Hunderte Grossmütter suchen weiter

Der 83-jährige Argentinierin Estela de Carlotto hat nach 36 Jahren ihren geraubten Enkel gefunden. 285 andere Kinder bleiben verschwunden.

Nach fast vierzig Jahren vereint: Guido mit seiner Grossmutter Estela de Carlotto. Foto: Natacha Pisarenko (AP, Keystone)

Nach fast vierzig Jahren vereint: Guido mit seiner Grossmutter Estela de Carlotto. Foto: Natacha Pisarenko (AP, Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Ihre Geschichte wurde als Sensation gefeiert. 36 Jahre lang suchte Estela de Carlotto ihren Enkel Guido, den Sohn ihrer während der Militärdiktatur getöteten Tochter Laura. Anfang August wurde er dank eines DNA-Tests endlich identifiziert. Sofort berief die prominente Menschenrechtsaktivistin in Buenos Aires eine Pressekonferenz ein und ballte als Zeichen des Triumphs ihre Hände zu Fäusten. Danach traf sie ihren Enkel – zum ersten Mal in ihrem Leben. Die rüstige Rentnerin konnte ihr Glück kaum fassen, doch viel Zeit, sich mit ihrem Enkel bekannt zu machen, blieb ihr nicht: Sie musste ihre Koffer packen und nach Genf reisen. Während der Tagung des UNO-Menschenrechtsrats setzte sie sich vergangene Woche für humanitäre Rechte ein und kam kaum zur Ruhe. Sie zog von Podium zu Podium, von Feier zu Feier, wurde mit Reden gewürdigt und Glückwünschen überschüttet.

In einer ruhigen Minute schildert sie noch einmal die Erlebnisse der letzten Tage. Die linke Hand auf ihren Spazierstock gestützt, wirkt Estela de Carlotto kontrolliert und gefasst. Das schlohweisse, nach oben geföhnte Haar steht in alle Richtungen ab. Mit strahlenden Augen mustert sie ihr Gegenüber. Doch sobald sie von ihrem wiedergefundenen Enkel erzählt, kann sie ihre Emotionen nicht mehr zurückhalten. Eine lange, schwere Zeit sei zu Ende, sagt die alte Frau. «Nach Guido suchte ich schon, als er noch nicht einmal geboren war.»

Denn Estela de Carlotto ahnte, dass ihre 22-jährige Tochter Laura schwanger war, als sie im November 1977 wegen angeblicher Aktivitäten für die linke Stadtguerilla von den Militärs verhaftet und in ein Foltergefängnis gebracht wurde. Zeugen versicherten später, Laura habe im Juni 1978 einen Jungen zur Welt gebracht, den sie Guido nannte. Die Militärs nahmen der Mutter den Säugling wenige Stunden nach der Geburt weg. Zwei Monate später erschossen Schergen Laura und übergaben der Mutter den Leichnam. Auch Guidos Vater, Wilmar Montoya, brachten sie um. Von Guido fehlte jede Spur. 1985, zwei Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, liess Estela de Carlotto vom Forensiker Morris Tidball-Binz die Leiche ihrer Tochter exhumieren. Danach stand fest: Laura hatte ein Kind geboren.

Identifikation dank Bluttests

Estela de Carlotto gründete mit anderen Grossmüttern, die ihre Enkel suchten, die Menschenrechtsgruppe «Abuelas de Plaza de Mayo». Als deren Präsidentin wurde sie international aktiv und sorgte etwa dafür, dass Rechtsgrundsätze wie das Recht auf Identität und die Kenntnis der eigenen Abstammung in die UNO-Kinderrechtskonvention kamen.

In Argentinien erstellten die Grossmütter eine Namensliste der Vermissten und entwickelten mit Medizinern einen Bluttest, um die Nachkommen in zweiter Generation identifizieren zu können. Diese Technologie wurde inzwischen längst von den effizienteren DNA-Tests abgelöst. Estela de Carlotto sagt: «Immer wieder wurden Enkelkinder gefunden. Aber meines war nie dabei.» Natürlich habe sie sich für jede Mitstreiterin gefreut, deren Enkelkind auftauchte. Aber sie sei verzweifelt gewesen, weil Guido verschwunden blieb, gesteht die Aktivistin. Bis am 5. August dann ihr Telefon klingelte und eine Richterin sagte: «Wir haben ihren Enkel gefunden.»

«Ist das wahr?», habe sie die Richterin gefragt und einen Freudensprung gemacht, schildert die Grossmutter ihre erste Reaktion. Danach wäre sie am liebsten zu ihrem Enkel gestürmt. Doch die Richterin bat um Geduld. Der Enkel müsse zuerst einwilligen, seine Familie kennen zu lernen. Eine Formsache, hatte er doch selbst eine DNA-Probe abgegeben, weil er darunter gelitten hatte, seine leiblichen Eltern nicht zu kennen.

Die politische Mission bleibt

Einige Tage später kam Guido, von etlichen Freunden begleitet, bei Estela de Carlotto zu Besuch. Er stellte sich ihr als Ignacio Hurban vor. Er sei Pianist und bei einem Paar in der Stadt Olavarría in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. «Despacito», man müsse sich gemächlich kennen lernen, habe ihr Guido beim ersten Treffen gesagt, erinnert sich die stürmische Estela de Carlotto. Doch schon beim nächsten Mal sagt er beim Abschied «Chau abu» – «auf Wiedersehen, Grossmutter». Da habe sie gewusst, sagt Estela de Carlotto, dass Guido nun endlich Teil der Familie sei. Auch sonst ist sie überwältigt von ihrem Enkel. «Er spricht wie meine Tochter und gleicht seinem Vater», sagt sie.

Ihre politische Mission hat Estela de Carlotto längst nicht beendet. Die Namen 400 verschwundener Kinder standen einst auf der Liste der «Grossmütter der Plaza de Mayo». Guido war das 114. Kind, das wiedergefunden wurde. Das 115. Kind, eine junge Frau, wurde vor wenigen Tagen in Europa identifiziert. Ihr Name wird aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht bekannt gegeben.

Der Kampf um die 285 noch vermissten Kinder geht weiter. Estela Carlotto vermutet viele in Europa, allenfalls auch in der Schweiz. Zwar gaben die Militärs Kinder nie direkt ins Ausland, aber viele «Adoptionsfamilien» haben Argentinien nach der Diktatur verlassen und sind in Europa abgetaucht.

Für diese Woche hat sich die 83-Jährige vorgenommen, Guidos Zuhause zu besuchen, um zu wissen, wo er aufgewachsen ist. Noch liess sie beim Treffen in Genf offen, wie sie seinen vermeintlichen Eltern begegnen wird. Sie könnte sie einklagen, wenn sie wollte. Doch das wird sie nicht, weil auch ihr Enkel das nicht will.

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