Zum Hauptinhalt springen

Unbewaffnet, schwarz, tot

Bei den Krawallen in Missouri entlädt sich eine aufgestaute Wut. Auch unter einem schwarzen Präsidenten lebt der Rassismus fort in den USA.

Sorgt man so für Frieden? Polizisten in Ferguson beobachten die Proteste gegen Rassismus. Foto: Scott Olson (Getty Images)
Sorgt man so für Frieden? Polizisten in Ferguson beobachten die Proteste gegen Rassismus. Foto: Scott Olson (Getty Images)

Eine Woche nach der Erschiessung des 18-jährigen Michael Brown durch einen Polizisten in Ferguson, Missouri, hat sich die Lage dort beruhigt. Der Gouverneur hat die lokale Polizei zurückgepfiffen, die mit Kriegsgerät gegen Demonstranten vorgegangen war und die Proteste so angeheizt hatte. Präsident Obama hat zur Besonnenheit aufgerufen, die Bundespolizei FBI eine Aufklärung des Falls versprochen.

Erledigt ist die Sache damit nicht. In der Nacht auf Freitag ist in Dutzenden US-Städten friedlich protestiert worden. Tausende riefen: «Die Hände sind oben, nicht schiessen.» Auch wenn die Umstände von Browns Tod ungeklärt sind: Der junge Mann war unbewaffnet.

Unbewaffnet, schwarz, tot. Das stellt Brown in eine traurige Reihe: Eric Garner, 43, verkaufte in New York Zigaretten auf der Strasse und starb im Juli im Würgegriff eines Polizisten. Renisha McBride, 19, suchte im November nach einem Autounfall in Detroit Hilfe und wurde von einem weissen Hausbesitzer mit einem Schuss durchs Fliegengitter getötet. Trayvon Martin, 17, kam auf dem Heimweg in Florida einem Nachbarschaftswächter «verdächtig» vor.

«Wie viele sollen noch sterben?», fragt der schwarze TV-Kommentator LZ Granderson. Die sich wiederholende Tragödie mache ihn müde. Müde zu hören, der Todesschütze habe «um sein Leben gefürchtet». Müde zu hören, dass das mit Hautfarbe nichts zu tun habe. Müde, einen Twitter-Hashtag vor dem Namen eines neuen Opfers zu sehen. Der Tod Michael Browns wühlt Amerika auf. Dass Obama dieser Tage primär zu Ruhe und Ordnung gemahnt hat, empfinden manche Afroamerikaner als Provokation: «Wer jetzt auf Gewaltlosigkeit pocht, zeigt vor allem, dass er ein ‹guter Neger› ist», twittert Eddie Glaude, ein schwarzer Theologieprofessor in Princeton. Nun gehöre demonstriert, nicht stillgehalten.

«Zuschnappende Türverriegelungen»

Nach Trayvon Martins Tod fand der Präsident starke Worte. Er sprach von der Angst, der man als Schwarzer in diesem Land zu oft begegne. Als junger Mann habe auch er «das Geräusch zuschnappender Türverriegelungen» kennen gelernt, wenn er an parkierten Autos vorbeigegangen sei. Justizminister Eric Holder erzählte, wie er in Washington zum Kino gerannt und deshalb von der Polizei angehalten worden sei. Rennende Schwarze sind verdächtig. Auch 2014, unter dem ersten afroamerikanischen Präsidenten.

Das ist ernüchternd. Obamas Wahl 2008 liess viele auf ein neues, farbenblindes Amerika hoffen, auf eine Zeit, in der nur noch Ewiggestrige von Rassen faseln. Bis heute optimistisch gibt sich der Oberste Gerichtshof, der den Minderheitenschutz beim Wahlrecht gekippt und Förderquoten an Hochschulen geschwächt hat. Nicht mehr nötig, heisst es, Amerika sei anders geworden.

Viele Afroamerikaner mögen das nicht unterschreiben. Nicht nur in Ferguson, Missouri, werden Schwarze von einer mehrheitlich weissen Polizei routinemässig härter angepackt. Auch deshalb sind die Reaktionen auf Browns Tod so heftig, glaubt der schwarze Soziologe Elijah Anderson: «Erfahrung lehrt schwarze Männer, dass Polizeibeamte sie nicht beschützen, sondern erniedrigen und kriminalisieren.» Oder erschiessen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch