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So lebt Sarah Palin in Wasilla

Ehrgeizig, schlau, nachtragend: Sarah Palin hat den Wahlkampf erfolgreich aufgemischt. Ein Besuch in ihrer Heimatstadt.

Hier wohnt die Vize-Präsidentschaftskandidatin: Das Wohnhaus der Familie Palin am Lake Lucille in Wasilla
Hier wohnt die Vize-Präsidentschaftskandidatin: Das Wohnhaus der Familie Palin am Lake Lucille in Wasilla
Walter Niederberger
Das Wasserflugzeug von Todd Palin, dem Ehemann der Gouverneurin, im Vorgarten des Wohnhauses.
Das Wasserflugzeug von Todd Palin, dem Ehemann der Gouverneurin, im Vorgarten des Wohnhauses.
Walter Niederberger
Die Bevölkerung der Stadt ist stolz auf ihre Sarah.
Die Bevölkerung der Stadt ist stolz auf ihre Sarah.
Walter Niederberger
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An diesem grauen, kühlen Morgen steht das Kaffeehäuschen am Rand der grössten Strassenkreuzung in Wasilla einsam und verlassen da. Die Warteschlangen der letzten Tage sind verschwunden; nach einem kurzen Aufenthalt in der kleinen Stadt ist die Gouverneurin wieder in den Wahlkampf in «die unteren 49 Staaten» abgereist und mit ihr die Fernsehteams und Berichterstatter der grossen Zeitungen. Wasilla ist wieder eine raue, zu schnell gewachsene Provinzstadt an der grossen Durchgangsstrasse zwischen Anchorage und Fairbanks. «Ich bin so stolz, dass Sarah unsere Stadt auf die Weltkarte gesetzt hat», sagt Kristina Shaw. «Wenn sie hier ist, kommt sie fast immer vorbei und bestellt einen Skinny White Chocolate Mocca. Sarah wird eine gute Vizepräsidentin, weil sie die Menschen kennt und gern hat.»

Ex-Präsident Bill Clinton hat es ähnlich formuliert. Palin komme bei den Leuten so gut an, weil sie mit ihrer schwangeren Tochter und ihrem Baby mit dem Down-Syndrom Sympathien erwecke. Er als Südstaatler könne die Faszination für die Gouverneurin und deren Familie gut verstehen, «das sind einfach wunderbare Leute». Wenn es eine fünffache Mutter aus dem ländlichen Wasilla im abgelegenen Alaska so weit bringt, dann wird damit auch der amerikanische Traum wahr.

Palin ist eine «authentische Frau», erklären viele Bürger in Wasilla und Anchorage. «Sie steht für einen fast vergessenen Typ von Politiker, der aus dem echten, harten Leben kommt», sagt Rod Sisson, ein Anwalt aus Anchorage, der Palin persönlich kennt. «Endlich tritt wieder jemand an, der kein Washington-Insider ist.»

Unbequem und ehrgeizig

Mit nur gerade 430'000 Stimmberechtigten ist Alaska in jedem nationalen Wahlkampf eine Fussnote. Dass der Staat hoch oben im Norden, der näher an Russland liegt als an Restamerika, dennoch seit längerem in den Schlagzeilen ist, hat er nicht nur Palin zu verdanken. Alaska ist berüchtigt für eine Serie von Korruptionsaffären auf höchster Stufe. Die Abhängigkeit von der Erdölindustrie und von Subventionen aus Washington reduziert die Politiker weitgehend auf die Rolle von permanenten Bittstellern. Die «Brücke ins Niemandsland» ist nur eines der Beispiele, wie Steuermittel in Alaska verschleudert werden. Palin war für dieses 300-Millionen Projekt, bevor der politische Wind drehte. Dann war sie gegen das Vorhaben, holte aber das Geld trotzdem ab, um es anderweitig einzusetzen. Einen Verzicht hätte man ihr nicht verziehen.

Als Bürgermeisterin in Wasilla stellte sie eine Sportarena auf die grüne Wiese, die 15 Millionen Dollar kostete und Gewinn bringend sein sollte. Dieses Versprechen blieb bis jetzt unerfüllt, bestätigt die amtierende Bürgermeisterin Dianne Keller. Sie verweist indessen auf eine Studie, wonach der Sportkomplex mehr Touristen und Geschäftsleute in die Stadt bringt und rund drei Millionen Dollar pro Jahr an Mehreinnahmen ermöglicht. «Sarah hat der Stadt eine Menge neuer Infrastruktur hinterlassen, Strassen, Abwasseranlagen und Überbauungen, «dafür sind ihr die Leute dankbar.»

Entsprechend sieht Wasilla aus. Für ein Provinzstädtchen mit nur 9000 Einwohnern hat Wasilla zu viele Rotlichter, zu viele Staus, zu viele Strassen, zu viele Parkplätze und zu viele Einkaufszentren. Etwa zwei Dutzend Kirchen haben sich hier niedergelassen, die meisten in den letzten 30 Jahren, als Ölarbeiter aus Texas und Oklahoma zuwanderten. Sie veränderten das Stadtbild und die Politik. Wasilla war zuvor überwiegend demokratisch, nachdem in der Depression der 1930er entwurzelte Bauern aus dem Mittleren Westen hierher gezogen waren. Heute ist Wasilla in republikanischen Händen, auch wenn sich die Mehrheit der Bürger als «freiheitlich» bezeichnet – als föderalistisch und stark individualistisch also. Der Pioniergeist ist überall spürbar. «Wir lieben den Mythos der Freiheit und der Unabhängigkeit», sagt Michael Carey, einer der führenden Politkommentatoren in Anchorage. «Palin lebt diesen Mythos. Ihr Mann ist Jäger und Fischer. Sie ist die starke Frau, die fünf Kinder aufzieht und nebenbei den Old Boys in der Politik den Meister zeigt.»

Opportunistisch und stark

Politik in Alaska ist meist überparteilich, oder war es bis vor kurzem. Palin bezeichnet sich zwar als Republikanerin, dachte aber einmal ernsthaft daran, als Unabhängige Karriere zu machen. Als Gouverneurin macht sie nach wie vor gemeinsame Sache mit den Demokraten, wenn es dem Ziel dient. Gegen den Willen der eigenen Partei und der Firmen setzte sie höhere Abgaben der Erdölindustrie durch. Auch wenn es in den Fernsehinterviews jetzt anders erscheinen mag – Palin ist nach übereinstimmender Auskunft ihrer Freunde und Kritiker keine harte Ideologin oder unbedarfte Anfängerin.

Sie gilt als ehrgeizig, einsatzfreudig und zielstrebig. Ihre ultrakonservativen Ansichten in Fragen der Homosexuellenehe oder Abtreibung sehen die meisten hier nicht als Problem. «In sozialen Fragen bin ich grundsätzlich anderer Meinung als sie», sagt die Künstlerin Margret Hugi-Lewis, «aber sie hat eine Menge Mut. Sie steht zu ihrem Kind mit dem Down-Syndrom. Ihre religiöse Überzeugung macht sie offensichtlich sehr stark.» Ob sie für das Ticket McCain/Palin stimmen wird, weiss Hugi-Lewis aber noch nicht. «Immerhin hat Palin bewiesen, dass Frauen nicht einen Hosenanzug tragen müssen, um Erfolg zu haben.»

Religiös und nachtragend

Ihre strikte Moral hielt Palin meist unter Verschluss. «Ich habe sie in den Sitzungen nie über religiöse Fragen sprechen hören oder moralische Urteile abgeben sehen», sagt Dianne Keller, die von 1996 bis 2002 Stadträtin war. In ihrer Gemeinschaft, der Wasilla Bible Church, halten sich die Palins eher zurück. Pastor Ashley Brown berichtet, dass die Palins regelmässige, aber nicht sehr aktive Kirchgänger seien. «Sie kommen in die Messe, sind aber nicht eingetragene Mitglieder.» Die evangelikale Gemeinschaft bezeichnet sich als nicht konfessionsgebunden, das klotzige Kirchgebäude gleicht einer Lagerhalle und steht in einer Kiesgrube. Tagsüber ist es Kinderhort und Dorfverein in einem.

Pastor Brown widerspricht der Vorstellung, dass Wasilla der Bibelgürtel des hohen Nordens sei. «Die Zahl der Kirchen täuscht. Die meisten Menschen gehen kaum je zur Messe. Organisierte Religion ist ihnen fremd.» Die Kontroverse um die örtliche Bibliothek scheint ausgestanden. Palin hatte sich vor Jahren erkundigt, ob Bücher mit heiklem (homosexuellem) Inhalt entfernt werden dürften. Dies wurde ihr verweigert; sie liess es dabei bewenden.

In den Gesprächen mit Bürgern in Anchorage und Wasilla kommt die Rede indessen immer wieder auf einen entscheidenden und wohl den heikelsten Punkt ihrer politischen Arbeit. Es ist die weit verbreite Ansicht, dass Palin keine Trennlinie zwischen ihrer Person, ihrer Familie, ihren Freunden und der Politik ziehe. So ist ihr Mann Todd zuweilen in den Sitzungen der Gouverneurin anwesend. Lydia Green, die republikanische Präsidentin des Senates, sagt, es sei sehr befremdlich, wenn eine Gouverneurin ihren Mann faktisch als Stabschef einsetze. «Es wird sehr schnell persönlich mit ihr. Sie kann nachtragend und abweisend werden, wenn jemand anderer Meinung ist.»

Bis anhin habe sie aus diesem eigenartigen, wohl nur in einem ländlichen Umfeld möglichen Stil nur Vorteile gezogen, meint der Journalist Carey. «Aber Troopergate zeigt nun erstmals, dass es schwieriger werden könnte.» Palin wird verdächtigt, einen Polizeichef gefeuert zu haben, weil er sich weigerte, ihren Schwager zu entlassen, der in einen Ehestreit mit ihrer Schwester verwickelt war. Palin wird darüber hinaus vorgeworfen, wichtige Beamtenstellen mit Schulfreunden und Bekannten besetzt zu haben. «Sie weiss sich im kleinräumigen Wasilla und in Alaska zu bewegen», meint Carey. «Doch es fragt sich, ob sie im nationalen Scheinwerferlicht besteht oder wie Ikarus an der Sonne verglüht.»

Zielstrebig und schlau

Dennoch wäre es falsch, sie als politisches Leichtgewicht zu sehen. Sie hat mehrere harte Wahlkampagnen geführt und sich gegen das Establishment der eigenen Partei durchgesetzt. Ähnlich wie Barack Obama ist sie diejenige, die verkrustete Parteistrukturen aufgebrochen und alte Seilschaften verdrängt hat. Der Spitzname aus ihrer Jugend, Sarah Barracuda, kann auch auf die Politik übertragen werden. «Sie ist unerhört zielstrebig. Wenn sie etwas will, dann setzt sie alle Hebel in Bewegung», erklärt Martin Buser, ein vor 29 Jahren ausgewanderter Schweizer mit US-Pass und mehrfacher Gewinner des Iditarod-Schlittenrennens. «Sie ist eine Macherin. Sie hat Alaska in einem positiven Sinn verändert.» Als Palin den unbeliebten Gouverneur Frank Murkowsi vor zwei Jahren angriff und besiegte, galt das als kühnes Unterfangen. «Wir alle dachten, das sei ihr politischer Selbstmord», erinnert sich Buser.

«Ihr Leistungsausweis wird massiv übertrieben», sagt dagegen Senatspräsidentin Green. Es stimme zwar, dass sie eine Pipeline für 500 Millionen Dollar gegen den Willen der Erdölindustrie durchgeboxt habe. «Dass die Pipeline gebaut wird, dafür hat sie aber keine Garantien bekommen.» Ebenso ist richtig, dass sie die Erdölbranche zu einer zusätzlichen Steuer gezwungen hat. «Palin hat die Gunst der Stunde genutzt, um höhere Abgaben einzufordern. Das machte sie populär, aber noch nicht zu einer grossen Politikerin», meint Carey. Die Rechnung geht jedenfalls auch für die Familie Palin auf: Die Eltern und ihre fünf Kinder beziehen derzeit 22'400 Dollar aus den Ölabgaben.

Vom Dorf in die weite Welt

Sarah Palin verkörpert die zupackende Frau am Rand der Zivilisation perfekt, «sie ist energisch, sie sieht blendend aus», sagt Anne Kilkenny, eine Demokratin in Wasilla, die nach eigenen Angaben an den meisten Sitzungen mit Palin teilgenommen hat. «Sie ist wie das beliebteste Girl in der Mittelschule. Selbst Männer, die politisch nicht viel von ihr halten, lächeln, wenn sie Sarah sehen.» Ihre Arbeitsweise sei nach einiger Zeit leicht durchschaubar: «Sie stellt Vorhaben zur Diskussion. Gibt es Widerstand, war es das Projekt von jemand anderem. Ist es populär, war es ihre Idee.»

So leicht ist Palin indessen nicht zu fassen. Und dies hängt, ähnlich wie bei Bill Clinton, mit ihrer Persönlichkeit zusammen. «Sie ist durch und durch sich selber. Nichts an ihr ist falsch», sagt Buser. «Fast alle, die sie kennen lernen, wollen mit ihr zusammenarbeiten und sie fördern.»

Das Fundament, auf dem Sarah Palin steht, ist ihre Familie und ihr Dorf. Die Bühne, die sie nun betritt, ist die Welt. In Alaska wäre niemand erstaunt, wenn sie dort Geschichte schreiben würde.

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