Humanitäre Katastrophe im Schritttempo

Vertrieben von Gewalt und Kriminalität, wandern Tausende aus Mittelamerika in Richtung USA.

Flucht vor Armut und Gewalt: Unter den Migranten befinden sich viele Frauen und Kinder. Video: Tamedia/AFP

Laut Donald Trump befinden sich «viele Kriminelle» unter den Flüchtlingen aus Honduras, die sich auf ihrem Weg nach Norden allmählich der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko nähern. Ärzte, Hilfskräfte und Journalisten, die die Karawane beglei­teten, zeichnen ein komplett ­anderes Bild der Lage. Demnach handelt es sich keineswegs um einen «Überfall» auf die USA, wie Trump behauptet, sondern eher um eine sich im Schritttempo fortbewegende humanitäre Katastrophe.

Augenzeugen berichten von Familien, die sich im Getümmel aus den Augen verlieren, von ­Vätern, die Hunderte Kilometer Fussmarsch mit einem Baby auf dem Arm zurücklegen, von dehydrierten Kindern, die nach Wasser schreien, von verbrannten Füssen, weil sich der Asphalt in der Mittagssonne wie eine Herdplatte erhitzt. In der süd­guatemaltekischen Stadt Zacapa – von hier aus sind es auf kürzestem Weg noch 2500 Kilometer bis zur US-Grenze – soll eine entkräftete Mutter ihr einjähriges Kind durchs Seitenfenster in einen überfüllten Kleinbus hineingereicht haben, mit der Bitte: «Nehmt es mit, bringt es irgendwo in Sicherheit.» Für sie selbst war in dem Auto kein Platz mehr.

Karawane der Verzweifelten

Nichts deutet darauf hin, dass es sich bei diesen Menschen um Kriminelle handelt, sehr viel aber darauf, dass sie vor absurder ­Kriminalität flüchten. Die Karawane war am vergangenen Wochenende im honduranischen San Pedro Sula gestartet. Die Stadt gehört seit Jahren zu den Orten mit der höchsten Mordrate weltweit. Es gibt keine offizielle Statistik über die Menschen, die sich auf den lebensgefährlichen Weg in ein besseres Leben gemacht haben. Zunächst sollen es 160 gewesen sein. Aber in den zurückliegenden Tagen haben sich immer mehr Verzweifelte angeschlossen. Die Behörden in Guatemala gehen inzwischen ­davon aus, dass sich etwa 5000 Flüchtlinge aus Honduras auf ihrem Staatsgebiet befinden.

Der Menschenzug ist nicht koordiniert unterwegs, Kleingruppen bewegen sich in unterschiedlichem Tempo vorwärts. Foto: Getty Images

Es handelt sich nicht um einen koordinierten Treck, es gibt keine erkennbaren Anführer. Die Karawane hat sich längst in Kleingruppen aufgeteilt, die in unterschiedlicher Geschwindigkeit vorankommen. Manche sind schon wieder umgekehrt, die Schnellsten haben bereits die Südgrenze Mexikos erreicht. Unterwegs gibt es auch bewegende Szenen zentralamerikanischer Solidarität. Guatemalteken, die selbst nicht viel haben, beten am Strassenrand für die vorbeiziehenden Honduraner, sie reichen ihnen Plastiktüten mit Trinkwasser, Teigfladen oder stecken ihnen zehn Quetzal zu. Falls die Wanderer jemals das aus ihrer Sicht gelobte Land erreichen, ­bekommen sie dafür etwa einen Dollar, besser als nichts.

Dazwischen liegt aber noch das grosse, unwägbare Mexiko. Und in diesen Tagen ist es besonders schwer vorherzusagen, wie die Regierung in Mexiko-Stadt mit der Situation umgehen wird. Es ist nämlich nicht klar, wer hier eigentlich regiert. Das Land befindet sich mitten in der Übergangsphase von der scheidenden Administration Enrique Peña Nietos zu der seines gewählten Nachfolgers Andrés Manuel López Obrador. Der wird offiziell am 1. Dezember die Amtsgeschäfte übernehmen, tritt aber schon seit Monaten wie der Chef von Mexiko auf.

Auch bei dem jüngst vereinbarten Handels­abkommen mit den USA waren López Obradors Leute bereits massgeblich beteiligt. Und deshalb ist auch nicht klar, an wen sich eigentlich Trumps Drohung richtet, die US-Südgrenze militärisch abzuriegeln und das ­Handelsabkommen wieder zu opfern, falls die Mexikaner die Karawane nicht stoppten. US-Aussenminister Mike Pompeo wollte sich am Freitag sowohl mit Luis Videgaray, dem Aussenminister Peña Nietos, als auch mit Marcelo Ebrard, dem Kollegen der López-Obrador-Regierung, treffen. Er wird dabei wohl sehr unterschiedliche Strategien zu hören bekommen.

Videgaray ist ein alter Bekannter von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Er hat bereits angekündigt, dass illegale Einwan­derer deportiert würden, und schickte zum Beweis der Kooperation einige Hundertschaften Polizisten an die Grenze. Dafür gab es Applaus aus Washington. Ebrard wiederum sagte, die Drohung Trumps habe vor allem mit den anstehenden Wahlen in den USA zu tun. Abschiebungen würden nichts ändern an den Fluchtursachen.

Sein künftiger Vorgesetzter López Obrador stellte den Migranten Arbeitsvisa in Mexiko in Aussicht, und Arbeitsplätze gleich dazu. Er will im Süden des Landes mehrere Hunderttausend Jobs schaffen. Laut mexikanischen Medien ist das im Rahmen der Handelsvereinbarungen auch genau so mit den USA abgesprochen, um der Flüchtlingsfrage mit humanitären Methoden zu begegnen – unter dem Arbeitstitel «Mauer der Investitionen».

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