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«Zimmerman hat das Herz am rechten Fleck»

In einem emotionalen Interview äussert sich erstmals eine Geschworene öffentlich zum Freispruch von George Zimmerman. Sie sagt, wie sie zu ihrem Urteil gekommen ist.

«Es ging alles furchtbar schief»: Eine Geschworene äussert sich zum Urteil im Trayvon-Martin-Prozess.
«Es ging alles furchtbar schief»: Eine Geschworene äussert sich zum Urteil im Trayvon-Martin-Prozess.
Screenshot CNN

Nach dem Freispruch im Prozess um den Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin hat eine der sechs Geschworenen öffentlich über die schwierige Urteilsfindung gesprochen: Eine als «Geschworene B-37» vorgestellte und im Dunkeln sprechende Frau sagte dem US-Nachrichtensender CNN, zu Beginn der 16-stündigen Beratungen seien drei Geschworene für einen Freispruch für den angeklagten Todesschützen George Zimmerman gewesen, die drei anderen hätten den Fall zunächst als Totschlag bewerten wollen.

Erst nach Stunden der Debatte und wiederholtem Lesen der gesetzlichen Bestimmungen sei Einigkeit darüber erzielt worden, dass Zimmerman freigesprochen werden müsse, erläuterte die Geschworene. Aus dem Prozess habe sich für sie das Bild ergeben, dass Trayvon Martin den Angeklagten Zimmerman angegriffen habe, sagte die Geschworene. Zimmerman habe «ohne Zweifel» um sein Leben gebangt. Die dann folgende tödliche Auseinandersetzung sei eine «Tragödie», fügte die Geschworene hinzu. Beide Beteiligten seien mitverantwortlich, dass sie in diese Situation hineingeraten seien. «Beide hätten auch weggehen können.»

«Ich glaube, George Zimmerman ist ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat», so die Geschworene weiter, «es ging nur alles furchtbar schief.» Der Vandalismus in seiner Nachbarschaft habe ihn offenbar so wütend gemacht, dass er vom rechten Weg abgekommen sei und einen Fehler gemacht habe. «Er machte sich schuldig, weil er ein falsches Urteil fällte. Er hätte nicht aus dem Wagen aussteigen sollen.» «Glauben Sie, es war richtig, dass Zimmerman eine Waffe trug?», fragte der Moderator daraufhin die Geschworene. «Ich glaube, er hatte das Recht dazu», antwortete sie.

Die Debatte sei sehr emotional gewesen, erklärte die Geschworene mit zitternder Stimme, nach der Urteilsfindung habe es Tränen gegeben. «Es ist hart zu wissen, dass jemand sein Leben verloren hat und nichts dagegen getan werden kann. Es ist passiert.»

Obama hält sich zurück

US-Präsident Barack Obama hält sich nach Angaben des Weissen Hauses aus dem weiteren Vorgehen der Justiz im Fall des schwarzen Teenagers Trayvon Martin heraus. Obamas Sprecher Jay Carney sagte am Montag, der Präsident werde das Justizministerium seine Arbeit machen lassen.

US-Justizminister Eric Holder bekräftigte, dass die im Frühjahr 2012 begonnenen Ermittlungen der Bundesbehörden gegen Zimmerman fortgeführt würden. Die Untersuchungen waren wegen des Strafverfahrens in Florida unterbrochen worden, in dem Zimmerman am Wochenende freigesprochen wurde. Das Urteil hatte vor allem unter Afroamerikanern und bei Bürgerrechtlern für Empörung gesorgt.

Experten zweifeln

Holder sagte, sein Ministerium werde «im Einklang mit den Fakten und dem Recht» handeln. Der afroamerikanische Verband NAACP hatte eine Anklage Zimmermans vor einem Bundesgericht verlangt: «Das fundamentalste Bürgerrecht, das Recht auf Leben, wurde in der Nacht verletzt, als George Zimmerman Trayvon Martin verfolgte und tötete.» Experten sind aber skeptisch, dass Zimmerman eine Straftat nach Bundesrecht wie eine Verletzung von Bürgerrechten oder ein Hassverbrechen nachzuweisen ist.

Holder erklärte, er teile die Besorgnis in der Bevölkerung über den «tragischen» und «unnötigen» Tod des 17-jährigen Trayvon. Das Land müsse nun eine «offene» Diskussion führen über die «komplizierten und emotional aufgeladenen Fragen, die dieser Fall aufgeworfen hat». Der Tod des Teenagers hatte für Aufsehen gesorgt, weil dabei auch Rassismus im Spiel gewesen sein soll.

Geschworene sehen Notwehr

Der Nachbarschaftswächter Zimmerman, Sohn einer peruanischen Mutter und eines weissen US-Bürgers, hatte Martin am Abend des 26. Februar 2012 in Sanford nahe Orlando erschossen. Obwohl der schwarze Jugendliche unbewaffnet war, liess die Polizei den Schützen zunächst laufen. Dabei berief sie sich auf ein Gesetz, das Bürgern in Florida ein weitgehendes Selbstverteidigungsrecht einräumt. Zimmerman hatte erklärt, dass Martin ihn zuerst attackiert habe.

Erst nach einer Protestwelle klagte die Justiz in Florida den Nachbarschaftswächter an. Zimmerman wurde schwerer Totschlag vorgeworfen, im US-Strafrecht «second-degree murder» genannt. In dem Prozess befanden die Geschworenen am Samstag, dass Zimmerman in Notwehr gehandelt habe. Das Urteil ist endgültig, da die Anklage im US-Strafrecht gegen einen Freispruch durch eine Jury keine Rechtsmittel einlegen kann. Daher hoffen die Kritiker der Entscheidung nun auf einen Prozess vor einem Bundesgericht.

Tausende demonstrieren

In der Nacht auf Montag hatten in New York, San Francisco, Chicago, Los Angeles und anderen Städten Tausende Menschen gegen das Urteil aus Florida protestiert. In Los Angeles wurden mindestens sechs Menschen wegen einer «gesetzeswidrigen Versammlung» festgenommen. In New York seien 15 Protestteilnehmer vorübergehend in Gewahrsam genommen worden, erklärten die Behörden.

Der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Al Sharpton kündigte am Montag an, dass am kommenden Samstag Demonstrationen in einhundert US-Städten geplant seien. «Das ist noch lange nicht vorbei», sagte Sharpton dem Sender NBC. Obama hatte am Sonntagabend zur Besonnenheit aufgerufen. Die USA seien ein Rechtsstaat, «die Jury hat entschieden», erklärte er.

AFP/rub/chk/fko

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