Was Trumps «tapferer Mann» alles weiss

Sonderermittler Robert Mueller kommt dem US-Präsidenten immer näher. Sein Deal mit Paul Manafort könnte einiges aufdecken.

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Rettet jetzt doch noch lieber seine Haut: Paul Manafort steigt in Washington in ein Taxi. (Archiv)

(Bild: Keystone AP Photo/Andrew Harnik)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Der sonst so kommunikative Präsident blieb stumm. Der Samstag verging, ohne dass sich Donald Trump per Twitter oder sonstwie zum Umfaller seines ehemaligen Wahlkampfvorsitzenden Paul Manafort gemeldet hätte.

Konfrontiert mit einem zweiten Prozess und bereits verurteilt wegen Steuerhinterziehung und Bankbetrug wechselte Manafort am Freitag die Seiten – und wird künftig Russland-Sonderermitter Robert Mueller in der Hoffnung auf Strafminderung zu Diensten sein. Was immer Mueller von ihm will: Manafort, so schreibt es seine Abmachung mit den Anklägern vor, muss auspacken. Nicht einmal sein Anwalt darf zugegen sein, wenn der verurteilte Lobbyist über seine Arbeit im Dienste Donald Trumps oder seine schmutzigen Geschäfte mit der russlandfreundlichen ukrainischen Ex-Regierung von Viktor Janukowitsch berichtet.

Jetzt rettet er doch seine Haut

Für Trump könnte dies unangenehme Folgen haben, denn immer näher schiebt sich der Sonderermittler an ihn und seine Familie heran. Schon sind vier seiner Mitarbeiter im Präsidentschaftswahlkampf 2016 – George Papadopoulos, Michael Flynn, Rick Gates und nun Manafort – verurteilt worden, ohne dass ein Ende von Muellers Ermittlungen absehbar wäre.

Nach monatelangem Ausharren hatte sich Manafort zur Kooperation mit dem Sonderermittler bereiterklärt, weil er andernfalls den Rest seines Lebens hinter Gittern verbracht hätte. Noch im August hatte Trump ihn als «tapferen Mann» gepriesen, der «nicht umgefallen ist und Geschichten erfunden hat, um seine Haut zu retten».

Kaum war am Freitag bekanntgeworden, dass der vermeintlich Standhafte so standhaft nicht war, distanzierte sich das Weisse Haus von ihm: Manaforts Verbrechen hätten «absolut nichts mit dem Präsidenten oder seinem siegreichen Wahlkampf» zu tun, erklärte Pressesprecherin Sarah Sanders.

Um den Schlaf bringen könnte Manafort den Präsidenten trotzdem. In den fünf Monaten vom April bis zum August 2016, in denen er Trumps Wahlkampf leitete, geschah allerhand, was Neugierde wie Misstrauen erregt: Im Juni 2016 trug sich das seltsame Treffen von Jared Kushner und Donald Trump junior mit der russischen Anwältin Natalia Weselnitzkaja im New Yorker Trump Tower zu, bei dem sich die Anwesenden russischen Schmutz über Hillary Clinton erhofften.

Mit dabei: Paul Manafort, der Licht in das Lügengebäude bringen könnte, das Trump und seine Verwandten nachweislich zu konstruieren versuchten, um den Zweck der Begegnung zu verschleiern.

Dass Manafort nichts zu sagen hat, ist eher unwahrscheinlich.

Manafort könnte zudem über die Bemühungen aufklären, das republikanische Parteiprogramm im Juli 2016 russlandfreundlicher zu gestalten. Nach einer Intervention, deren Ursprung bis heute nicht wirklich geklärt worden ist, wurde ein Passus über die US-Bewaffnung der Ukraine überraschend gestrichen. Auch wüsste Paul Manafort vielleicht etwas mehr über den Diebstahl demokratischer Mails durch angeblich russische Hacker. Obendrein könnte der umtriebige Ex-Lobbyist Auskunft über mögliche illegale Wahlkampfspenden aus Russland oder anderweitige Verbindungen von Trumps Wahlkampftruppe mit dem Kreml erteilen. Dass Manafort zu all dem nichts zu sagen hat, ist eher unwahrscheinlich. Denn vor seinem Deal mit dem Sonderermittler musste der Angeklagte bereits einen Überblick über sein Wissen unterbreiten, um Muellers Ankläger vom Wert einer Zusammenarbeit zu überzeugen. Selbst der Trump stets freundlich gesonnene Star-Anwalt Alan Dershowitz bekannte denn auch, Manaforts Umfaller sei «ein grosser Gewinn für Mueller». Zumal am Samstag aus verlässlichen Quellen in Washington und New York verlautete, dass Michael Cohen, Trumps ehemaliger Anwalt und Ausputzer, gleichfalls bei Mueller redet.

Es könnte auch ein Gewinn für Trump sein

Dem Präsidenten sollte die wuchernde Untersuchung Muellers eigentlich genehm sein: Wenn Trump sich tatsächlich nichts zu Schulden hat kommen lassen, also weder Teil einer Verschwörung während des Wahlkampfs 2016 war noch danach Justizbehinderung betrieb, wird Mueller ihn entlasten. Trump, weil unschuldig, könnte danach beruhigt in die nächste Präsidentschaftswahl ziehen. Andernfalls wird sich der Präsident in der einen oder anderen Form verantworten müssen. Und hatte er noch im Juni geklagt, dass Mueller wegen des «Russland-Schwindels» bereits 17 Millionen Dollar ausgegeben habe, so kann sich der Präsident seit Freitag trösten: Das Schuldgeständnis zwingt Paul Manafort, einen Grossteil seines Vermögens inklusive mehrerer Immobilien an den Staat auszuhändigen. Der Gesamtwert übersteigt wahrscheinlich die bisherigen Kosten Muellers.

Redaktion Tamedia

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