Die Stunde des Humanisten

François Hollande, Frankreichs mitfühlender Präsident, ist nun plötzlich der richtige Mann.

Am Rande des Trauermarsches: Staatspräsident François Hollande tröstet «Charlie Hebdo»-Kolumnist Patrick Pelloux . Foto: Reuters

Am Rande des Trauermarsches: Staatspräsident François Hollande tröstet «Charlie Hebdo»-Kolumnist Patrick Pelloux . Foto: Reuters

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Er war der Einzige, der keinen Wintermantel trug. Trotz Kälte, äusserer und innerer. Und man braucht kein Freund von Metaphern zu sein, um diesen Auftritt von François Hollande inmitten von bemäntelten Staats- und Regierungschefs beim grossen Gedenkmarsch an diesem Wintersonntag in Paris als einprägsames Sinnbild zu erkennen. Der Mann ohne Wintermantel wächst gerade in seine Rolle als Präsident, zweieinhalb Jahre nach seiner Wahl. Und es wäre ja nicht das erste Mal in der Geschichte, dass eine nationale Tragödie die Konturen eines Staatsmannes schärft und sein Format offenbart. Wenn er denn welches hat. Es lässt sich an den Gesten messen, am Ton der Stimme, am Sinn für Würde.

François Hollande zeigt gerade Format. Er entscheidet ruhig. Er schweigt, wenn es nur Umarmung braucht. Er redet ohne Inszenierung, ohne politischen Protagonismus. Er übertreibt nicht, weder im Alarmismus noch im Pathos.

Die Stärke in der Schwäche

«Fehlerlos», betitelt «Le Monde» die präsidiale Begleitung des Volkes in den Tagen nach dem Terror. Und wenn man um die scharfe Kritik weiss, die auch diese französische Zeitung in den letzten Jahren am Präsidenten geübt hat, ist dieser Titel ein Prädikat. Nun könnte man natürlich einwenden, dass Trauer und Angst, vor allem wenn sie kollektiv begangen werden, schnell einmal alle alltägliche Kritik verwischen – nicht selten auch in einem latent schwülstigen und offen therapeutischen Gefühlsmix. Die Beschwörung der «unité nationale» ist so ein Rahmen, gesteigert noch in der «union sacrée», die nicht selten als Vorwand dient, politische Entscheide debattenfrei durchs Parlament zu bringen. Im Namen der sakrosankten Einheit. Diese Versuchung besteht nun auch in Frankreich.

Doch Hollande, und da sind sich ausser Marine Le Pen vom Front National alle einig, verkörpert die «unité» glaubwürdig, mit Würde und Mass. Sein Humanismus und sein Mitgefühl, sein ständiges Balancieren zwischen den vielen Seelen dieses komplexen Landes sind ein Glücksfall für Frankreich. Jetzt, in diesem präzisen Moment. Das ist deshalb bedenkenswert, weil ihm gerade diese Attribute bisher als Schwächen ausgelegt worden waren.

Was hat man ihn nicht belächelt: als «Flanby», als Pudding, als Präsidenten ohne Kanten, ohne scharfe Vision. Was gab der «Président normal», wie er sich einst selber ankündigte, doch für eine schier groteske Antithese zu seinem Vorgänger, dem «Hyperpräsidenten» Nicolas Sarkozy, der so holzschnittartige Ansichten vom Land gehabt hatte, dass es sich darob fürchterlich aufregte und spaltete, aber auch bewegte. Hollandes Gleichmut und Ruhe muteten da wie ein plötzlicher Stillstand an. Seine Normalität bekam in der Wahrnehmung der Franzosen schnell einen Anstrich von Banalität. So hatten sie es dann doch nicht gemeint.

Normal war eben doch nicht präsidial genug für einen republikanischen König. Alles, was er machte, erschien ihnen formlos, tollpatschig. Und auch das, was er gut machte, schien nicht wirklich ihm zu gehören. Hollande kann sich nicht gut verkaufen, ein beträchtliches Manko in Zeiten der Übermediatisierung, der frenetischen 24-Stunden-Nachrichtensender, der Tweets und Talks. Dafür fehlt ihm die Frechheit eines Sarkozy, der sich immer alle Meriten zuschrieb, auch solche, die ihm nicht zustanden. Am letzten Sonntag drängelte sich «Sarko» in die erste Reihe des Gedenkmarsches, um auch etwas abzubekommen vom Glanz der Würde. Die Kameras filmten ihn dabei – ein schönes Stück Realsatire.

Hollande dagegen prahlt nicht mit seiner Courage. Er packt das «Ich» immer in ein «Wir». Etwa als er Frankreichs Streitkräfte nach Mali schickte, um Bamako vor dem drohenden Fall zu retten – vor den Islamisten, vor Al-Qaida im Maghreb. Mali taumelte, war nahe dran, eine Art Kalifat zu werden – noch vor dem Feldzug des Islamischen Staats im Irak und in Syrien. Europa und Amerika schauten zu, Hollande agierte. Auch als es galt, den USA beim Schutz der Kurden und Jesiden im Irak zu helfen, war Hollande der einzige europäische Leader, der Verantwortung übernahm. Obschon er wusste, dass der Mut sein Land exponieren würde.

