Der Gottesstaat ist bankrott

Hintergrund

Der iranische Präsident Hassan Rohani kommt ans WEF, um neue Wirtschaftskontakte zu knüpfen. Denn sein Vorgänger hat ihm ein Land am Rande des Ruins hinterlassen: wirtschaftlich, politisch, moralisch.

Beim Kosmetikkonsum stehen die Iranerinnen trotz einem anderen Frauenbild ihrer geistlichen Führer weltweit an siebter Stelle. Foto: Atta Kenare (AFP)

Beim Kosmetikkonsum stehen die Iranerinnen trotz einem anderen Frauenbild ihrer geistlichen Führer weltweit an siebter Stelle. Foto: Atta Kenare (AFP)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Fünf Jahre Arbeit. «Für nichts.» Nadia Shams hat ihre Freundinnen viele Monate beobachtet. Betrachtet, wie die jungen Frauen sich schminken, die Augenbrauen zupfen, Eyeliner auftragen, im Spiegel die ersten Falten beäugen. In den Jahren danach hat Nadia die Mädchen aus der Wohngemeinschaft gemalt. Ein Zyklus aus 15 grossformatigen Bildern: Minuten aus dem Leben junger Iranerinnen, sehr intim. Der Teheraner Galerist ist begeistert, die Porträts hängen zwei Tage. Dann kommt der Anruf. Die Zensurbehörde lässt Nadia wissen, dass das dargestellte Frauenbild nicht zu dem passe, was die Islamische Republik propagiert: «Du wirbst für eine Kultur, die nicht die unsere ist.»

Eine Kultur, die nicht die unsere ist. In einem Land, in dem Frauen und Mädchen am frühen Morgen aussehen, als träten sie aus dem Beautysalon. Als seien sie nicht auf dem Weg zur Arbeit, zur Bäckerei, sondern zum Ball. Beim Kosmetikkonsum steht der Iran weltweit an siebter Stelle, im Mittleren Osten verbrauchen nur die saudischen Frauen mehr Lippenstift: Der eingeschüchterte Galerist hat die Bilder dennoch sofort von der Wand genommen.

So ist der Iran: voller Hoffnungen, voller Misserfolge, Frustrationen. Bis zu den Atomgesprächen in Genf vor ein paar Wochen: ein grosses Drama. Zentrifugen, die sich immer schneller drehten, Kriegsdrohungen aus Israel, immer neue, aus dem Hut gezauberte Wunderwaffen im Iran. Die Aussenminister der Grossmächte flogen schliesslich in Genf ein, sprachen mit den Persern, reisten zornig wieder ab, schüttelten ihnen nach weiteren Tagen des Geschachers am Ende doch die Hände: der diplomatische Durchbruch. Zeitungen weltweit jubelten, eine neue Ära breche an. Der Iran und der Westen würden den alles lähmenden Atomstreit beilegen, sich annähern, die Wirtschaft des Landes werde sich erholen, Frieden für den ganzen Nahen Osten sei greifbar.

Die Vertreter der amerikanischen Ölkonzerne, die Autobosse in Frankreich, die deutschen Maschinenbauer nahmen Witterung auf. Sie hoffen auf das grosse Geschäft. Nach 30 Jahren Isolation sind die persischen Pipelines löchrig, die Fabriken marode. Der Markt eines 75-Millionen-Volks schreit nach Fliessbändern, Walzwerken, Fertigprodukten. Ein deutscher Wirtschaftsvertreter sagt: «Der Iran ist das Filetstück weltweit – viele Rohstoffe, eine grosse Bevölkerung, hoher Nachholbedarf.»

«Sie stecken dich in einen Sack»

Saeed verkauft Obst, an der Strasse Isfahan–Teheran, der Wind ist beissend kalt in der Wüstenlandschaft: «Granatäpfel, Orangen, Zitronen. Was ich anbiete, richtet sich nach der Saison.» Saeed hat Sorgen, seine Tochter heiratet bald. Er muss das Geld für die Aussteuer zusammenkratzen. Für den Kühlschrank, die Waschmaschine, den Fernseher, den Mixer. «Die Preise sind ins Unermessliche gestiegen. Alles kostet das Vierfache.» Saeed hat kein Geld, kein Talent. Warum er so leben muss, wie er lebt, das begreift er. Er dreht den Kopf nach hinten, blickt auf die Teppichfabrik zwischen den Feldern. Da hat er früher gearbeitet, bevor sie ihm vor sechs Jahren gekündigt haben: «Die stammt noch aus der Zeit des Schahs. Jetzt ist sie pleite.» Viel will Saeed nicht sagen. Er kennt sein Land: «Die holen dich. Die stecken dich in einen Sack.» Der Obstverkäufer ist einer der ewigen Habenichtse, für welche die Islamische Revolution angeblich ausgekämpft wurde vor 30 Jahren. So wie für die Intellektuellen, die Künstler, die Jugend. Saeed kann nicht lesen, nicht schreiben. Aber er kann sich erinnern. «Als ich Kind war, zu Zeiten des Schahs, da ging es uns Iranern besser. Wir hatten zu essen, wir waren nicht traurig. Heute sind wir traurig.»

