«Nordkorea hat keine Raketen getestet»

Donald Trumps diplomatische Verrenkungen mit Nordkorea stossen auf Kritik. Beim Besuch in Tokio praktizierte er sie besonders eifrig.

Donald Trump (dritter von links) und seine Frau Melania (rechts) während dem Bankett mit Kaiser Naruhito (dritter von rechts) und Kaiserin Masako (links) in Toko. (27. Mai 2019) Bild: Evan Vucci/AP/Keystone

Donald Trump (dritter von links) und seine Frau Melania (rechts) während dem Bankett mit Kaiser Naruhito (dritter von rechts) und Kaiserin Masako (links) in Toko. (27. Mai 2019) Bild: Evan Vucci/AP/Keystone

Martin Kilian@tagesanzeiger

Er verharmlost, er verniedlicht, er biedert sich an: Die Liebelei des US-Präsidenten mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un nimmt zusehends bizzare Formen an – bis hin zur Leugnung nachweisbarer nordkoreanischer Raketenabschüsse. Obwohl Pyongyang Anfang Mai mindestens drei ballistische Kurzstreckenraketen getestet und damit gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats verstossen hatte, behauptete Trump vergangene Woche in einem Interview mit Fox News, Nordkorea habe «in den vergangenen zwei Jahren nichts getestet». So versessen scheint der US-Präsident auf eine gute persönliche Beziehung mit Kim Jong-un zu sein, dass er sich der Realität verweigert. Nachdem Sicherheitsberater John Bolton am Sonntag am Rande von Trumps Staatsbesuch in Tokio erklärt hatte, es gebe »keinen Zweifel» an Nordkoreas Verletzung einer UN-Resolution durch die Raketentests, pfiff ihn der Präsident am Montag zurück: «Meine Leute glauben, dass es sich um einen Verstoss handelt, aber ich sehe das nicht so», wiegelte Trump bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe ab.

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Der Gastgeber aber widersprach Trump: Der Abschuss der Kurzstreckenraketen sei «eine Verletzung der Resolution des UN-Sicherheitsrates» und ein «bedauernswerter Akt», so Abe. In Washington wird vermutet, Trumps Nachsichtigkeit mit dem nordkoreanischen Regime reflektiere die Eitelkeit des Präsidenten. Er sei unfähig, sich einzugestehen, dass seine publikumwirksamste aussenpolitische Initiative womöglich gescheitert sei. Zumal der Präsident offenbar noch immer hofft, ein Durchbruch bei der Denuklearisierung Nordkoreas werde ihm den Friedensnobelpreis eintragen. Auch in republikanischen Reihen stösst Trumps Milde gegenüber Kim Jong-un Kim Jong-un inzwischen auf Unverständnis. So kritisierte die republikanische Senatorin Joni Ernst (Iowa) die Reaktion des Präsidenten auf die jüngsten nordkoreanischen Raketentests. Sie würde Kim Jong-un «natürlich nicht trauen», sagte Ernst. Keine Distanz zu Kritik an Joe Biden

Mit Befremden wurde zudem in der US-Hauptstadt aufgenommen, dass Trump sich nicht von Nordkoreas Beleidigung des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers und ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden distanzierte. Pyongyang beschimpfte Biden vergangene Woche als «Individuum mit niedrigem IQ», worauf Trump seine Zustimmung signalisiert hatte. Am Montag in Tokio schob der Präsident nach: Er stimme Kim Jong- un bei dessen Einschätzung Bidens zu, sagte Trump. Der republikanische Kongressabgeordnete Adam Kinzinger twitterte daraufhin, Trump schiesse sich ausgerechnet am amerikanischen Veteranentag auf Biden ein und lobe «einen Diktator». Viel Zeit für seine ganz auf sein persönliches Verhältnis mit Kim Jong-un zugeschnittene Diplomatie bleibt Trump nicht mehr. Schon jetzt wird dem Präsidenten von der demokratischen Opposition vorgeworfen, er habe das nordkoreanische Regime durch die beiden Gipfeltreffen mit Kim Jong-un in Singapur und Hanoi aufgewertet, ohne dafür Zugeständnisse erhalten zu haben.

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