Die Angst vor der Schere im Kopf

Betroffenheit, Trotz und eine Bundesrätin auf Abwegen: Schweizer Reaktionen zum Anschlag in Paris.

Missverständlicher Tweet: Das Departement von Bundesrätin Doris Leuthard schrieb «Satire ist kein Freipass».

Missverständlicher Tweet: Das Departement von Bundesrätin Doris Leuthard schrieb «Satire ist kein Freipass».

(Bild: Keystone)

Philipp Loser@philipploser

Wie man es nicht macht, das zeigte Medienministerin Doris Leuthard (CVP): «Satire ist kein Freipass», war der erste Satz eines Tweets, in dem die Medienstelle im Namen der Bundesrätin die Anschläge in Paris verurteilen wollte – doch der zweite Teil der Botschaft ging völlig unter. Nach heftigen Reaktionen («Widerlich!», «Peinlich!») lieferte das Departement eine halbe Entschuldigung für das «Missverständnis» nach.

Deutlicher äusserte sich Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Sie verurteilte das Attentat als «Anschlag auf Menschenrechte, wie die Meinungs- und Pressefreiheit» und drückte Frankreich ihr Beileid aus. Der Anschlag zeige, dass grundlegende Rechte und Freiheiten auch in westlichen Demokratien nicht selbstverständlich seien und mit allen Mitteln verteidigt werden müssten.

Wie stark der Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» die Menschen bewegte, davon zeugten spontane Trauerkundgebungen in ganz Europa. Auch in der Schweiz gedachte man der Opfer. Rund 200 Journalistinnen und Journalisten fanden sich auf dem Bundesplatz in Bern ein. Zum Trauermarsch hatte die Mediengewerkschaft Impressum aufgerufen, die sich in einer Mitteilung «zutiefst erschüttert» zeigte. Auch in Zürich, Basel oder Lausanne fanden Trauerkundgebungen statt.

Nach diesem Angriff könne man sich nicht einfach zurücklehnen, sagte Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument der Nachrichtenagentur SDA. Zum einen müsse man sich überlegen, ob die Sicherheit der Redaktionen gewährleistet sei. Zum andern werde es zunehmend schwierig für Medienschaffende, das Verhältnis zwischen einheimischer Bevölkerung und Zugewanderten mit muslimischem Hintergrund zu beschreiben.

Norbert Neininger, Verleger der «Schaffhauser Nachrichten», warnte davor, sich zu stark einschüchtern zu lassen. Eine «Schere im Kopf» sei das Ziel von solchen Anschlägen: «Wir dürfen uns nicht anders verhalten als vorher.» Wie schwierig das ist, weiss Neininger: «Niemand ist vor einer solchen Attacke gefeit. Wir alle sind schutzlos ausgeliefert. Das ist das Grauenhafte.»

Schawinski ist schockiert

In der Schweiz ist die «Weltwoche» von Chefredaktor Roger Köppel besonders exponiert. Bereits als Chef der deutschen «Welt» hatte Köppel Mohammed-Karikaturen publiziert. Massive Drohungen waren die Folge, das Redaktionsgebäude musste bewacht werden. So war es auch im vergangenen November, als Satiriker Andreas Thiel in der «Weltwoche» einen islamkritischen Beitrag publizierte. Nach dem Erscheinen der Titelgeschichte gingen heftige Drohungen an die Adresse von Thiel und der «Weltwoche» ein.

Einer der härtesten Kritiker des Beitrags war Journalist Roger Schawinski, der sich mit Thiel eine öffentliche Fehde lieferte – und auch selber Kritik einstecken musste. Schawinski hat einen solchen brutalen Anschlag wie in Paris seit längerem befürchtet. «Das war meine Angst. Darum bin ich zwar schockiert, aber nicht überrascht.» Der Terrorakt der Islamisten, der «geschworenen Feinde unserer Zivilisation» markiere den Beginn einer neuen Ära: «Es ist der Anfang einer extrem explosiven Entwicklung, die sehr schnell eskalieren kann und damit unser bisheriges Leben in Frieden und Freiheit bedroht. Auch in der Schweiz. Was in Paris geschah, kann auch bei uns passieren. Darauf müssen wir uns gefasst machen.»

Marco Ratschiller, Chefredaktor der Schweizer Satirezeitschrift «Nebelspalter», sieht sich und seine Arbeit nach dem Anschlag nicht gefährdeter als davor. Seine Zeitschrift verfolge einen eigenen Satirebegriff. Bereits vor zwei Jahren hatte Ratschiller zur Mässigung aufgerufen. «Warum Satire alles darf, aber nicht alles muss», war der Titel eines Gastbeitrags von Ratschiller in der «Schweiz am Sonntag», in dem er sich mit der Publikation von Mohammed-Karikaturen in «Charlie Hebdo» beschäftigte. Gute Satire bringe nicht fremde Wertesysteme, sondern eigene Denkschablonen ins Wanken, schrieb Rat­schwiller damals: «Mit Nadelstichen, die so gekonnt dosiert sind, dass man sich der Kritik nicht verschliesst, sondern gerne ausliefert.» Diese Haltung gelte auch heute noch, sagt der Chefredaktor. Was Ratschiller mit seinem «anderen Satirebegriff» meint, liess sich gestern in Deutschland beobachten, wo nicht mit Nadelstichen, sondern mit dem Hammer auf den Anschlag reagiert wurde. «Bei ‹Titanic› könnte so etwas nicht passieren», schrieb Martin Sonneborn, der ehemalige Chefredaktor des Satiremagazins via Facebook: «Wir haben nur sechs Redakteure.»

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