«Es geht um die Freiheit der ganzen Gesellschaft»

Der Westschweizer Karikaturist Thierry Barrigue war mit den Zeichnern, die beim Attentat auf «Charlie Hebdo» getötet wurden, teils eng befreundet.

«Jeder wird sich zu sich selbst flüchten»: «Vigousse»-Gründer Thierry Barrigue sorgt sich um die Karikaturistenszene.

«Jeder wird sich zu sich selbst flüchten»: «Vigousse»-Gründer Thierry Barrigue sorgt sich um die Karikaturistenszene.

(Bild: Keystone Jean-Christophe Bott)

Wie erfuhren Sie vom Attentat?
Die Karikaturistin Coco, die aus Annemasse stammt, ihre Karriere bei «Vigousse» begonnen hat und bei «Charlie Hebdo» arbeitet, hat mich angerufen und geschildert, was passiert ist. Sie konnte sich Gott sei Dank unter ihrem Pult verstecken. Es ist unfassbar: Meine Freunde sind tot. Ich habe die Karikaturisten Jean Cabut und Stéphane Charbonnier (seit 2009 Direktor von «Charlie Hebdo», Anm. d. Red.) vor wenigen Wochen an einer Tagung in Morges getroffen. «Charb» wurde wie immer von zwei Polizisten bewacht, wie das schon seit einigen Jahren der Fall war. Natürlich sprachen wir auch über das Thema Meinungsäusserungsfreiheit und waren einer Meinung: Wir dürfen uns in unserer «libre parole» nicht einschränken lassen. Unser Kampf muss weitergehen.

Trotz der Drohungen?
Ja, denn bei unserer Arbeit geht es nicht allein um unsere persönliche Freiheit. Es geht stets um die Freiheit der ganzen Gesellschaft.

Wie würden Sie die Arbeit der getöteten Karikaturisten charakterisieren?
So wie ich alle Karikaturisten charakterisiere: Wir sind Künstler, aber gleichzeitig auch Journalisten. Wir konzentrieren uns auf das, was morgen passiert. Wir warnen vor Gefahren, sind also selten optimistisch, geniessen unsere Unabhängigkeit und verkörpern nie die Rolle des Hofnarren am Königshof.

Ihr Freund Jean Cabut gehörte zu den grössten Karikaturisten Frankreichs.
«Cabu» ist ein Riesenverlust für Frankreichs Kulturwelt. Er war ja nicht nur Karikaturist, er war auch Jazzfan. Er hat alle grossen Jazzmusiker getroffen und letztes Jahr ein Buch mit dem Titel «Cabu Swing» veröffentlicht. Mit Tignous (Bernard Verlhac) verband mich eine besonders enge Freundschaft. Wir sind oft zusammen gereist. Er hatte immenses Talent, war in jungen Jahren sehr provokativ, aber ist nach der Geburt seiner Kinder sehr viel ruhiger geworden. Aber seien wir ehrlich: Was bei «Charlie Hebdo» passiert ist, kann überall passieren.

Auch Ihnen? Sind Sie schon bedroht worden?
Während meiner Zeit bei der Zeitung «Le Matin» bekam ich Drohungen aus dem Kreis der extremen Rechten. Ich erhielt anonyme E-Mails und Briefe. Darin hiess es: ‹Wir wissen, wo Du wohnst und wir wissen auch, wo Deine Kinder wohnen.› Ich habe dann die Bundespolizei eingeschaltet.

Und was war deren Reaktion?
Man sagte mir, ich soll die Politik von rechts in meinen Karikaturen nicht mehr derart attackieren.

Und das haben Sie gemacht?
Drei Tage lang habe ichs versucht, danach aber wie gewohnt weitergearbeitet. Aber es gibt viele Verrückte. Sie sind gefährlich und der Polizei bekannt. Um Sicherheitspersonal habe ich aber nie gebeten.

Karikaturen über den Islam ist man sich von Ihnen aber nicht gewohnt.
Zumindest thematisiere ich den Islam nicht systematisch. Das hat einen Grund: Ich wollte nicht die christliche Gesellschaft gegen die islamische ausspielen. Genau das wird jetzt in Frankreich noch stärker passieren, dabei wissen wir noch gar nicht, wer das Attentat begangen hat. Die Kulturen in Frankreich und der Schweiz unterscheiden sich im Übrigen stark. Das merkt man auch bei den Karikaturen. Frankreich ist ein ehemaliges Königreich, wo man Autoritäten auch mal beschimpft. Die Schweiz ist eine föderalistische Republik, wobei man sich auch als Karikaturist konsensorientierter verhält.

Welche Konsequenzen wird das Attentat auf die Karikaturistenszene haben?
Es herrscht Panik. Jeder wird sich zu sich selbst flüchten. Um «Charlie Hebdo» mache ich mir grosse Sorgen. Wirtschaftlich ging es der Zeitschrift nicht gut. Jetzt hat es auf einen Schlag auch noch seine bekanntesten Leute und mit Charb den Direktor verloren. Die Frage ist: Wer wird dort nun Verantwortung übernehmen? Eines ist klar: Wir Karikaturisten dürfen uns in unserer Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken lassen.

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