TV, kurz arbeiten, TV – und Feierabend!

Donald Trumps Terminkalender ist geleakt. Am meisten Zeit verbringt der Präsident in seinen Gemächern.

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Als die «New York Times» im Dezember behauptete, Präsident Trump schaue täglich vier bis acht Stunden TV, wies das Weisse Haus den Bericht erbost zurück: Fake-News! Trump sei ein harter Arbeiter, fürs Fernsehen habe er kaum Zeit, hiess es.

Nun aber konnte Jonathan Swan, ein Reporter für die Polit-Website «Axios», Trumps Terminkalender für Dienstag, Mittwoch und Donnerstag dieser Woche einsehen – nicht den offiziellen und geschönten Terminkalender, sondern den wirklichen. Vielleicht wollte Swans Quelle im Weissen Haus mit der Indiskretion einmal mehr nachweisen, was seit Michael Wolffs Enthüllungsbuch über die Zustände im Weissen Haus und in Trumps Kopf gemunkelt wird: dass der Präsident nämlich mental nicht ganz auf der Höhe sei.

Video: Trump verteidigt seinen geistigen Zustand

Der US-Präsident äusserte sich zum Enthüllungsbuch «Fire and Fury». Video: TA/Reuters

Trumps Stundenplan kommt jedenfalls sehr bescheiden daher, und die wichtigste Komponente scheint die sogenannte «Exekutivzeit» zu sein. Sie markiert offenbar jene Stunden, die Trump in seiner Residenz vor dem TV, beim Twittern und mit Telefonaten verbringt. Laut dem «offiziellen» Terminkalender arbeitet Trump von 8 bis 11 Uhr täglich im berühmten Oval Office, dem Arbeitsplatz amerikanischer Präsidenten.

Tatsächlich bleibt der Präsident während dieser Zeit in seinen Privatgemächern, wo er bereits seit 6 Uhr TV schaut, twittert und telefoniert. Bei Tagesanbruch beginnt Trumps Interaktion mit seiner TV-Lieblingssendung «Fox and Friends» auf seinem Hauskanal Fox News. Oft beziehen sich die frühmorgendlichen Tweets des Präsidenten auf Berichte von Fox News. Als der Sender unlängst meldete, 2017 sei ein besonders gutes Jahr ohne grössere Unfälle für die Zivilluftfahrt gewesen, twittert Trump nur Minuten später, dieser Umstand sei ihm, Donald Trump, zu verdanken.

Stundenlang «Exekutivzeit»

Gemäss der «Axios»-Enthüllung begann Trumps Arbeitstag am Dienstag um 11 Uhr, als er die Residenz verliess und nach wenigen Metern im Oval Office zu einem Gespräch mit Stabschef John Kelly einlief. Danach war erneut «Exekutivzeit» anberaumt und später eine Stunde Lunchzeit in Trumps privatem Speisezimmer, wo mehrere TVs installiert wurden. Dann folgte neuerlich «Exekutivzeit», insgesamt 75 Minuten, ehe sich Trump eine Dreiviertelstunde mit seinem Sicherheitsberater H. R. McMaster traf.

Vor dem letzten Treffen des Tages mit Personalchef Johnny DeStefano genoss Trump einmal mehr «Exekutivzeit», allerdings nur 15 Minuten. Dem Terminkalender zufolge endete der Arbeitstag des Präsidenten um 16.15, worauf er sich wieder in die Residenz begab – wo er unweigerlich vor dem TV sass und die Nachrichtenkanäle Fox News und CNN verfolgte.

Bilder: Das Internet macht sich über Trump lustig

Den Washingtoner Korrespondenten der kanadischen Zeitung «Toronto Star», Daniel Dale, erinnert Trumps «Exekutivzeit» an die berühmt-berüchtigten «Wählertreffen», die den Terminkalender von Torontos inzwischen verstorbenem Skandalbürgermeister Rob Ford füllten. Dale berichtete damals als Lokalreporter über den koksenden Bürgermeister, dessen «Wählertreffen» seinen Zeitvertreib mit Drogen verschleiern sollten.

Nicht dass Trump kokste: Er sieht einfach furchtbar gern fern, vor allem Sendungen bei Fox News, in denen er als Superstar und bester Präsident aller Zeiten hingestellt wird. Die angenehmen Arbeitszeiten – am Mittwoch und Donnerstag sind sie laut dem von «Axios» eingesehenen Terminkalender gleichfalls kurz – hatte Trump eigentlich abgelehnt. Nur selten würde er das Weisse Haus verlassen, «weil es doch so viel Arbeit gibt», stellte er 2015 in Aussicht.

Die Geheimdienste mögen 70 Milliarden Dollar verschlingen, Trump bezieht seine Informationen lieber von Fox News.

Im Jahr davor hatte Trump Präsident Barack Obama scharf kritisiert, weil er zu viel Golf spiele «trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, denen die Vereinigten Staaten gegenüberstehen». Obama verbrachte in seinem ersten Amtsjahr 28 Tage auf dem Golfplatz, Trump hingegen 48. Auch begann Obamas Arbeitstag um 9 Uhr mit dem morgendlichen CIA-Briefing zur Weltlage. George W. Bush wurde sogar schon um 6.45 von der CIA informiert.

Trump hingegen scheint nur gelegentlich von dem Nachrichtendienst gebrieft zu werden. Die US-Geheimdienste mögen jährlich rund 70 Milliarden Dollar verschlingen, der Präsident bezieht seine Informationen indes lieber von Fox News – während seiner «Exekutivzeit». Das Weisse Haus wehrt freilich ab: Die «Axios»-Story sei «lächerlich».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 20:03 Uhr

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