Nicht auch noch Venezuela, bitte!

Schweizer Waffenfreunde sprechen von der «Entwaffnung» der Venezolaner. Völlig zu Unrecht.

Die Lage im südamerikanischen Land droht zu eskalieren. Video: Reuters, AFP, Twitter
Sandro Benini@BeniniSandro

Einige Gegner des neuen Schweizer Waffenrechts müssen ziemlich verzweifelt sein. Sonst hätten sie es nicht nötig, die traurigen Ereignisse in Venezuela zu bemühen, um Propaganda für ihr Anliegen zu betreiben. Das über soziale Medien verbreitete Argument eines Schaffhauser SVP-Kantonsrates, eines Luzerner Jungfreisinnigen und sonstiger Schweizer Waffenfreunde geht so: Weil Venezuelas damaliger Präsident Hugo Chávez 2012 den Verkauf von Waffen an die Zivilbevölkerung verboten hat, ist diese nun «entwaffnet» und den Übergriffen des Maduro-Regimes wehrlos ausgeliefert.

Das ist in jeder Hinsicht kreuzfalsch. Denn wenn die Zivilbevölkerung mit Schusswaffen, die ihnen Chávez angeblich weggenommen oder deren Kauf er verhindert hat, heute im grossen Stil gegen Polizei und Soldaten kämpfte, würde in Venezuela offener Bürgerkrieg herrschen. Die 9 bis 15 Millionen illegalen Waffen, die laut Justiz- und Innenministerium schon 2012 zirkulierten, waren vom Verbot ohnehin nicht betroffen, und das neue Gesetz hatte, wie in Lateinamerika in solchen Fällen üblich, kaum konkrete Auswirkungen.

Eine der höchsten Mordraten weltweit

Vor allem aber haben Chávez und Maduro durch die Schaffung paramilitärischer, von der Regierung ausgerüsteter Bürgermilizen Abertausende Schiesseisen an Zivilisten verteilt, die diese oft unter der Hand weiterverkaufen. Venezuelas Problem ist nicht, dass zu wenige Waffen im Umlauf sind, sondern zu viele. Chávez hat die Zivilbevölkerung nicht «entwaffnet», wie es die Schweizer Ferndiagnostiker auf ihren Twitter-Accounts behaupten, sondern er hat das genaue Gegenteil getan. Das ist einer der Gründe, weshalb das Land eine der höchsten Mordraten weltweit aufweist und Caracas momentan die gefährlichste Stadt des Planeten ist.

Chávez’ Waffengesetz hat mit der heutigen politischen Situation Venezuelas rein gar nichts zu tun. Aus der sicheren Schweiz heraus abstruse Vergleiche mit einem Land zu ziehen, das ökonomisch und sozial am Abgrund steht und nicht zuletzt wegen der grossen Anzahl bewaffneter Zivilisten in einem blutigen Gewaltstrudel versinkt, ist zynisch. Da sich unter den Gegnern des neuen Schweizer Waffenrechtes offensichtlich die selbsternannten Venezuelakenner tummeln, werden diese keine Mühe haben, folgenden Schlusssatz zu verstehen: «¡Ustedes son unos sinvergüenzas!»

Video: Machtkampf kurz erklärt

Chaos, Armut, politische Instabilität – das Erklärvideo zeigt, wie es in Venezuela zum Machtkampf zwischen Guaidó und Maduro kam. Video: Lea Koch, Nicolas Fäs

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