An der Grenze steigen schon die Grundstückspreise

Das Treffen zwischen Kim und Trump verstärkt bei vielen Südkoreanern die Zuversicht, dass sich die lange verfeindeten Landesteile bald annähern werden.

Angetan: Viele Südkoreaner verfolgen den Gipfel im Fernsehen. Foto: Ahn Young-Joon/AP

Angetan: Viele Südkoreaner verfolgen den Gipfel im Fernsehen. Foto: Ahn Young-Joon/AP

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Südkoreas Regierung begann ihre reguläre Kabinettssitzung am Dienstag vor einem Flachbildfernseher. In einer Live-Sendung schauten sich die Minister den Handschlag an, mit dem sich US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in Singapur begrüssten. Danach sagte ein müde wirkender Präsident Moon Jae-in, er habe in der Nacht vor Aufregung nicht schlafen können.

Moon, der Regisseur der Entspannung auf der koreanischen Halbinsel, hatte noch am Montagabend 40 Minuten mit Trump telefoniert. Trump dankte Moon in seiner Pressekonferenz für die Vermittlung. Er werde ihn gleich anrufen, sagte er. US-Aussenminister Mike Pompeo wird am Mittwoch in Seoul erwartet, um die Südkoreaner über den Gipfel zu informieren. In einem ersten Kommentar gratulierte Moon Trump und Kim zum «historischen Gipfel, der den letzten Rest des Kalten Kriegs» beenden werde.

Die Schlusserklärungen, die Trump und Kim in Singapur unterzeichneten, klängen, als hätte Moon sie aufgesetzt, nicht US-Sicherheitsberater John Bolton, sagte Ko Myong-hyun vom Asan-Institut, einem auf Nordkorea spezialisierten Thinktank in Seoul, im südkoreanischen Fernsehen. Bolton hatte noch im Mai von einer Libyen-Lösung gesprochen. Damit meinte er den baldigen Abtransport aller Atomsprengköpfe Nordkoreas nach Tennessee, wo sie demontiert werden sollten.

Donald Trump hingegen habe sich nun auf eine «Anti-Libyen-Lösung» eingelassen, sagte Ko. Damit folgt er Moons Kurs, den auch die Chinesen unterstützen. Aus Sicht Moons ist Nordkoreas Denuklearisierung notwendig, aber sie hat nicht jene Priorität, die Washington ihr bis vor Kurzem gab. Südkoreas Präsident will Nordkorea vielmehr aus der Isolation helfen, der vollständige Verzicht auf die Atomwaffen komme mit der Einbindung Nordkoreas in die Staatengemeinschaft, so lautet sein Konzept.

«Wir sind wie eine Familie geworden»

Der Optimismus, der in Südkorea schon seit den Olympischen Winterspielen herrscht, erhielt mit dem Trump-Kim-Gipfel neuen Auftrieb. Manchmal ist das schon sehr greifbar: Die Landpreise an der Grenze zum Beispiel steigen schon seit dem Frühjahr; viele mittelständische Unternehmen, die bis Februar 2016 im gemeinsamen Industriepark der beiden Koreas in Kaesong, nördlich der Grenze, produzierten, bereiten sich auf eine Rückkehr vor. Sie beschäftigten dort etwa 50'000 Nordkoreaner. Am Dienstag sagte einer der Unternehmer, er wolle möglichst bald zurück, nicht nur um zu produzieren: «Wir sind wie eine Familie geworden.»

Der Industriepark ist derzeit allerdings mit Sanktionen belegt; es wäre illegal, ihn zu reaktivieren. Aber in Südkorea erwartet man, dass sich das bald ändert. Zwei südkoreanische Handelskonzerne erklärten am Dienstag, sie hätten Arbeitsgruppen gebildet, um eine mögliche Expansion nach Nordkorea anzubahnen. Und in der Stadt Kaesong bereiten die beiden Koreas derzeit die Eröffnung eines Verbindungsbüros vor: für eine provisorische Diplomatie.

Moons liberale Partei dürfte direkt vom Singapurer Gipfel profitieren. An diesem Mittwoch wählt Südkorea seine Kommunalparlamente neu, die Wahl wird nun zum Referendum über Moon. Die Liberalen hoffen, die Konservativen, deren Ex-Präsidentin Park Geun-hye wegen Korruption im Gefängnis sitzt, auch auf lokaler Ebene in die Opposition zu zwingen.

Weit entfernt von Japans Forderungen

Die Konservativen kritisieren Moon für seine «weiche Linie» Nordkorea gegenüber scharf, Trumps Gipfel mit Kim nannten sie am Dienstagabend «zum Vergessen». Suh Kune-yull, ein Atomingenieur der National-Universität in Seoul, bezeichnete die Schlusserklärung als «hohl». Er sei enttäuscht. Trump habe eine Chance vertan: Er sei der «Verlierer des Gipfels». Suh empört sich darüber, dass Südkorea und Japan auf Trumps Pressekonferenz erfuhren, sie müssten nun Nordkoreas Nuklearabrüstung finanzieren. Doch selbst die moderat konservative Zeitung Joongan Ilbo schreibt: «Eine neues Kapitel beginnt.»

Japans Regierung fuhr vor dem Gipfel die härteste Linie. Sie verlangte, Nordkorea müsse nicht nur die Atomwaffen und Langstreckenraketen komplett und verifizierbar aufgeben, sondern auch seine Kurzstreckenraketen. Sonst komme keine Lockerung der Sanktionen infrage. Premier Shinz? Abe war zweimal zu Trump geflogen, um ihn zu bitten, auf Kim wegen der Ende der 1970er-Jahre von nordkoreanischen Agenten nach Pyongyang verschleppten Japaner Druck auszuüben.

In seiner Pressekonferenz behauptete Trump, er habe die Verschleppten Kim gegenüber erwähnt. Dafür dankte ihm Abe am Abend. Dennoch ist das Ergebnis des Gipfels weit von dem entfernt, was Japan forderte. Abe lobte Trump gleichwohl. Er hat sich selbst während des Durcheinanders vor dem Gipfel nicht von Trump distanziert. Und auch sonst nie. Doch Abe will ebenfalls direkt mit Nordkorea verhandeln.

Von «Öffnung» soll in Nordkorea nicht gesprochen werden

Nordkoreas Medien arbeiten langsamer. Die Parteizeitung Rodong Sinmun berichtete am Dienstag mit vielen Fotos über Kims Stadtrundgang mit Singapurs Aussenminister Vivian Balakrishnan. Er sei sehr beeindruckt gewesen, sagte Kim, und könne viel für die Stadtplanung lernen. Während des Gipfels zeigte das nordkoreanische Fernsehen mehrmals einen Propagandafilm: Kim und immer wieder Kim, vor allem in der Natur und mit dem Militär.

Die Website DailyNK in Seoul, an der Überläufer aus dem Norden mitarbeiten, berichtete, Pyongyang habe für die Dauer von Kims Abwesenheit die Repression verstärkt. «Uns wurde gesagt, wenn der Vater ausser Haus ist, sei er nur ruhig, wenn zu Hause Frieden herrsche, deshalb müssten die Menschen wachsam bleiben», so eine anonyme Quelle aus der Provinz Ryanggang.

Parteikader seien angewiesen worden, die Begriffe «Reform» und «Öffnung» zu meiden. Kader, die Kims Kehrtwende ablehnten, so DailyNK weiter, fürchteten, «wenn die amerikanischen Imperialisten Kim Jong-un unterstützen, wird er noch mächtiger und mutiger». Der Gipfel könnte Kim helfen, seine Macht noch weiter zu festigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 21:06 Uhr

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