Hunderte «Trump-Waisen» warten immer noch auf ihre Eltern

Die Zusammenführung von Eltern und Kindern, die nach ihrem illegalen Grenzübertritt in die USA getrennt wurden, ist schwieriger als erwartet.

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Christof Münger@ChristofMuenger

Donald Trumps «Null-Toleranz»-Politik gegenüber illegal eingewanderten Migranten wirkt nach: Von den fast 2700 Kindern, die die US-Regierung von ihren Eltern trennen liess, sind immer noch 731 nicht wieder zurück bei ihrem Vater oder ihrer Mutter.

Eigentlich waren die Behörden durch den Entscheid des südkalifornischen Bezirksgerichts verpflichtet, bis zum 26. Juli die getrennten Familien zusammenzuführen. Doch das ist bisher nicht vollständig geschehen, wie das Gericht in San Diego vergangene Woche feststellte. Erst 1923 Kinder seien zu ihren Eltern zurückgebracht worden, teilte die US-Regierung mit.

Die amerikanischen Behörden hatten Donald Trumps «Null-Toleranz»-Politik in der ersten Jahreshälfte radikal umgesetzt. Zahlreiche Migrantenfamilien – die meisten kamen aus Zentralamerika – wurden nach dem Grenzübertritt getrennt: Die Eltern galten als Straftäter und wurden in Gefängnisse gesteckt, die Kinder auf Heime im ganzen Land verteilt. Nach einem Aufschrei der Empörung in der amerikanischen Öffentlichkeit – auch Trumps Tochter Ivanka und seine Ehefrau Melania kritisierten die Praxis – stoppte der US-Präsident im Juni per Dekret die Trennung von Familien.

Auch Kleinkinder unter 5 Jahren

Von den Kindern, die immer noch von ihren Eltern getrennt sind, seien 23 unter 5 Jahre alt, berichtet die «Huffington Post». Und die Eltern von 343 Kindern seien gar nicht mehr in den USA, weil sie bereits in ihre Heimatländer deportiert worden seien. Abgesehen davon werden Kinder nicht zu Eltern zurückgebracht, die als kriminell gelten. Und zudem gibt es Jugendliche, die, nun auf sich allein gestellt, in den USA einen Asylantrag gestellt haben.

Ein Gericht hat entschieden: Die Kinder müssen wieder mit ihren Eltern zusammengebracht werden. Video: Tamedia/Reuters

Wie viele Eltern überhaupt kontaktiert werden konnten, ist allerdings umstritten. Gemäss der Regierung sind nur von vier Kindern die Eltern nicht erreicht worden, wie CNN berichtet. Die einflussreiche American Civil Liberties Union (ACLU) schreibt dagegen, die Eltern von lediglich 231 der noch verbliebenen 731 Kinder seien per Telefon oder persönlich kontaktiert worden.

Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU hat im Namen der Eltern die Familienzusammenführung vor Gericht erwirkt. Die Regierung Trump hatte darauf die ACLU aufgefordert, ihre «beachtlichen Ressourcen, ihr Netzwerk, ihre Anwälte und Freiwilligen» einzusetzen, um die Eltern der Kinder ausfindig zu machen.

«Ein Desaster

Der für den Fall zuständige Bundesrichter aus San Diego, Dana Sabraw, entgegnete, das sei «zu 100 Prozent» die Aufgabe der Regierung. Denn sie habe ja an der Grenze zu Mexiko Familien getrennt. Ansonsten blieben Waisenkinder zurück. Das wären dann Trumps Waisen: Für das menschliche Drama verantwortlich sei einzig und allein die amerikanische Regierung, sagte der Richter. Aber immerhin gebe es Fortschritte, sagte Sabraw, man versuche, die bereits ausgeschafften Eltern in Guatemala und Honduras ausfindig zu machen.

Kritischer sieht die Bemühungen der US-Behörden Lee Gelernt, der Anwalt der Bürgerrechtsorganisation ACLU: «Die Regierung hat keinen Grund, stolz darauf zu sein, was sie bisher für die Zusammenführung von Familien geleistet hat», sagte Gelernt. «Das ist ein Desaster, das sie da verursacht hat.» Und nicht nur ein politisches Desaster: Kinder, die gewaltsam von ihren Eltern getrennt wurden, sind traumatisiert. Mit unter Umständen lebenslangen psychischen Folgen.

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