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Rassismus, Korruption, Entlassung – die Karriere des Todesschützen

Der Polizist, der in Ferguson einen schwarzen Teenager erschossen hat, hat eine unrühmliche Vergangenheit: Die brisante Enthüllung kurz vor der Beerdigung seines Opfers.

Selbstverteidigung oder übertriebene Polizeigewalt? Eine Demonstration für Polizist Wilson in St. Louis. (23. August 2014)
Selbstverteidigung oder übertriebene Polizeigewalt? Eine Demonstration für Polizist Wilson in St. Louis. (23. August 2014)
Keystone

Heute ab 17 Uhr MEZ beginnt die Trauerfeier für Michael Brown. Die Erschiessung des schwarzen Teenagers in Ferguson bei St. Louis am 9. August hat in den USA die heftigsten Unruhen seit Jahren ausgelöst. Browns Familie rief die Bevölkerung für den Tag der Beerdigung zur Ruhe auf, doch Enthüllungen in der «Washington Post» bieten bereits wieder neuen Zündstoff.

Die Zeitung recherchierte zu Darren Wilson, dem 28-jährigen Polizisten, der Brown erschossen hat. Die Umstände sind bis heute unklar. Zeugen widersprechen sich. Wurde Wilson von Brown bedroht, oder wurde der Teenager ein Opfer übertriebener Polizeigewalt? Dass Wilson in kürzester Zeit gleich sechs Schüsse auf Brown abgefeuert hat, spricht eher für Letzteres.

Wilson ist seit dem Vorfall komplett von der Bildfläche verschwunden. Nicht nur er selbst hat sich nicht zu seinem Aufeinandertreffen mit dem Teenager geäussert. Auch sein Anwalt, seine Ex-Frau und sein gesamtes näheres Umfeld schweigen.

Die Polizei von Ferguson hält sich mit Aussagen zu Wilson ebenfalls sehr zurück. Erst eine Woche nach der Tat wurde sein Name überhaupt bekannt gegeben. Bis dahin sind auch alle seine Social-Media-Profile geschlossen worden. Offiziell bekannt ist nur, dass Wilson beurlaubt wurde und weiterhin bezahlt wird.

Das ganze Korps wurde entlassen

Die «Washington Post» hat nun herausgefunden, dass Wilson nicht zum ersten Mal in seiner Karriere als Polizist mit Vorwürfen zu Polizeigewalt und Rassismus konfrontiert ist. Seine erste Stelle nach der Ausbildung trat er demnach 2009 in der Stadt Jennings an – wie Ferguson ein überwiegend von Schwarzen bewohnter Vorort von St. Louis. Von 14'000 Einwohnern sind 89 Prozent schwarz.

In Jennings war Wilson Teil eines 45-köpfigen Teams. Bis auf ein oder zwei Beamte waren damals alle Polizisten weiss. In Jennings führte diese Konstellation dazu, dass es zu grossen Spannungen zwischen dem Korps und der Bevölkerung kam. Die wiederholten Vorwürfe reichten von Korruption, übertriebener Gewalt bis zu Rassismus. Im März 2011 hatte der Stadtrat genug und entliess das gesamte Korps und betraute eine externe Polizeistelle mit der Aufgabe.

Der Polizist – ein Fremder

Laut der Zeitung ist die Konstellation von Jennings typisch für viele Orte in den USA: Ein mehrheitlich weisses Polizeikorps dient in einer Gemeinde mit grösstenteils schwarzer Bevölkerung. Die Beamten wohnen zudem ausserhalb und wechseln häufig die Stelle. Sie seien dadurch für die Bevölkerung komplett fremde Personen.

Ein Beleg für das oftmals zerrüttete Verhältnis zwischen der Polizei und der Bevölkerung in der Region St. Louis sind auch mehrere Vorfälle nach dem Tod von Teenager Brown:

– Nur Tage später starb mit Kajieme Powell ein zweiter Schwarzer im Norden von St. Louis. Nach dem angeblichen Diebstahl von Energydrinks und Donuts wurde er von Polizisten erschossen. Die Polizei von St. Louis gab an, der Mann sei mit einem Messer bewaffnet gewesen. Ein Video vom Vorfall widerlegt diese Aussage.

– Letzte Woche wurde in St. Ann, einem weiteren Vorort von St. Louis, ein Polizeibeamter suspendiert. Er wurde dabei gefilmt, wie er sein Gewehr auf einen Demonstranten richtete und drohte, ihn zu töten.

– Am letzten Freitag wurde schliesslich ein Polizist aus der Region St. Louis suspendiert. Er hatte in einem Video herablassende Kommentare zum Fall Brown gemacht.

Der Wechsel nach Ferguson

Mit dem gesamten Korps von Jennings wurde 2011 auch Wilson entlassen. Er nahm darauf eine Stelle im benachbarten Ferguson an. Von dort sind laut der «Washington Post» bis zum 9. August 2014 keine besonderen Vorfälle zu ihm bekannt. Er wurde sogar einmal ausgezeichnet.

Von seinem Korps wird er bis heute gestützt. Und auch unter Teilen der weissen Bevölkerung der Region St. Louis geniesst er Sympathien. Am Wochenende gingen rund 100 Personen für ihn auf die Strasse.

Eine schwierige Kindheit

Wilson wurde 1986 in Texas geboren. Seine Eltern trennten sich früh. Vom Vater fehlt seither jede Spur. Seine Mutter heiratete danach noch mehrmals und zog mit der Familie häufig um. 2001 wurde sie wegen Diebstahls verurteilt. 2002 starb sie eines natürlichen Todes. Bis Wilson 18 Jahre alt wurde, hatte sein Stiefvater die Vormundschaft.

Gegenüber der «Washington Post» sprach ein Bekannter der Familie von einer schwierigen Kindheit Wilsons. Die Karriere bei der Polizei hätte seinem Leben eine Struktur geben sollen.

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