe Stunde nach dem Erdbeben zog sich das Wasser zuerst aus der Bucht zurück, dann kehrte es als dunkle Wand mit unheimlichem Gebrüll zurück, erzählt ein Hotelangestellter. Die Flut überrannte die Tsunami-Sperre, riss Lücken in den Wall und peitschte Fischerboote, Häuser, Autos und Trümmer durch die Innenstadt. 1200 Menschen kamen um oder werden noch vermisst.Vier Monate nach dem Tsunami gibt es nachts noch keine Strassenbeleuchtung, die Innenstadt ist stockdunkel. Nur die zwei notdürftig hergerichteten Hotels haben Strom. Aber es werden neue Leitungen gezogen. Die Überreste vieler Häuser sind abgetragen. Die Erdgeschosse jener, die dem Tsunami standgehalten haben, sind dagegen noch voll Müll. Zwischen Holztrümmern liegen Gläser, Öfen, ein Computer, verschlammte Kleider, ein Klavier. Vor einer Ruine diskutieren Ingenieure, was aus dem Haus werden soll. An einem anderen arbeiten bereits die Handwerker.

«Wir können nicht auf Tokio warten»

Der Besitzer einer Bar in der berühmten Vergnügungsmeile Nonbe-Yokocho, deren Häuser weggeschwemmt wurden, wolle sein Lokal im August hier wieder eröffnen, sagt ein Schreiner. Für ihn ist es keine Frage, ob die Innenstadt wieder aufgebaut wird. «Bis aus Tokio etwas kommt, können wir nicht warten.»

So werden die Richtlinien zur Tsunami-Vorbeugung, wenn die Politik sich geeinigt haben wird, auf vollendete Tatsachen stossen. Und die einzige Hoffnung wird auch das nächste Mal sein, dass sich dank Tsunami-Drill möglichst viele Menschen rechtzeitig retten. Aneyoshi bleibt die Ausnahme.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt