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Joe Biden ist keine zweite Hillary Clinton

Der frühere Vizepräsident ist kein besonders guter Kandidat. Aber um Donald Trump zu schlagen, muss er das auch gar nicht sein.

Die Vorentscheidung? Joe Biden nach seinem Sieg über Bernie Sanders bei den Vorwahlen am 10. März. Video: AP

Bis vor kurzem war Joe Biden ein 77 Jahre alter Politiker, der sich durch müde Auftritte stammelte und für den eine gute TV-Debatte darin bestand, dass er alle Sätze, die er anfing, auch irgendwann wieder beendete. Ein Politiker, der den Start in die Vorwahlen mit mehreren heftigen Niederlagen begann, ein Politiker auch, dessen beste Tage längst vorbei schienen.

Vorbei. Geschichten von gestern. Jetzt, nach einer weiteren Runde von Siegen bei den Vorwahlen der Demokraten, wird Biden aller Voraussicht nach der offizielle Präsidentschaftskandidat der Partei gegen Donald Trump. Biden ist die beste, die letzte Hoffnung all jener Amerikanerinnen und Amerikaner, die den Präsidenten im Herbst loswerden wollen. Was hat sich da getan? Wie konnte das passieren?

Biden ist nach vielen Massstäben kein besonders guter Präsidentschaftskandidat. Wer ihn im vergangenen Jahr während seines Wahlkampfs erlebte, fand sich oft in kleineren Sälen wieder, wo er zu einer Anhängerschaft sprach, die nur mässige Leidenschaft verströmte. Kein Vergleich zu den Veranstaltungen seiner demokratischen Rivalen, kein Vergleich auch zu den Shows von Trump. Seine Botschaft – die Rückkehr zu einem Amerika, wie es vor Trump war – mag die Stimmung im Land gut erfassen. Inspirierend ist sie nicht.

Sanders' Positionen haben es schwer

Trotzdem ist es nun zu einer Vernunftehe zwischen Biden und der demokratischen Wählerschaft gekommen. Die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen lassen nur einen Schluss zu: Die schweigende Mehrheit der Demokraten, die das Hin und Her des Wahlkampfs bisher eher am Rande verfolgt hatte, ist weniger interessiert an Grundsatzdebatten und langfristigen Reformen, die das Land tatsächlich nötig hätte. Und für die Kandidatinnen wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren standen.

Die schweigende Mehrheit sucht vielmehr eine kurzfristige Lösung für ein akutes Problem: Donald Trump.

Er ist zurück: Biden an einer Wahlveranstaltung in South Carolina. Foto: Keystone
Er ist zurück: Biden an einer Wahlveranstaltung in South Carolina. Foto: Keystone

Dass die Wahl am Schluss auf Biden fällt, hat auch mit den Alternativen zu tun, die die Demokraten zuletzt noch hatten. Elizabeth Warren war die fachlich kompetenteste Anwärterin, scheiterte aber daran, dass sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie nun den progressiven oder den moderaten Flügel bedienen wollte (dass sie eine Frau ist, half ihr auch nicht). Mike Bloomberg glaubte, sich die Wahl einfach kaufen zu können.

Bernie Sanders schliesslich vertritt Positionen, die ihn in Europa zu einem gewöhnlichen Sozialdemokraten machen würden, die es aber in den USA schwer haben – auch, weil Sanders sie trotzig als sozialistisch bezeichnet. In den vergangenen zwei Wochen wurde deutlich: Es gibt in Amerika etwa ein Drittel der demokratischen Wähler, das eine dezidiert linke Politik will – mehr aber auch nicht. Besonders nicht, wenn damit das Risiko auf weitere vier Jahre unter Trump besteht.

Biden hat auch Stärken

Bleibt also Biden. Seine Schwäche ist nicht, dass er sich politisch nicht deutlich genug von Trump unter­scheiden würde, wie manche Linke behaupten. Bidens Programm ist progressiver als jenes von Barack Obama, es ist auch progressiver als jenes von Hillary Clinton. Bidens Schwäche ist, dass seine Auftritte tatsächlich Anlass zu Fragen nach seiner geistigen Agilität aufwerfen. Ist Biden senil, wie es Trump nun bereits darzustellen versucht? Wahrscheinlich nicht. Sieht er bei manchen seiner Auftritte im wörtlichen Sinne alt aus? Das zweifellos.

Aber, und das ist die tröstliche Nachricht: Biden hat auch Stärken. Stärken, die Hillary Clinton nicht hatte. Der Vergleich mit der 2016 gescheiterten Demokratin fällt jetzt oft: Sind sie nicht beide Vertreter des Establishments, sind nicht beide Kandidaten, die bei niemandem Begeisterung auslösen?

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Die Vorwahl von Michigan, die Biden nun klar für sich entschied, zeigt, dass dieser Vergleich hinkt. Der frühere Vizepräsident schnitt in diesem Swing-State, den Trump 2016 von den Demokraten eroberte, in fast allen Wählergruppen viel besser ab als Clinton. Bei den Vorwahlen vor vier Jahren verlor Clinton Michigan an ihren damaligen Gegner Sanders.

Biden hat Clinton auch voraus, dass er bei den Demokraten populärer ist – und dass er bei allen anderen Amerikanern nicht annähernd so verhasst ist wie sie. Das ist wichtig in einem Land, in dem die Abneigung gegenüber der anderen Partei zur zentralen Erklärung für eine Wahlentscheidung geworden ist.

Seit Trump im Weissen Haus sitzt, haben auf demokratischer Seite bei sehr vielen Wahlen in den Bundesstaaten mehr Leute teilgenommen als zuvor. Es sind nicht die jungen Idealisten, von denen Sanders immer redet – sondern Amerikaner, die zur Wahl gehen, um ein Zeichen gegen Trump zu setzen. Es ist der Präsident, der sie an die Urne treibt.

Biden braucht also gar kein besonders guter Kandidat zu sein. Vielleicht reicht es dieses Jahr einfach, kein besonders schlechter zu sein.

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