Die Menschen sagen, dass es mit Hassan Rohani etwas besser geworden sei, besser jedenfalls als unter dem alten Staatschef Mahmoud Ahmadinejad. Aber die Islamische Republik ist morsch geworden, verrottet. Der revolutionäre Furor ist verflogen, er lodert nur noch auf den überlebensgrossen Propagandagemälden auf den Fassaden. Der Gottesstaat der Ayatollahs ist nach 30 Jahren bankrott – wirtschaftlich, politisch, moralisch. Der Iran leidet nicht an der Welt. Der Iran leidet an seinem System.

«Alle Probleme, die wir haben, führen am Ende zu Ali Khamenei, dem Revolutionsführer», sagt der Student in Teheran, der vor der Uni herumsteht. Herein gelassen haben ihn die Wächter nicht: Manchen Menschen sieht man an, was sie denken. «Khamenei allein trägt die Verantwortung. Für alles.» Öffentlich, ungeschützt, mit seinem Namen könnte der Student das nie sagen. Kritik am Religionsführer ist sakrosankt, selbst wenn die ihm unterstehende Regierung Fehler einräumt: Khameneis Name ist die rote Linie. Wer sie überschreitet, landet schnell in Evin, Teherans berüchtigtem Gefängnis. Der Revolutionsführer ist die höchste Instanz der Islamischen Republik, die politische Personifizierung des Gottesstaats.

Fakhrossadat Mohtashami geht weiter in Grün aus dem Haus, bis heute. Ihren Armreif hat sie selbst vor Gericht nicht abgelegt. Als der Richter sie dazu aufforderte, hielt sie den Arm hoch: «Machen Sie ihn doch ab! Ich tue es nicht!» Die Historikerin kam damals mit ein paar Wochen Haft davon. Sie sagt: «Sollten sie mich wieder verhaften, bin ich wenigstens dort, wo mein Mann ist. Dort will ich sein.» Fakhrossadat Mohtashamis Ehemann sitzt seit vier Jahren im Evin-Gefängnis, wegen «Kritik am Regime». Ein früherer Vize-Innenminister, ein Reformer. Mostafa Tajzadeh schwört nicht ab. Ein Mann mit Prinzipien, wie seine Frau. Sie sucht Öffentlichkeit, um seine Freiheit zu erwirken. Dem Regime missfällt das. «Sie sagen mir, ich male schwarz-weiss. Ich sage, es ist aber doch die Realität.»

Wobei die letzten acht Jahre selbst für die Islamische Republik besonders waren. Präsident Ahmadinejad gefiel sich in der Rolle des Rüpels auf dem diplomatischen Parkett, dozierte vor der UNO mit erhobenem Zeigefinger über seinen Islam, klagte rund um den Globus voller Häme über die Verworfenheit Israels. Verhöhnt als «der iranische Irre», holzte sich der Staatschef durch die internationale Politik. Er gab den Iran dem Spott preis, spaltete das Volk zu Hause. Er liess Demonstranten zusammenknüppeln, kurbelte das Atomprogramm an, trieb sein Land als bekennender ökonomischer Dilettant an den Rand des Ruins: Eine zerrissene Gesellschaft und ein wirtschaftliches Desaster sind seine Bilanz. Einer aus der neuen Regierung hat es auf den Punkt gebracht: «Nicht nur die Zentrifugen müssen sich drehen. Auch die Wirtschaft muss laufen.»

300 Milliarden unterschlagen

Dabei waren die acht Jahre unter Ahmadinejad fette Jahre. «Sie wurden vertan. Die Ölpumpen liefen heiss, 800 Milliarden US-Dollar flossen in dieser Zeit durch den Rohstoffverkauf ins Land», rechnet der Wirtschaftsexperte Saeed Leylaz vor. Auch er sass nach 2009 im Gefängnis. Leylaz hat alle Zahlen im Kopf, so wie andere die Geburtsdaten ihrer Kinder. «Besser lief das Ölgeschäft nie.» Das Wirtschaftswachstum versiegte dennoch, die Inflation stieg auf unerhörte 40 Prozent, die Währung wurde wertlos. Folgen einer falschen Politik. Schamloser wurde in Iran aber auch nie Geld unterschlagen als von Ahmadinejads Gesellen – 200 bis 300 Milliarden sollen es gewesen sein, sagen ausländische Experten. Für Firmen, Fabriken, teure Häuser, elegante Autos. Profitiert haben Personen und Institutionen. Die mächtigen Revolutionsgarden wurden vom Militärapparat zum Wirtschaftsfaktor, kontrollieren nun Teile der Bauindustrie, Häfen, den Schmuggel von Autoteilen, Alkohol, Zigaretten. Es fiel immer weniger ab für Leute wie Nadia, die junge Malerin, oder Saeed mit seinen Granatäpfeln an der Autobahn.

Die Party der Ahmadinejad-Leute dauerte bis 2012, bis die internationalen Sanktionen gegen das Atomprogramm griffen. Nun steht das Land am Rand der Pleite. Experten sagen, der Iran brauche 20 Jahre, um sich von Ahmadinejad zu erholen. Mit den enormen Öleinnahmen verhält es sich demnach so wie mit Nadias Bildern: lange Jahre, für nichts.

Die Veteranen der Revolution versuchen zu retten, was zu retten ist. Sie haben den alten Präsidenten und seine Gefolgsleute verdrängt. Sie haben mit dem neuen Präsidenten ihren Mann an die Macht gebracht. Die erste Generation der Islamischen Revolution kämpft ihre letzte Schlacht, in Genf, aber auch in Teheran. Khamenei ist 73 Jahre alt, Ali Akbar Rafsanjani, der allgewaltige Strippenzieher, 79. Präsident Rohani zählt mit seinen 65 Jahren zu den Jüngsten.

Auch der Reformer Mohammed Khatami mischt wieder mit, er ist 70. Die Männer, die die Islamische Republik am Leben erhalten: politisches Personal, das weniger nach Aufbruch klingt als nach dem Ausblick auf den Ehrenfriedhof. In einem Land, in dem 50 Prozent der Bevölkerung unter 35 ist. Einer, der dem System nahesteht, es in- und auswendig kennt, sagt dennoch: «Diese Männer sind die Säulen des Landes.»

Der Kampf gegen die Aufsteiger

Der Machtkampf, es ist weniger der Streit um Reformen als ein Kampf der Alteingesessenen gegen die Aufsteiger. Mit Ahmadinejad, dem Sohn eines Schmieds, hatte 2005 eine neue Klasse nach der Herrschaft gegriffen. Die zweite Generation der Revolution. Die meisten kamen aus der Provinz, gierten nach den Fleischtöpfen der alten Garde, wollten ans grosse Geld.

Wer will da angesichts des Desasters als Heilmittel noch eine Ideologie bemühen, die sich von Anfang an auf die höchste Instanz berufen hat: auf Gott. Doch es gibt sie noch, diese andere Sicht auf die iranischen Dinge. Man erfährt sie, wenn man seine Zeit vertut mit denen, die seit Jahren dasselbe leere Stroh dreschen: «Die Sanktionen?», fragt der regimehörige Kommentator in Teheran. «Unser Volk ist an Mangel gewöhnt. Wir haben gelernt, uns zu beschränken. Acht Jahre Krieg gegen Saddam Hussein waren schlimmer.»

Der Vollbart knapp gestutzt, die ergrauten Haare ein Stückchen weit zu lang, der Schwung des breiten Seitenscheitels ein sorgsam hingekämmter Verweis auf die alte, revolutionäre Wildheit: Hamid Reza Traghi trägt das Ausgehkostüm der Islamischen Republik. Die Tracht der Linientreuen. «Früher hat der Westen ein Riesentheater gemacht wegen dreier Zentrifugen. Und jetzt hat er in Genf akzeptiert, dass der Iran den gesamten Kreislauf der Urananreicherung beherrscht.» Der Strom fällt aus während des einstündigen Gesprächs, gleich mehrere Male sitzt der Apologet der fortgesetzten Islamischen Revolution im Stockdunkel seines Büros. Kaum geht das Licht wieder an, triumphiert er: «Wir sind die Sieger.»

Tages-Anzeiger

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