Bericht aus Fukushima I: Schichtbetrieb in der Strahlenhölle

Knapp ein Jahr nach der Katastrophe konnten ausländische Journalisten erstmals die Ruinen des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima besichtigen. Die Aufräumarbeiten werden noch Jahrzehnte dauern.

  • loading indicator
Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Katsuhiko Iwaki deutet auf ein wüstes Gewirr aus zerfetztem Eisenbeton und zerborstenen Stahlträgern. «Die grüne Anlage unter den Trümmern dort», ruft er durch seine Gasmaske, «das war der Kran, mit dem die Brennstäbe bewegt wurden. Darunter liegt das Abklingbecken von Block 4.» Ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe sei das der gefährlichste Teil des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima I, sagt der stellvertretende Chef des Stabilisierungsteams der Ruine. Vorläufig hat man die Abklingbecken provisorisch abgestützt.

Ein neues, starkes Erdbeben könnte vor allem das Abklingbecken 4 zum Einsturz bringen. Dann würden die nahezu ungeschützten Brennstäbe nicht mehr gekühlt. Doch bergen werde man sie erst können, wenn die Trümmer der Blöcke 3 und 4 abgebaut seien, sagt Iwaki. «Dann wird man neue Tragstrukturen errichten und einen neuen Kran einbauen.» Zuerst in Block 4. Aber das ist erst in einigen Jahren möglich.

Tepco als Fussball-Sponsor

Am Dienstag hat Tepco, die Betreiberin von Fukushima I, die AKW-Ruine erstmals einigen ausländischen Journalisten gezeigt. Der Besuch begann im J-Village am Südrand der 20-Kilometer-Sperrzone. Das J-Village war bisher das grösste Trainingszentrum Japans, insbesondere für den Fussballnachwuchs. Der Hauptsponsor war ausgerechnet Tepco.

Die Firma betreibt unweit des Trainingszentrums ein Kohle- und Ölkraftwerk und etwas weiter nördlich das Atomkraftwerk Fukushima II, das nach dem Erdbeben trotz Schwierigkeiten kalt abgeschaltet werden konnte. An den Wänden hängen Fussballbilder, besonders gross Weltmeisterin Homare Sawa. Sie war schon vor dem Erdbeben Kapitän der japanischen Frauenmannschaft. Doch Fussball wird hier nie mehr gespielt. Das J-Village ist jetzt Tepcos Basislager für die auf drei bis vier Jahrzehnte angelegte Operation zur Stabilisierung, Dekontaminierung und Demontage des zerstörten Atomkraftwerks.

Im J-Village wird die Gruppe in Tyvek-Schutzanzüge gekleidet und mit einem Dosimeter und einer Gasmaske ausgerüstet. Über die Schuhe muss man je zwei Plastikhüllen stülpen, die Hände werden mit Baumwoll- und darüber mit chirurgischen Handschuhen geschützt. Alle Kameras werden in Plastik verpackt und mit Klebeband versiegelt. Dann geht es mit einem Bus, dessen Fenster versiegelt und die Sitze mit staubabstossendem Plastik überzogen sind, in die Sperrzone.

Menschenleere Idylle

Es ist kalt, aber die Sonne scheint, an den Waldrändern liegt noch Schnee. Ab und zu öffnet sich der Blick auf den Pazifik. Eine japanische Idylle, würden nicht die Menschen fehlen. In einem Betonwerk arbeiten zwei Männer in Schutzanzügen mit Gasmaske. In Tomioka fährt der Bus an einer vom Erdbeben zerstörten Spielhalle vorbei, niemand hat die Scherben weggeräumt. Man musste fliehen. Deshalb sieht alles noch so aus wie vor einem Jahr. Der Geigerzähler zeigt 2 Mikrosievert pro Stunde, das ist für eine Rückkehr der Bewohner zu hoch.

Der Bus fährt am AKW Fukushima II vorbei, auch dort sind einige Hundert Leute im Einsatz, um die stillgelegten Reaktoren zu überwachen. Drei Kilometer vor dem Tor zu Fukushima I steigt die Strahlung auf 35 Microsievert pro Stunde, mehr als das 500-fache gegenüber vor dem Unfall. Die AKW-Anlage wurde einst weitläufig als Park gestaltet, es gibt Bäche, der Wind vom Meer hat die Strandkiefern gekrümmt. Die sechs Reaktorgebäude unten an der steilen Küste sieht man kaum. Und vom einstigen Park auch nicht mehr viel.

Mehr als tausend blaue Wassertanks stehen jetzt da, jeder fasst etwas mehr als tausend Tonnen. Und nahezu alle sind gefüllt mit radioaktiv verseuchtem Wasser, das zur Kühlung der drei geschmolzenen Reaktorkerne eingesetzt worden ist. Demnächst wird Tepco 40 weitere Tanks aufstellen, um dann Lagerkapazität für 165'000 Tonnen verseuchten Wassers zu haben. Auch diese wird bald erschöpft sein.

Die Dekontaminierung des Wassers dauert viel zu lange, deshalb braucht man immer neue Tanks. Dabei fällt auch radioaktiver Schlamm an, der gelagert und irgendwann entsorgt werden muss.Um ins fensterlose, erdbebensichere Hauptquartier von Fukushima I zu gelangen, muss man durch Schutzschleusen. Der äussere Plastiküberzug der Schuhe wird abgestreift und vernichtet. Alles, was einmal in der verstrahlten Zone getragen wurde, muss entsorgt werden, damit man keinen radioaktiven Staub verschleppt.

Während man nur im Schutzanzug nach draussen darf, scheint im Hauptquartier alles klinisch sauber. Im Treppenhaus hängen Ketten bunter kleiner Papierkraniche, in Japan insbesondere seit Hiroshima ein Glücksbringer. Und viele Briefe von Menschen, die den Männern hier danken und alles Gute wünschen. Auch eine Hanna aus Deutschland, offenbar noch ein Kind, hat geschrieben, um den Männern Mut zu machen.

In winzigen Schritten vorwärts

Im Kommandoraum sitzt eine Hundertschaft Männer vor Bildschirmen, die Teamleiter an einem runden Tisch, um sofort gemeinsam reagieren zu können. Hier werden jeden Morgen die winzigen Schritte vorwärts geplant, die man in Fukushima I derzeit macht. «Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, den Status quo zu erhalten», sagt Takeshi Takahashi, «und die Situation von Tag zu Tag ein kleines Bisschen zu verbessern.»

Seit Dezember ist er Chef der Anlage. Sein Vorgänger Masao Yoshida, der in der Nacht nach dem Tsunami gegen den Willen seiner Bosse in Tokio die schmelzenden Reaktorkerne mit Meerwasser kühlen liess und die Welt damit vor einer noch grösseren Katastrophe bewahrt haben dürfte, ist an Krebs erkrankt.

Takahashi bestätigt, dass der Frost Dutzende Röhren zum Bersten gebracht hat, aber als Rückschlag würde er das nicht bezeichnen. «Unsere provisorischen Anlagen sind nicht perfekt», sagt er, es sei deshalb wichtig, für jede eine Back-up-Anlage zu haben. Bis vorigen März hatte Tepco nicht einmal Notmassnahmen vorbereitet. Einmal begründete das ein Tepco-Chef damit, dass Vorkehrungen die Menschen beunruhigt hätten. Man versicherte ihnen ja, es könne keine Atomunfälle geben.

Wie die meisten der etwa 600 Leute, die im Hauptquartier arbeiten, schläft Takeshi Takahashi während seiner Schicht hier. Er entschuldigt sich gegenüber der ausländischen Presse bei den Anwohnern und der Bevölkerung Japans für den Schaden, den Tepco verursacht habe, will aber nicht über die Verantwortung reden. Das sei Sache der Untersuchungskommissionen.

Bevor er nach Fukushima kam, arbeitete er im Tepco-Hauptquartier in Tokio. Die Lage hier sei anders, als er es sich in Tokio vorgestellt habe. Takahashi spricht über die Bergung der geschmolzenen Reaktorkerne, die frühestens in zehn Jahren angegangen werden kann. Das Konzept werde man von der Reaktorkatastrophe im amerikanischen Three Miles Island übernehmen, aber das konkrete Vorgehen werde hier anders aussehen. Dafür habe die Regierung jetzt eine Entwicklungsgruppe einberufen. «Noch wissen wir nicht, wie wir das im Detail machen.» Sicher sei, dass die drei Schmelztiegel unter Wasser zerkleinert würden, dann könne man die Fragmente bergen. In Three Miles Island wurde der Kernschmelztiegel gemahlen.

Zwei Stunden Einsatzzeit

Jeder Arbeiter, der an den zerstörten Reaktoren eingesetzt wird, erhält, bevor er das Gebäude verlässt, ein persönliches Alarm-Dosimeter, auf dem die maximale tolerierte Dosis für den Tag eingestellt wird. Wenn er 20, 40, 60 und 80 Prozent der geplanten Strahlung erhalten hat, piepst das Gerät jeweils. Tepco gibt täglich 3000 bis 3500 solche Alarmdosimeter aus. Bisher war der grösste Teil der Arbeiter damit beschäftigt, strahlende Trümmer wegzuräumen, die bei den vier Explosionen über das ganze Gelände um die Reaktoren verstreut wurden. Und zum Teil noch da liegen.

Normalerweise werden Arbeiter nur etwa zwei Stunden eingesetzt, sagt Iwaki vom Stabilisierungsteam. «Nicht nur wegen der Radioaktivität. Ihr Arbeitstag dauert acht Stunden, mit der Hinfahrt, dem zweimaligen Umziehen, den Strahlungsmessungen und der Rückfahrt bleibt kaum mehr Zeit.»

Er selbst sei auch schon sechs Stunden im Einsatz gewesen. «Ich habe bereits 69'000 Microsievert abkommen», sagt er lachend, und man weiss nicht, ob es ein bitteres Lachen ist oder Stolz – oder ob er die Angst weglacht. Die maximal erlaubte Dosis für Leute, die in Fukushima im Einsatz sind, ist 100'000 Microsievert in fünf Jahren.

Wer das Hauptquartier verlässt, muss Gasmaske und Helm aufsetzen und aufbehalten. Auch im Bus. Auf einer Anhöhe, wenige Meter von der Ruine entfernt, steigt die Gruppe aus, unter der Maske ist es heiss, die Aussentemperatur liegt beim Gefrierpunkt.

Iwaki erläutert von hier aus den Zustand der vier zerstörten Reaktoren. Block 5 und 6 konnten kalt abgeschaltet werden, weil einer der 13 Dieselgeneratoren dem Tsunami standhielt. Block 3 und 4 sind die total zerstörten Bauskelette. Über Block 1, von dem manche Experten annehmen, er sei schon vom Erdbeben zerstört worden, nicht erst vom Tsunami, wie Tepco behauptet, ist ein riesiges Zeltplanen-Gehäuse gestülpt worden, das die Strahlung abfängt.

Das Reaktorgebäude von Block 2 ist intakt geblieben, was die Aufräumarbeiten nun erschwert. Beim Wiedereinstieg in den Bus muss man erneut die äusseren Plastiküberzüge von den Schuhen streifen, damit man keinen radioaktiven Staub mitnimmt.

Roboter ersetzen Menschen

Nun fährt der Bus im Schritttempo einen steilen Weg hinunter direkt zu den zerstörten Reaktoren. Die Brandung leckt sanft an der Böschung. Tepco hat inzwischen einen provisorischen Tsunami-Wall aufgeschüttet. Darüber hatte die Betreibergesellschaft schon vor der Katastrophe diskutiert, eine interne Studie hatte die Gefahr eines Tsunami als beträchtlich eingestuft. Aber Tepco versäumte es während eines halben Jahres, die Studie der Agentur für Nuklearsicherheit (Nisa) zu übergeben. Nisa erhielt sie vier Tage vor dem Erdbeben.

Bei Block 4 springt der Geigerzähler auf 110 Microsievert pro Stunde. Vor Block 3, wo die Räder eines umgestürzten Krans noch immer in die Höhe ragen, sogar auf 1500 Microsievert. Wo die Strahlung besonders hoch ist, können Arbeiter manchmal nur zwei oder drei Minuten eingesetzt werden, erklärt Iwaki. Was kann ein Arbeiter in zwei Minuten tun? «Zum Beispiel zwei Rohrflanschen verbinden», sagt Iwaki. Also den Zufluss des zur Erhaltung der prekären Stabilität der Schmelztiegel lebenswichtigen Kühlwassers ermöglichen.

Vor dem Block 2 fällt die Strahlung auf 110 Microsievert zurück. Das sei, sagt Iwaki, weil das Gebäude intakt geblieben ist. Drinnen erreiche die Strahlung 200'000 Microsievert, sie ist damit zu hoch, als dass man Arbeiter hineinschicken könnte. In den letzten Tagen hat Tepco begonnen, Roboter in Block 2 einzusetzen. Im Hafen unterhalb von Block 1 liegt das Riesenfloss, in dem Tepco weitere 10'000 Tonnen verseuchtes Wasser lagert.

Die Wegfahrt von den Reaktoren führt hinter Block 6 an einem umgestürzten Strommast vorbei. Er war wesentlich für den Blackout der Anlage und damit für die Katastrophe mitverantwortlich. Und fast scheint es, als lasse Tepco ihn bewusst liegen.

Loyalität und Reue

Zurück im J-Village erzählt der Tepco-Arbeiter Satoshi Tarumi, im Sommer sei es in den Schutzanzügen schier unerträglich heiss geworden. Immer wieder erlitten Arbeiter Hitzeschläge. Seine bisherige Strahlendosis will er nicht verraten. «Ich bleibe hier, das ist die Anlage meiner Firma», und er sei seiner Firma gegenüber loyal. Anders äussert sich Saori Kaneshi, die den Leuten bis zum 11. März 2011 in einem Propagandapavillon von Tepco erklärte, Kernkraftwerke seien sicher. Sie sagt: «Mir tut es seither leid, dass ich das gemacht habe.»

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt