Trump riskiert sein ganz eigenes Vietnam-Fiasko

Das Ende der US-Gespräche mit den Taliban weckt traumatische Erinnerungen – und schürt einen neuen Verdacht.

Erinnerungen an 1973: US-Präsident Donald Trump bewegt sich in den Spuren Richard Nixons. Foto:

Erinnerungen an 1973: US-Präsident Donald Trump bewegt sich in den Spuren Richard Nixons. Foto:

Martin Kilian@tagesanzeiger

Der Krieg zwischen einer westlichen Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten und den Taliban in Afghanistan dauert seit 18 Jahren an. Nun versuchte Präsident Trump, den Konflikt zu beenden – und erinnerte dabei fatal an Richard Nixons Abzug aus Vietnam 1973. Der Plan des Präsidenten und seines Aussenministers Mike Pompeo, ein Friedensabkommen mit den Taliban publikumswirksam in Camp David zu unterzeichnen, war am Samstag geplatzt, nachdem ein US-Soldat bei einem Taliban-Selbstmordanschlag in Kabul getötet worden war. So jedenfalls begründete es Präsident Trump.

Hinter den Kulissen aber war bereits zuvor Kritik an den seit zehn Monaten in Katar laufenden Verhandlungen zwischen Vertretern der Taliban und dem US-Sonderbotschafter Zalmay Khalilzad geübt worden. Sowohl der afghanische Präsident Ashraf Ghani als auch engste Mitarbeiter Trumps befürchteten einen Ausverkauf der gewählten Regierung in Kabul im Zuge eines Friedensabkommens.

Heftige Schelte aus allen politischen Lagern

Kongressmitglieder beklagten überdies, dass Trumps Inszenierung in Camp David kurz vor dem 18. Jahrestag des Massenmords von 9/11 stattgefunden hätte. Al-Qaida-Gründer Osama Bin Laden war von den Taliban beherbergt worden und hatte die Anschläge auf das New Yorker Word Trade Center in Afghanistan geplant.

Hatten schon Vizepräsident Mike Pence und Trumps Sicherheitsberater John Bolton Bedenken gegen die Verhandlungen in Katar sowie die Unterzeichnung eines Abkommens in Camp David angemeldet, so mussten Trump und Aussenminister Pompeo am Sonntag und Montag teils heftige Schelte aus allen politischen Lagern einstecken.

Die Taliban nach Camp David einzuladen, sei «völlig inakzeptabel», erklärte der republikanische Kongressabgeordnete Adam Kinzinger stellvertretend für viele seiner Parteifreunde. «Die ganze Sache ergibt keinen Sinn», meldete sich die demokratische Senatorin Amy Klobuchar (Minnesota) zu Wort. Bereits zuvor hatte der demokratische Abgeordnete Eliot Engel als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus Sonderbotschafter Khalilzad vorgeladen und erklärt, man wolle «gewährleisten, dass hier ein Friedensvertrag und nicht einfach ein Abzug ausgehandelt wird».

Für Präsident Trump ist dies ein weiterer aussenpolitischer Rückschlag.

Ein möglichst rascher US-Abzug aber war wohl Sinn der Sache: Schon im Wahlkampf 2016 hatte Kandidat Trump ein Ende des Kriegs in Afghanistan in Aussicht gestellt, nun wollte der Präsident dieses Versprechen einlösen. Zwar wäre es tatsächlich höchste Zeit für einen Kurswechsel in Afghanistan, bekannt gewordene Teile des in Katar ausgehandelten Abkommens schürten jedoch den Verdacht, Washington wolle sich wie seinerzeit in Vietnam auch diesmal lediglich eine «Schamfrist» bis zum möglichen Zusammenbruch der Regierung in Kabul sichern.

Als Präsident Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger 1971 insgeheim nach Peking reiste, um Bewegung in die Friedensverhandlungen mit Nordvietnam zu bringen, schwebte ihm eine «anständige Schamfrist» zwischen einem amerikanischen Abzug aus Vietnam und dem erwarteten Sieg des Vietcong und Nordvietnams über die mit Washington verbündete Regierung in Südvietnam vor.

Wiederholt sich die Geschichte?

Nur so könnte der Eindruck verhindert werden, die USA hätten den Krieg verloren und die Regierung in Saigon auf schäbigste Weise fallengelassen, glaubte Kissinger. «Südvietnam wird wahrscheinlich sowieso nicht überleben, wenn ich das mal ganz ehrlich sagen darf», hatte Präsident Nixon 1972 zu Kissinger gesagt. Ein Jahr später zogen die US-Soldaten ab, und 1975 marschierten nordvietnamesische Verbände und der Vietcong in Saigon ein.

Ähnliches könnte sich nun in Kabul wiederholen, weshalb die afghanische Regierung die Verhandlungen in Katar mit grossem Misstrauen verfolge und ihr einstweiliges Ende am Sonntag begrüsste. Für Präsident Trump ist dies ein weiterer aussenpolitischer Rückschlag nach seinem bislang weitgehend erfolglosen Werben um Nordkoreas Diktator Kim Jong-un.


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