Mutig war auch, wie er im letzten Jahr die alte Linke, seinen Parti Socialiste, mit einer sozialdemokratischen bis sozialliberalen Wende brüskierte. Frankreichs Sozialisten hatten nie eine reformerische Häutung, wie sie die deutschen Genossen einst, 1959, in Bad Godesberg begingen. Hollande wagte die Häutung, entlastete die Unternehmen – oh, mon Dieu! –, damit sie Arbeitsplätze schüfen. Natürlich enttäuschte er all jene, die ihn wegen seines linkeren Wahlkampfs gewählt hatten: wegen der Reichensteuer etwa und des Versprechens auf bessere Renten. Doch das Erbe war schwer, die Defizite hoch, das Wachstum stockend, der Druck aus Brüssel und Berlin immer drängender. Und die Arbeitslosigkeit sank nicht.

Wie wäre es wohl mit «Sarko»?

Eine Kehrtwende war nötig. Ob es die richtige war, wird sich noch zeigen. Hätte er nicht reagiert, wäre er der Untätigkeit gescholten worden; nun aber, da er reagierte, klagten die Liberalen, er gehe nicht weit genug, und die Linken wetterten, er verrate sie. Nichts passte. Die Popularität sank ins Bodenlose, unter 20 Prozent, so tief wie bei keinem anderen Präsidenten der 5. Republik vor ihm. Es schien schon, als sei diese Präsidentschaft ein einziges, monumentales Missverständnis. Die Linke überlegte sich bereits, ob sie 2017 nicht mit einem anderen Kandidaten antreten wolle. Auch das hatte es noch nie gegeben.

Hollande blieb ruhig. Er machte Witze über seine Unpopularität, bat, dass man ihn erst am Ende seines Mandats beurteile. Seit Sarkozys politischem Comeback zeigt die Beliebtheitskurve wieder nach oben: Der nervöse, zappelige, polarisierende Rivale lässt Hollande gleich noch viel sympathischer erscheinen. Was wäre wohl, wenn Sarkozy Präsident wäre, jetzt, in diesem Moment? Hollande hat den richtigen Ton für diese Sequenz in der französischen Geschichte. Er redet auch nicht von «Krieg» gegen den Terrorismus, wie das sein Premierminister Manuel Valls tut, sein «flic», sein «Bulle», der sich nun den Fragen der Sicherheit widmet. Hollande kann sich ganz auf seine Rolle als Versöhner konzentrieren.

Der Ruf nach einem Masterplan

Es gibt viel zu versöhnen. Von den republikanischen Idealen leidet keines mehr als die «fraternité» zwischen den Gemeinschaften. In den letzten Jahrzehnten waren die Ressentiments nie grösser als heute, in der Krise, die nicht nur eine wirtschaftliche und soziale ist, sondern auch eine kulturelle und identitäre. Zumindest empfinden das viele so. Die Furcht vor dem Abstieg verspannt das Land und gibt Hetzern eine Plattform für ihr islamfeindliches oder antisemitisches Denken.

Und da es in Frankreich sowohl eine grosse muslimische wie auch eine grosse jüdische Gemeinde gibt, sind die Spannungen und die Ghettoisierung in vielen Banlieues mittlerweile ein dringendes Problem. Es ertönt nun allenthalben die Forderung nach einer «Neubegründung der Republik», nach einem Masterplan für das Zusammenleben also, für das Teilen von Werten und Idealen. Bei aller gesellschaftlichen Diversität. Das Modell der Integration steht zur Diskussion, die Erziehung an der Schule, das Ganze eben. Hat Hollande die Kraft für die ersten Gestaltungsgriffe? Kann er die trüben Geister des Front National bannen? Und was ist, wenn ihn die Wirtschaftskrise wieder einholt, wenn die heilige «unité» nach dem Terror zerbricht?

Man beschreibt Hollande gerne als «Synthetiker», als einen Politiker also, der immer die Verknüpfung aller Netze, das Zusammenfügen aller Puzzleteile sucht – fast krampfhaft. Seine Freunde sehen darin sein besonderes Harmonieempfinden, seine Kritiker einen Hang zum Lavieren. In diesen Tagen offenbart sich der Harmoniker Hollande. Das Bild, das die Franzosen von ihrem Präsidenten haben, verändert sich gerade ganz schnell. Da steht kein Schwächling an der Spitze des Staates, keine Lachnummer. Er ist ruhig im Drama. Umarmend. Ohne Pathos und ohne Wintermantel. Trotz der Kälte der Zeiten. Mit Format. Und das steht Frankreich gut an.

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