Nachbarn sind gegen Obamas Baupläne

Barack Obama möchte sein Presidential Center in einem Problemviertel bauen. Viele Bewohner sind nicht erfreut.

Da war die Welt noch in Ordnung: Barack Obama stellt am 3. Mai 2017 in Chicago das Projekt seines Presidential Center vor. Foto: Nam Y. Huh (AP)

Da war die Welt noch in Ordnung: Barack Obama stellt am 3. Mai 2017 in Chicago das Projekt seines Presidential Center vor. Foto: Nam Y. Huh (AP)

Die South Side Chicagos ist berüchtigt für Armut und Gangkriminalität. Arbeitslosigkeit und Schulabbrecherquoten sind hoch, der Zustand vieler Häuser desolat. Hinzu kommt die alltägliche Waffengewalt. Chicago steht, nicht zuletzt aufgrund der Stadtpolitik der vergangenen Jahrzehnte, wie keine andere Stadt in den USA für die Segregation zwischen Schwarz und Weiss.

Hier soll nun das Obama Presidential Center gebaut werden. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hatte seine politische Karriere als Community Organizer in der South Side begonnen, bevor er später für Illinois in den Senat gewählt wurde.

Hatte Obama es anfangs noch schwer, das Vertrauen der South Siders zu gewinnen, weil er nicht in dem Viertel aufgewachsen war und weil er an Eliteuniversitäten studiert hatte, wurde er dort nach seiner Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten trotzdem gefeiert. Es schien deshalb völlig einleuchtend, dass Michelle und Barack Obama sich 2015 für die South Side als Standort für das Obama Presidential Center entschieden und damit Chicago den Vorzug vor anderen Bewerbern gaben. In der South Side soll es ein Monument des Aufbruchs sein.

Die grösste Sorge der Anwohner des künftigen Centers: dass sie wegziehen müssen.

Die Leitung des Bauvorhabens und des laufenden Betriebs wird die Obama-Stiftung übernehmen. Sie will die auf 500 Millionen Dollar geschätzten Kosten für den Bau durch Spendengelder finanzieren. Das erste Design des New Yorker Büros Tod Williams Billie Tsien Architects zeigt ein weisses, hoch aufragendes Gebäude. Darin soll ein Museum über Obamas Präsidentschaftszeit einziehen. Nebenan ist ein Flachbau mit Dachgarten für eine Filiale von Chicagos öffentlicher Bibliothek geplant. Ein drittes Gebäude, das Forum, bietet Platz für lokale Vereine und die Büros der Obama-Stiftung.

Auch der Park wird neu gestaltet: Es soll ein Schlittelhügel aufgeschüttet und eine viel befahrene Strasse durch den Park stillgelegt werden, sodass Besucher zu Fuss das Wissenschafts- und Industriemuseum – den anderen Besuchermagneten im Süden der Stadt – erreichen können. Die Obama-Stiftung hofft auf 800000 Besucher jährlich; das Center soll 2000 Arbeitsplätze schaffen. Es wäre ein Rieseninvestment in die lokale Infrastruktur, auf das viele in der South Side seit Jahrzehnten warten.

Kritik von Umweltgruppen

Aber nicht alle teilen die Vorfreude. Umweltgruppen kritisieren, dass die Stadt den öffentlichen Park für das Center zur Verfügung stellt, statt eine der unzähligen Freiflächen in der South Side zu nutzen. Besonders skeptisch sind die Kritiker gegenüber den Plänen der Stadt, einen von Tiger Woods designten Golfplatz im Süden des Parks einzurichten, für den ein Naturschutzgebiet weichen müsste. Ausserdem ist man unzufrieden über die Art und Weise, wie Stadt und Obama-Stiftung die Planungsschritte kommunizieren.

«Es ist eine Schande», sagt Herbert Kaplan von «Friends of the Park», einem Zusammenschluss von Kritikern. «Details werden nur ungenügend bekannt gemacht und Anwohner vor vollendete Tatsachen gestellt. Das sind die Hinterzimmer-Deals in guter alter Manier der Democratic Machine» – des lange kultivierten Filzes der Eliten der Stadt und der Demokratischen Partei, für den die Stadtpolitik Chicagos so berüchtigt ist.

Allein die Anpassungen in der Verkehrsinfrastruktur würden die Stadt 175 Millionen Dollar an Steuergeldern kosten. «Friends of the Park» hat gegen die Vergabe der öffentlichen Parkfläche eine Klage eingereicht, über die am 11. Juni entschieden werden soll. Sie könnte das Projekt stoppen, mindestens vorläufig.

Aktivisten fordern einen verbindlichen Vertrag

Und dann ist da noch die Angst vor Mietzinssteigerungen im angrenzenden Wohngebiet Woodlawn. Laut einer Studie stiegen seit Obamas Ankündigung die Mieten dort deutlich stärker als im Rest der Stadt, und das in einem Gebiet, in dem das Durchschnittseinkommen weniger als 60 Prozent des stadtweiten Einkommens beträgt. «Die grösste Angst der Bewohner in Woodlawn ist, dass sie sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können und wie so viele andere Familien wegziehen müssen», sagt Maira Khwaja, eine Aktivistin.

Wissenschaftler sprechen in Bezug auf dieses Phänomen in vielen amerikanischen Städten bereits von einem «Black Exodus», der Abwanderung der einkommensschwächsten afroamerikanischen Familien.

Um den Vertreibungseffekt abzumildern, fordern Aktivisten aus Woodlawn die Ausarbeitung eines verbindlichen Vertrags. Das Abkommen soll den Einfluss des Grossprojekts auf die Quartiere steuern. Zu den vorgeschlagenen Vertragspunkten zählen Mietzinsbremsen und eine Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus, dazu Beschäftigungsquoten für Anwohner bei den Arbeitsplätzen der Stiftung sowie eine Unterstützung lokaler Schulen.

Doch die Obama-Stiftung reagiert abwehrend. Und das, obwohl Barack und Michelle Obama gerade die lokale Bevölkerung als wichtigstes Zielpublikum ansprechen wollen. Stiftungssprecher Michael Strautmanis betont im Gespräch, man habe in zahllosen Treffen die Ratschläge und die Kritik der Bewohnerinnen und Bewohner der South Side eingeholt und die Pläne entsprechend angepasst. Alle Informationen seien öffentlich zugänglich.

«Keine Vereinbarung notwendig»

Warum wehrt sich dann die Stiftung gegen eine Vereinbarung? «All die Arbeit, die in das Obama-Center fliesst, soll die South Side unterstützen», sagte Obama im Interview mit der «Chicago Tribune», eine Vereinbarung sei daher nicht notwendig. Als Antwort auf die Forderungen veröffentlicht die Stiftung ihre eigenen Prinzipien – allerdings ohne vergleichbare gesetzliche Verpflichtungen, diese auch einzuhalten. Zudem verweigert die Obama-Stiftung Gespräche mit den Gegnern. Damit sperre sie sich gegen die Möglichkeit einer lokalen Mitbestimmung, sagen Kritiker.

Das deckt sich mit dem Eindruck von Timothy Mitchell, Literaturprofessor an der University of Chicago. Für ein Projekt mit seinen Studierenden hat er viele Meetings der Foundation besucht. «Das Ziel dieser Treffen war niemals Information, sondern Werbung. Nach einer Powerpoint-Präsentation haben die Organisatoren das Publikum meistens in kleine Arbeitsgruppen aufgeteilt, jegliche kritische Diskussion im Plenum wurde sofort unterbunden.» Professor Mitchell, die Aktivistin Khwaja und andere vermuten die Interessen der Universität hinter der Ablehnung einer verbindlichen Übereinkunft. Der Campus der University of Chicago, einer privaten Elite-Universität, befindet sich in Hyde Park, dem nördlich angrenzenden Viertel zu Woodlawn. 1890 gegründet im damals wohlhabenden Süden der Stadt, fand sich die Universität nach der gossen Wanderungsbewegung von Afroamerikanern aus den Südstaaten in die Industriestädte des Nordens in den 50er-Jahren zunehmend von armer, schwarzer Nachbarschaft umgeben.

Ausgerechnet die demokratische Einbindung wird angezweifelt

Die Universität war um ihren Ruf besorgt und reagierte mit einer aggressiven Planungspolitik. Hausbesitzer wurden ermutigt, nicht an schwarze Familien zu vermieten, sozialer Wohnungsbau in Hyde Park wurde aktiv unterbunden, und viele «schwarze Einrichtungen» wie Jazzclubs wurden geschlossen. «Aktuell versucht die Universität ihren Einflussraum in Richtung Woodlawn auszuweiten», erklärt Khwaja. «Da käme eine Gentrifizierung Woodlawns gerade recht.»

Als Bauherr in der South Side ist die Obama-Stiftung auf die Unterstützung der Universität angewiesen. Barack und Michelle Obama haben dort persönliche Kontakte aus ihrer Zeit in Chicago, beide waren zeitweise bei der Universität angestellt. Susan Sher, eine Beraterin des Universitätspräsidenten, gilt als enge Vertraute der Obamas. Wie auch der kürzlich abgelöste Bürgermeister Chicagos, Rahm Emanuel, Barack Obamas ehemaliger Stabschef, der auf der Seite der Stadt die Entscheide für Obamas Vorhaben vorangetrieben hatte. Die personellen und persönlichen Verbindungen allein mindern nicht das Potenzial des Centers für die Bewohner der South Side, wie auch viele der Kritiker betonen. Aber sie zweifeln an dem so prominent propagierten Willen einer demokratischen Einbindung der Anwohner in die Planung.

Gespaltene Gegnerschaft

Was bedeuten diese Konflikte also für Obamas Vermächtnis in der South Side? Darf man, vor allem unter einem Präsidenten Donald Trump, an Projekten Obamas zweifeln?

Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist man gespalten. Auf einem von Mitchell organisierten Symposium macht eine Frau ihrem Frust über die Kritik am Obama-Center Luft. Die South Side solle sich nicht von weissen Umweltfanatikern diktieren lassen, wie sie ihre Parks zu nutzen habe. Das Center sei eine einmalige Chance für die South Side, man könne den Obamas vertrauen. Sie spricht vielen Bewohnern aus der Seele, die hinter der Kritik eine Sabotage vermuten, die ökonomische Entwicklung verhindern will.

Das bringt Center-Gegner Jawanza Malone auf die Palme. Es sei nicht Obama, der dieses Center baue, entgegnet er, sondern die Universität und die Stadtverwaltung, welche im Hintergrund die Strippen zögen, um wieder einmal die Einwohner zu benachteiligen. Sie kooptierten das Erbe des Präsidenten. Das Schlusswort hat eine aufgebrachte Bewohnerin aus Woodlawn: «Es ist mir egal, ob Obama oder Queen Elizabeth in meiner Nachbarschaft bauen», sagt sie, «ich bin alleinerziehende Mutter, und ich möchte nicht schon wieder wegen einer Mietsteigerung ausziehen müssen.»

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