«Sie können das tun, es gehört Ihnen»

Der US-Verteidigungsminister warnte die Türkei vor einem Einmarsch in Syrien – Trump ermutigte Erdogan dazu. Dahinter steckt ein riskantes Kalkül.

Donald Trump soll Recep Tayyip Erdogan zu einem Schlag gegen die Kurden ermutigt haben. Foto: Reuters

Donald Trump soll Recep Tayyip Erdogan zu einem Schlag gegen die Kurden ermutigt haben. Foto: Reuters

Martin Kilian@tagesanzeiger

Mitten im Aufruhr um ein mögliches Impeachment muss sich Donald Trump mit einer neuen und von ihm verursachten Krise befassen: Der US-Abzug aus dem syrischen Nordosten nach dem Einmarsch der türkischen Armee in der Region hat den Präsidenten von allen Seiten dem Vorwurf ausgesetzt, er verrate amerikanische Ideale, opfere die kurdischen Alliierten und stärke Russland und den Iran.

Der Vorgang sei ein «schändliches Kapitel» in der amerikanischen Geschichte, klagte der demokratische Senator Chris Coons (Delaware) am Montag, indes die republikanische Abgeordnete Liz Cheney von einem «schändlichen Desaster in Syrien» sprach. Quer durch die beiden Parteien und von links bis rechts häuft sich Kritik an Trumps einsamer Entscheidung, lediglich Isolationisten wie der republikanische Senator Rand Paul (Kentucky) sowie enge Trump-Freunde wie Fox-News-Moderator Tucker Carlson verteidigen sie.

Trumps Kalkül ist einfach

Trotz der Schelte blieb der Präsident standhaft: «Lasst sie doch kämpfen!», twitterte er am Sonntag unter Bezug auf die Lage in Syrien. Beileibe nicht zum ersten Mal opfert die Weltmacht ihre Vasallen auf dem geopolitischen Schachbrett: Von den Exilkubanern in der Schweinebucht 1961 bis zum laotischen Bergvolk der Hmong in den 70er-Jahren gab Washington Verbündete preis, wenn es opportun war.

Trumps Kalkül ist einfach: Während des Wahlkampfs 2016 hatte er wiederholt versprochen, US-Amerikas «endlose Kriege» zu beenden und Truppen aus Krisengebieten abzuziehen. «Bringt sie nach Hause, bringt sie nach Hause!», skandierten Anhänger des Präsidenten bei einer politischen Veranstaltung in der vergangenen Woche in Minneapolis, nachdem Trump die Dauer des US-Einsatzes in Afghanistan beklagt hatte.

Obschon der Präsident derzeit zusätzliche US-Verbände nach Saudiarabien verlegt, möchte er im kommenden Wahlkampf sagen können, er habe sein Versprechen von 2016 weitgehend eingelöst. Den Abzug aus Syrien aber setzte Trump nicht nur im Alleingang und gegen den Willen seiner Berater durch: Seit 2017 betrieb der Präsident laut Insidern bei Telefonaten mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ein gefährliches Spiel.


Podcast «USA: Entscheidung 2020»

Hören Sie sich die neuste Folge des Podcasts «Entscheidung 2020» mit USA-Korrespondent Alan Cassidy und Redaktor Philipp Loser auch auf Spotify oder auf iTunes an.


Erdogans wiederholte Klagen über den kurdischen Ministaat längs der syrischen Grenze zur Türkei beantwortete der US-Präsident offenbar mit einer ambivalenten Warnung: «Im Prinzip hat Trump zu Erdogan gesagt: ‹Wenn Sie das machen wollen, dann tragen Sie dafür die Verantwortung, und erwarten Sie ja keine Hilfe von mir – aber Sie können das tun, es gehört Ihnen›», beschrieb ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des US-Präsidenten auf dem Webportal «Axios» eines der Telefonate zwischen Trump und dem türkischen Präsidenten.

Noch im Verlauf der vergangenen zwei Monate habe er bei Gesprächen mit Ankara vor einem Einmarsch in Syrien gewarnt, sagte US-Verteidigungsminister Mark Esper am Sonntag in einem TV-Interview. Gefruchtet hat es offensichtlich nicht: Ankara verstand die widersprüchlichen Signale aus Washington offenbar als grünes Licht für einen Einmarsch.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt