Anti-Japan-Proteste in China eskalieren

Die Protestwelle in China rund um eine umstrittene Inselkette wird immer gewalttätiger: Japanische Autos, Restaurants und Unternehmen wurden angegriffen. Die chinesische Polizei verhält sich auffällig zurückhaltend.

Der Streit mit Japan um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer hat sich am Wochenende bei zum Teil massiven Protesten in zahlreichen chinesischen Städten entladen. Tausende demonstrierten in Peking und mehr als zwei Dutzend anderen Städten gegen die japanische Politik.

In den USA protestierten einige Hundert Menschen im Viertel Chinatown in San Francisco. Die Spannungen zwischen Japan und China wegen der Inseln nehmen schon seit Wochen zu. Auslöser der Proteste war jetzt der Kauf der umstrittenen Inseln durch die japanische Regierung, was in China als Affront betrachtet wurde. China versucht nun, zudem wirtschaftlichen Druck auf Japan auszuüben.

Latente antijapanische Stimmung in China

Die im Streit um die Inseln wiederbelebten Ressentiments fallen in China auf fruchtbaren Boden, da historisch bedingt noch immer eine latent antijapanische Stimmung im Land herrscht. Vor der japanischen Botschaft in Peking schlugen die Proteste am Samstag in Gewalt um. Demonstranten warfen Steine auf die Botschaft, japanische Flaggen wurden verbrannt. Als einige Teilnehmer der Kundgebung versuchten, die Absperrungen um die Botschaft zu durchbrechen, wurden sie von der Bereitschaftspolizei zurückgedrängt. Auch in anderen chinesischen Städten kam es zu antijapanischen Kundgebungen.

Demonstranten steckten eine Fabrik des Elektronikkonzerns Panasonic sowie eine Vertretung des Autobauers Toyota in der Hafenstadt Qingdao in Brand. In der Stadt Changsha wurde ein Warenhaus der Firma Heiwado geplündert. Ausserdem wurden japanische Supermärkte in zahlreichen Städten leergeräumt.

Die chinesische Zensur wird aktiv

Gestern gingen die Proteste zwar weiter, aber in geringerem Umfang. Vor der Botschaft waren mehr Polizisten als Demonstranten. Ein Zeichen dafür, dass auch die chinesische Regierung die Proteste mit einer gewissen Sorge betrachtet, war die Zensur sozialer Netzwerke in China. So war der Suchbegriff «antijapanische Proteste» auf der twitterähnlichen chinesischen Website Sina Weibo gestern gesperrt, viele Fotos von Protesten des Vortags waren nicht mehr vorhanden. Das Amt für Öffentliche Sicherheit in Shenzhen rief die Bürger im Internet auf, «ihren Patriotismus auf rationale, zivilisierte und gesetzestreue Weise zu zeigen».

Trotz der zahlenmässigen Überlegenheit der Polizei in Shenzhen feuerte diese gestern mit Tränengas auf Randalierer. Im benachbarten Guangzhou brachen Demonstranten in ein nahe dem japanischen Konsulat gelegenes Hotel ein und verwüsteten ein japanisches Restaurant.

Japan forderte China auf, die Sicherheit seiner Staatsbürger sowie Unternehmen zu gewährleisten. «Unglücklicherweise hat diese Angelegenheit Einfluss auf die Sicherheit unserer Bürger und verursacht Schäden am Eigentum japanischer Firmen», sagte Ministerpräsident Yoshihiko Noda gestern im Rundfunksender NHK.

US-Verteidigungsminister besorgt

US-Verteidigungsminister Leon Panetta sagte, er sei besorgt, dass der Inselstreit in der Region zu Provokationen führen und am Ende in Gewalt enden könne, in die womöglich auch andere Staaten wie die USA hineingezogen würden.

China versucht zudem mittels wirtschaftlichen Drucks Japan zum Einlenken zu bewegen. So habe die nationale Tourismusverwaltung die Reiseagenturen vergangene Woche angewiesen, Touren nach Japan während der eine Woche dauernden Ferien zum Nationalfeiertag Anfang Oktober abzusagen, sagte ein Anwalt. Zugleich seien den betroffenen Unternehmen Entschädigungszahlungen versprochen worden, sagte er weiter.

Auch andere Staaten erheben Anspruch

Die Regierung in Peking hatte Japan gewarnt, ein Kauf der Inseln, die in Japan Senkaku-Inseln und in China Diaoyu-Inseln genannt werden, von privaten japanischen Besitzern werde als Affront betrachtet und Konsequenzen haben. Japan kontrolliert die Inseln seit 40 Jahren, nachdem sie von den USA, die sie im Zweiten Weltkrieg erobert hatten, aufgegeben worden waren. Beansprucht werden die Inseln aber auch von China und Taiwan.

Verkompliziert wird die Lage derzeit noch dadurch, dass der erst kürzlich ernannte neue japanische Botschafter in China gestern gestorben ist. Shinichi Nishimiya war drei Tage zuvor vor seinem Haus in Tokio zusammengebrochen. Angaben zur Todesursache wurden nicht gemacht. Er sollte sein Amt im kommenden Monat antreten.

ses/AFP

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