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So ticken Briefbombenattentäter

Wer hinter den versuchten Anschlägen in den USA steckt, ist unklar. Hinweise geben frühere Fälle.

Solche Sprengsätze wurden an verschiedene Politiker und Medienhäuser versandt: Eine der vom FBI abgefangenen Paketbomben. (Video: AP)

Ist es gute Polizeiarbeit oder einfach Glück, dass niemand verletzt wurde? Mindestens acht Sprengsätze hat die US-Bundespolizei FBI abgefangen, bevor sie Schaden anrichten konnten. Adressiert waren sie allesamt an Medienhäuser, führende Politiker der Demokratischen Partei sowie deren Unterstützer. Und stets handelte es sich um Brief- oder Paketbomben, die mit der Post versandt wurden.

Solche auf den ersten Blick normal aussehenden Umschläge und Pakete sind meist mit einem Zünder versehen, der beim Öffnen eine Explosion auslöst. Oder sie enthalten giftige Stoffe, die bei Kontakt gefährliche Reaktionen hervorrufen. Oftmals wird deshalb nicht der Adressat selbst zum Opfer, sondern es kommen Personen in seiner Umgebung oder Polizisten zu Schaden, welche die verdächtige Sendung entschärfen wollen.

Ähnlich gebaute, einfache Rohrbomben

Im aktuellen Fall in den USA waren es Rohrbomben, bei denen ein Sprengkörper ein Metallrohr zum Bersten bringt und damit eine verheerende Wirkung hat. Sie sind relativ leicht herzustellen, Anleitungen finden sich zuhauf im Internet. Laut den Ermittlern handelt es sich bei den sichergestellten Paketen um ähnlich gebaute Bomben. Die Polizei geht deshalb davon aus, dass sie von ein und demselben Einzeltäter oder Netzwerk stammen.

Weil beim gross angelegten Anschlagsversuch ausschliesslich Demokraten und Gegner von US-Präsident Donald Trump ins Visier genommen wurden, spricht vieles für eine politisch motivierte Tat. Das würde auch ins Profil eines Briefbombenattentats passen. In vielen früheren Fällen handelte es sich entweder um ein politisch motiviertes Vorgehen einer Gruppierung oder um einen verstörten Einzeltäter. Dies zeigen einige Beispiele, die in jüngerer Vergangenheit für Aufsehen sorgten.

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2013: Vergiftete Briefe an Obama

Die Polizei verdächtigte zuerst den Falschen: FBI-Mitarbeiter in Schutzanzügen durchsuchen ein Haus. (Bild: Keystone)

Barack Obama, der auch im aktuellen Fall zu den Adressaten gehört, machte schon vor fünf Jahren ähnliche Erfahrungen – und dies gleich zweimal hintereinander. Im April wurde ein Brief an ihn abgefangen, der mit dem tödlichen Pflanzengift Rizin gefüllt war. Der republikanische Senator Roger Wicker und eine Richterin waren ebenfalls betroffen.

Zuerst wurde ein Mann namens Paul Kevin Curtis festgenommen. Doch der wahre Absender war James Everett Dutschke, der mit Curtis eine persönliche Fehde hatte. Dutschkes perfide Täuschung flog auf, er wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Wird nach ihrer Verurteilung aus dem Gericht abgeführt: Schauspielerin Shannon Richardson. (Bild: Keystone)
Wird nach ihrer Verurteilung aus dem Gericht abgeführt: Schauspielerin Shannon Richardson. (Bild: Keystone)

Nur zwei Monate später sorgte die Verhaftung der Schauspielerin Shannon Richardson für Aufsehen, die unter anderem aus der Serie «The Walking Dead» bekannt war. Sie hatte Obama und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ebenfalls Briefe mit Rizin geschickt. Wie später bekannt wurde, wollte Richardson damit ihren Mann belasten, mit dem sie sich im Scheidungsprozess befand. Die Schauspielerin wurde zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.

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2010: Verletzter in der Schweizer Botschaft

Sorgte für grosses Medienecho: Journalisten und Polizisten nach einem Anschlag vor der Schweizer Botschaft in Rom. (Bild: Keystone)

Im November 2010 wurden insgesamt vierzehn Paketbomben an Regierungen und Botschaften europäischer Staaten verschickt, unter anderen an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, an Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy und Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi. In der Schweizer Botschaft in Athen entzündete sich ein aufgegebenes Paket bei der Kontrolle, verletzt wurde glücklicherweise niemand. Hinter der Anschlagsserie steckte die linksextreme griechische Untergrundorganisation «Verschwörung der Feuerzellen». Zwei Mitglieder der Gruppierung wurden verhaftet und zu 37 Jahren Haft verurteilt.

Wenige Wochen später wurde erneut eine Schweizer Botschaft Ziel eines Anschlags, dieses Mal in Rom. Bei der Explosion einer Paketbombe verletzte sich ein Angestellter schwer an den Händen. Laut den Ermittlern steckten auch hier anarchistische Gruppen und politische Motive hinter der Attacke.

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2004: Der Briefbombenattentäter von Hutthurm

Wurde als Einzelgänger beschrieben: Der 22-jährige Attentäter Johann Lang. (Bild: Keystone)

2004 sorgten neun an Politiker und Beamte gerichtete Briefbomben im deutschen Bundesland Bayern für Angst und Schrecken. Eine verletzte die Sekretärin von CSU-Landrat Heinz Wölfl leicht. Die anderen Briefe konnten entweder entschärft werden oder funktionierten nicht. Als Absender wurde der 22-jährige Johann Lang identifiziert, der sich allerdings kurz vor einem DNA-Test der Polizei mit einer selbst gebastelten, um den Bauch gebundenen Bombe in die Luft sprengte.

Die Hintergründe für seine Taten blieben unklar. Lang galt als Einzelgänger, hatte nach der Schule keinen Beruf erlernt und lebte mit Vater und Tante allein in einem Bauernhaus. Laut der Polizei litt er unter dem Tod seiner Mutter, die nach einem Autounfall starb, als der Attentäter 14 Jahre alt war.

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2003: Die EU im Visier von Anarchisten

Blieb unverletzt: Kommissionspräsident Romano Prodi wird aus seinem Haus eskortiert, nachdem er eine Briefbombe öffnete, die Feuer fing. (Bild: Keystone)

Rund um den Jahreswechsel 2003/04 erhielten die europäische Polizeibehörde Europol sowie verschiedene EU-Einrichtungen und Politiker, darunter Kommissionspräsident Romano Prodi, Briefbomben zugesandt. Jean-Claude Trichet, damals Präsident der Europäischen Zentralbank, entging nur knapp einem Anschlag. Abgeschickt wurden die Briefe von der italienischen Anarchistengruppe Federazione Anarchica Informale (FAI), die noch für etliche weitere Vorfälle verantwortlich ist, unter anderem für den Briefbombenanschlag 2010 auf Swissnuclear in Olten mit zwei Verletzten.

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1990er-Jahre: Der rechtsextreme Bombenattentäter

Galt als eigentümlich und wurde früher gehänselt: Bombenbauer Franz Fuchs beim Prozess gegen ihn. (Bild: Keystone)

In den 1990er-Jahren sandte der Österreicher Franz Fuchs zahlreiche Brief- und Rohrbomben an verschiedene Persönlichkeiten in Österreich und Deutschland. Der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk verlor 1993 zwei Finger seiner linken Hand, als er eine Sendung öffnete. Zu den Zielen des Terroristen gehörte auch die populäre dunkelhäutige Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer, deren Mitarbeiterin durch einen Sprengsatz verletzt wurde.

Insgesamt forderte die drei Jahre dauernde Anschlagsserie 4 Todesopfer, 15 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Franz Fuchs, dessen Motivation Fremdenhass war, sprengte sich bei seiner Verhaftung mit einer seiner eigenen Bomben beide Hände ab. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe auf Lebensdauer und einer Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt verurteilt. Kurz danach beging Fuchs in seiner Zelle Suizid.

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Einzeltäter suchen laut Kriminalpsychologen oft einen Sündenbock, etwa einen Politiker, den sie für ihre Situation und Unzufriedenheit verantwortlich machen können. Schnell steigern sie sich aus einem Wahn heraus in die Idee hinein, gegen jemanden oder eine Institution persönlich kämpfen zu müssen. Handelt es sich um eine Tätergruppe, agiert sie hingegen viel berechnender und aus politischen Gründen.

Im aktuellen Fall sei noch unklar, ob ein Einzeltäter oder ein Netzwerk dahinterstehe, sagte New Yorks Polizeichef James O’Neill zu CNN. Er gehe aber davon aus, dass der oder die Täter in den kommenden Tagen gefasst würden. FBI-Chef Christopher Wray bat die Bevölkerung um Hinweise. «Zögern Sie nicht, anzurufen, keine Information ist zu klein, um uns bei dieser Ermittlung zu helfen.» Die Suche nach dem Ursprung der Rohrbomben läuft in den USA auf Hochtouren.

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