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«Ich glaubte an unsere noblen Absichten»

Vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum weltberühmten Whistleblower: Im zweiten Teil des Interviews mit dem britischen «Guardian» spricht Edward Snowden über seine Motivation für die Enthüllungen.

Anfang Juni hatte die britische Zeitung «The Guardian» ein Interview mit dem US-Amerikaner Edward Snowden veröffentlicht – und damit eine weltweite Lawine losgetreten. Der 30-Jährige berichtete ausführlich über die Spionageaktivitäten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) in anderen Ländern.

Einen Monat später legt der «Guardian» nun mit einem siebenminütigen zweiten Teil des Interviews nach. Das Gespräch wurde am 6. Juni in Hongkong aufgezeichnet. Darin schildert Snowden, warum er sich dazu entschieden hat, die NSA-Aktivitäten publik zu machen: Er sei sehr jung gewesen, als er zum Geheimdienst ging und anfangs überzeugt, das Richtige zu tun. «Ich glaubte an unsere noblen Absichten, unterdrückte Völker zu befreien.» Dann habe er «wahre Informationen» erhalten. Zunächst habe er gewartet und beobachtet. Dann habe er gemerkt, dass niemand etwas unternehme, um die Auswüchse der umfassenden Regierungskontrolle zu stoppen. Die NSA habe die Öffentlichkeit bewusst irregeführt – nicht nur die amerikanische.

«Wir haben gute Menschen mit guten Werten»

Ruhig, überlegt und deutlich artikuliert sagt Snowden weiter: «Amerika ist ein grundsätzlich gutes Land. Wir haben gute Menschen mit guten Werten, die das Richtige tun wollen.» Aber die Machtstrukturen würden auf Kosten der individuellen Freiheit immer weiter expandieren. Er wolle nicht in einer Welt leben, in der alles, was er sage oder mache – der Name jedes Gesprächspartners, der Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft – aufgezeichnet werde.

Snowden betont, dass von der Spionage – entgegen der Beschwichtigungen der NSA und der US-Regierung – nicht nur Ausländer betroffen seien. Vielmehr sammle sie jegliche Information der ganzen Gesellschaft, auch in den USA. Durch die Zusammenarbeit mit Telekommunikationsfirmen habe die NSA Zugriff auf alle Telefonate, alle Combox-Nachrichten und auf den gesamten Internet-Datenverkehr.

NSA greift Geburtstagsglückwünsche ab

Die NSA sei auch vor Lügen nicht zurückgeschreckt: So habe sie etwa die Existenz des Programms «Boundless Informant» im US-Kongress verschwiegen. Damit kann die NSA Telefon- und Internetverbindungsdaten aus Ländern rund um den Globus auswerten. PRISM habe aufgezeigt, wie die US-Regierung mit Firmen wie Google, Facebook, Microsoft oder Apple zusammenarbeite. Die NSA habe direkten Zugang zu allen Kommunikationssystemen und greife sogar Geburtstagsglückwünsche ab.

Er sei mit dem Selbstverständnis aufgewachsen, dass Menschen frei miteinander kommunizieren könnten, ohne dabei überprüft, gemessen oder bewertet zu werden. «Ich glaube, das entspricht dem Selbstverständnis meiner Generation und aller Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind.»

Spielball der internationalen Diplomatie

Snowden war sich den Konsequenzen seiner Enthüllungen durchaus bewusst: «Ich denke, sie werden sagen, dass ich das Spionage-Gesetz verletzt, gravierende Verbrechen begangen und unseren Feinden geholfen habe», sagt er im Gespräch in Bezug auf die US-Regierung. Dieses Argument könne jedoch gegen jeden ins Feld geführt werden, der auf allumfassende Überwachungssysteme hinweise.

Seit der Veröffentlichung des ersten Interviews Anfang Juni hat sich Snowdens Leben komplett verändert, denn in der Zwischenzeit ist er zum Gejagten geworden. Die USA suchen ihn intensiv; er sitzt wahrscheinlich noch immer im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest. Und der junge Mann ist zum Spielball der internationalen Diplomatie geworden: So verweigerten etwa mehrere Länder dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales den Überflug, weil sie Snowden in der selben Maschine vermuteten. Dieser hat mittlerweile in Venezuela Asyl beantragt.

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