Lahmgelegt vom bösen Nachbarn

Der sozialistische Staat Kuba leidet wieder stärker unter Sanktionen, seit Donald Trump in Washington regiert.

Die Rückkehr der Schlange: Bewohnerinnen und Bewohner in Havanna warten vor einer Wechselstube. Foto: Alexandre Meneghini (Reuters)

Die Rückkehr der Schlange: Bewohnerinnen und Bewohner in Havanna warten vor einer Wechselstube. Foto: Alexandre Meneghini (Reuters)

Es sind die kleinen Dinge, an denen Francisca Molina merkt, dass ihr Leben gerade beschwerlicher wird. Wenn sie ihre Wohnung im Zentrum Havannas verlässt und einkaufen geht, dann muss sie Geschäft um Geschäft abklappern, bis sie endlich irgendwo Butter findet. Noch schwieriger ist es mit dem Toilettenpapier, es ist fast nirgendwo zu bekommen. Kürzlich war dann auch noch die Tomatensauce aus – aber immerhin gibt es jetzt wieder welche. Francisca Molina heisst eigentlich anders, ihren echten Namen erwähnt man aber lieber nicht. Wer mit ausländischen Medien spricht, der kann in Kuba noch immer Probleme bekommen.

Von früheren Jahren ist die Hausfrau aus Havanna Beschwerlichkeiten gewohnt. Dass sie jetzt wieder zunehmen, hat mit einer Nachbarschaftskrise zu tun, die sich zuletzt verschärft hat. Seit Beginn seiner Amtszeit im Januar 2017 hatte US-Präsident ­Donald Trump klargemacht, dass er den Entspannungskurs gegenüber der sozialistischen Karibikinsel beenden will. Nach ein paar Gängeleien machte Trump dann spätestens von 2019 an Ernst.

Drastische Sparpläne

Washington belegte Firmen und Reedereien, die Öl nach Kuba liefern, mit Sanktionen – was dazu führte, dass der sozialistischen Insel vergangenen Herbst beinahe Benzin und Diesel ausgingen. Seitdem gelten drastische Sparpläne, der öffentliche Nahverkehr wurde zusammengestrichen, manche Bauern bestellen ihre Felder mit Ochsenkarren statt mit Traktoren. Der kubanischen Wirtschaft geht es seitdem schlechter – was dazu führt, dass weniger Lebensmittel produziert werden und weniger Produkte aus dem Ausland importiert werden können. Das erklärt, warum Francisca Molina und viele andere Kubaner beim Einkaufen immer länger auf der Suche sind.

In einigen ländlichen Gegenden schliesslich haben manche Kubaner schon die Hoffnung auf rechtzeitige Gaslieferungen aufgegeben. Stattdessen kochen sie nun mit Kohle oder mit Feuerholz.

Jetzt müssen sie auch noch Gas sparen. Millionen Menschen auf der Insel kochen mit Flüssiggas, das aus Erdöl gewonnen wird. Wegen der US-Sanktionen kann immer weniger davon importiert werden, weshalb die Regierung kürzlich verkündete, dass das Gas rationiert werden müsse. Haushalte mit drei bis vier Personen müssen jetzt 32 statt wie üblich 21 Tage warten, bis sie wieder staatlich subventioniertes Gas kaufen dürfen. Francisca Molina sagt, dass sie das nicht weiter störe: «Es geht mir gut, ich habe Essen, ein Bad, ein Bett und ein sicheres Dach über dem Kopf.» Viele andere Kubaner aber sind weit weniger gelassen. In Havannas Stadtteil Nuevo Vedado, nur ein paar Kilometer von Molinas Wohnung entfernt, brachen kürzlich Tumulte los, als ein LKW neue Gasflaschen anlieferte. Beinahe das ganze Viertel sei hingerannt, um etwas abzubekommen, schreiben kubanische Medien. In Berichten aus anderen Gegenden Kubas ist von kilometerlangen Schlangen die Rede.

Wie schon so oft machen manche Kubaner aus dem Mangel ein Geschäft: Da es sich viele Menschen nicht leisten können, tagelang in der Schlange auszuharren, lassen sich die sogenannten «mensajeros» (Kuriere) dafür bezahlen. Sie halten den Leuten einen Platz in der Schlange frei oder kaufen für sie das Gas und bringen es ihnen nach Hause. Gute Geschäfte machen die Kuriere an den Tankstellen: Auch dort kommt es immer wieder zu langen Wartezeiten, Benzin und Diesel sind knapp. In einigen ländlichen Gegenden schliesslich haben manche Kubaner schon die Hoffnung auf rechtzeitige Gaslieferungen aufgegeben. Stattdessen kochen sie nun mit Kohle oder mit Feuerholz.

Ärzte rausgeworfen

Die Ölsanktionen sind nicht das einzige Mittel, mit dem die USA versuchen, der sozialistischen Regierung das Leben schwer zu machen. Washington zielt auf sämtliche grösseren Einnahmequellen der Insel. Die Überweisungen von in den USA lebenden Kubanern auf die Insel hat es drastisch eingeschränkt, ebenso die Reisemöglichkeiten für ­US-Touristen, die nach Kuba wollen. Hinzu kommt, dass mit den USA befreundete Länder – Brasilien, Ecuador, neuerdings auch Bolivien – die kubanischen Ärztemissionen rausgeworfen haben, deren Arbeit sich die kubanische Regierung teuer bezahlen liess. Sie sollen jährlich elf Milliarden Dollar in die Staatskassen gespült haben. Der sozialistische Bruderstaat Venezuela ist fast nur noch mit sich selbst beschäftigt. Havanna versucht gegenzusteuern – zum Beispiel, indem die Regierung neue Läden eröffnete, in denen Kubaner gegen US-Dollar und andere harte Währungen Haushaltsgeräte kaufen können. Doch das wird nicht reichen, um die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.

Stattdessen verschärft sich der Mangel von Monat zu Monat. Bei manchen Kubanern weckt er Erinnerungen an die «Sonderperiode» in den 1990er-Jahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kollabierte die Wirtschaft, es gab kaum noch Strom, Lebensmittel und Benzin, viele Menschen litten Hunger. Francisca Molina, die Hausfrau aus Havanna, aber sagt, so weit sei es noch lange nicht. «Wir haben schliesslich noch Strom.»

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