Mächtig, aber nicht super

Präsident Barack Obama hat eingesehen, dass die USA als Hüterin einer globalen Mindestordnung unentbehrlich sind. Doch er will Verantwortung und Kosten nicht alleine tragen.

Niemand ist bereit, Ordnung zu schaffen, wenn es die USA nicht tun: Amerikanisches Kampfflugzeug des Typs F-18E wird in der Luft aufgetankt.

Niemand ist bereit, Ordnung zu schaffen, wenn es die USA nicht tun: Amerikanisches Kampfflugzeug des Typs F-18E wird in der Luft aufgetankt.

(Bild: Reuters)

Nicolas Richter@n_richter

Eine Zeit lang hat Amerika versucht, Deutschland zu sein. Die Amerikaner schufen Arbeitsplätze, teerten ihre Autobahnen neu und bearbeiteten die Welt mehr als Geschäftsfeld denn als Schlachtfeld. Bundeskanzler Barack Obama überlegte hin und wieder, einen Diktator zu bestrafen, liess es aber dann doch bleiben – weil das Parlament nicht wollte und er ­eigentlich selbst keine Lust hatte.

Jetzt hat der US-Präsident dieses jüngste Experiment amerikanischer Selbstfindung beendet – mit Angriffen auf Terroristen in Syrien und mit einer selten deutlichen Rede bei der UNO. Vor einem Jahr noch klagte Obama über seinen beschränkten Einfluss auf die Welt, jetzt fordert er Terroristen auf, vom Schlachtfeld zu fliehen. Vor kurzem noch beschwichtigte er, das Ausland wirke bloss wegen der neuen Medien so chaotisch, jetzt warnt er vor systemischem Versagen der Weltgemeinschaft im Angesicht unzähliger ­Zumutungen.

Schlanker und nüchterner

Obama hat sich korrigiert. Er hat einsehen müssen, dass er nicht der Bundeskanzler ist, der in Notlagen bloss ein paar Gewehre an die Kurden schickt. Nein, Obama ist US-Präsident und nach amerikanischem Verständnis damit der Führer der freien Welt. Nach der Rücksichtslosigkeit der Bush-Jahre und dem Rückzug der frühen Obama-Jahre folgt jetzt die dritte Interpretation amerikanischer Stärke seit dem 11. September 2001: Die Weltmacht kehrt zurück, aber sie hat sich verändert, sie ist schlanker und nüchterner und realistischer. Obamas Amerika geht weniger Risiken ein, sichert sich mehr bei Verbündeten ab und zählt öfter sein Geld. Obama erkennt jetzt zwar an, dass die USA als Hüter einer globalen Mindestordnung unentbehrlich sind, er möchte aber Verantwortung und Kosten nicht allein tragen.

Soll sich die Welt freuen über die Rückkehr der USA in den Weltpolizeidienst? Die Vereinten Nationen haben Obama in dieser Woche eher verhalten empfangen; seit 2001 hat sich so viel Misstrauen gegen Amerika angesammelt, dass es für eine halbe Generation reichen dürfte. Gleichzeitig aber herrschte in New York eine – oft stille – Erleichterung darüber, dass sich die USA in diesem Seuchen-, Kriegs- und Terrorjahr doch noch einmischen. Diese verhaltene Anerkennung ist richtig, sie trägt den Schwächen der USA Rechnung, aber eben auch deren Verdiensten.

Kritik und Dankbarkeit

Wären die USA nicht gegen den Islamischen Staat eingeschritten, hätte es ­niemand getan. Obama hätte den IS auch zum Problem der Araber erklären und sich dem Freihandel mit Asien widmen können. Dann aber hätte der IS die Kurden überrannt und seine Enthauptungs-Clips bald auch aus der Türkei, Jordanien und dem Libanon gesendet. Der IS hätte Vergewaltigungen weiter für gutes Regieren erklärt, seine Kriegskasse gefüllt und Scharen junger Männer angezogen, die den Nahen Osten verwechseln mit einem apokalyptischen Videospiel.

Nichts spricht dafür, dass Europäer oder Araber diesem Irrsinn allein entgegengetreten wären. Obama, der eigentlich hoffte, die Welt werde ohne US-Soldaten friedlicher sein, hat eher das Gegenteil bewiesen: Niemand ist bereit, Ordnung zu schaffen, wenn es Amerika nicht tut. Während die USA jetzt mit Präzisionswaffen die Öllager der Terroristen angreifen, rechnet etwa die deutsche Bundeswehr nach, wie viele ihrer Helikopter überhaupt noch fliegen können. Das – berechtigte – Klagen der Europäer über die NSA-Spionage der USA hat man in Washington auch deshalb nie ernst genommen, weil man wusste: Spätestens nach der nächsten Katastrophe sind die Europäer wieder sehr dankbar für den US-Sicherheitsapparat.

Unberechenbares Verhältnis zum Rest der Welt

Natürlich bleiben etliche Gründe für Vorbehalte gegen die Weltmacht. Das Verhältnis Amerikas zum Rest der Welt ist erratisch und unberechenbar geblieben, es schwankt zwischen Ahnungs­losigkeit und Alarmismus. Zuletzt hat das Volk seinem Präsidenten genau jene militärische Zurückhaltung übel genommen, derentwegen es ihn zweimal gewählt hat. Syriens Zerfall hat in den USA kaum jemanden interessiert; als der IS dann aber Amerikaner ermordete, klangen Washingtons oft widerlegte Falken, als wollten sie Syrien am liebsten persönlich bombardieren. Statt dann ernsthaft über das genaue Mandat für eine neue Intervention zu reden, verschwanden die Abgeordneten in ihren Wahlkreisen, wo sie vermutlich Obamas «Schwäche» rügten, obwohl sie sich selbst davongeschlichen hatten.

Zum Glück also ist Obama noch zwei Jahre lang Präsident. Im Weltdurch­einander zahlt es sich aus, dass im Weissen Haus ein Multilateralist sitzt, aus dessen Sicht die USA nur verwundbar sind, wenn sie überreagieren. Obamas Leitmotiv – «Mach kein dummes Zeug!» – klingt angenehm vernünftig, obwohl er dafür oft verspottet worden ist. Gewiss, Obamas Doktrin der minimalen Einmischung stand ihm manchmal selbst im Weg: Hätte er sich früher um den Nahen Osten gekümmert, müsste er die Dinge jetzt wohl nicht mit solch grossem Aufwand richten.

Aber Vernunft bleibt ein guter Ratgeber, und Barack Obama hat am Ende auch vernünftige Gründe dafür gefunden, Syriens Terroristen anzugreifen. Er wollte nicht einer jener US-Präsidenten werden, die Völkermorde geschehen liessen. Und womöglich hat er aus den Provokationen Russlands und Chinas gefolgert, dass die US-geprägte Nachkriegsordnung wohl doch grundsätzlicher bedroht war, als er es wahrhaben wollte. Hätte er sich weiter herausgehalten, hätte Russland als Nächstes vielleicht die Balten bedrängt, China die Japaner und der IS die Jordanier.

Grenzen der Nahoststrategie

Obama führt nun einen anderen Krieg als einst George W. Bush. Bush hat Amerikas Macht überschätzt, Obama dagegen ist überzeugt, dass diese Macht endlich ist. Er führt jetzt einen Hightechkrieg aus der Luft, vorerst ohne Bodentruppen, eine verschärfte Version der bisherigen Drohnentaktik. Er sieht sich als Helfer, der ein Sicherheitsproblem löst, nicht als Gestalter, der sich ausliefert.

Die Grenzen und Widersprüche in Obamas Nahoststrategie sind offensichtlich. In seiner Rede vor der UNO hat er Ausmass und Gründe des Extremismus in der muslimischen Welt richtig analysiert, er hat aber auch erklärt, dass dieses Problem letztlich nur die Muslime selbst lösen können. Obama wird sich darauf beschränken, den IS so einzudämmen, dass er möglichst wenig Schaden anrichtet – das ist Containment, nicht viel mehr. Statt also einen Sieg über das «Netzwerk des Todes» zu verheissen, sollte Obama seinem Volk und der Welt ehrlicherweise sagen, dass man noch lange keine «Mission erfüllt»-Banner ausrollen wird, vielleicht auch nie. Es würde ausdrücken, was Obama ohnehin glaubt und was die Rückkehr Amerikas im Kern definiert: Eine Supermacht, die es bleiben möchte, erkennt, dass sie mächtig, aber nicht super ist.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt