Harvey trifft vor allem die Ärmsten

Houston

Hurrikan Harvey trifft die arme Bevölkerung in Houston besonders hart. Sie lebt in den flutgefährdeten Gebieten, hat oft keine Versicherung und wenig Ressourcen für den Wiederaufbau.

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Ronaldo fällt schwer zu glauben, was er eben auf dem Fernsehschirm im George R. Brown Convention Center vernahm. «Sie werden sehr schnelle Hilfe des Kongresses sehen», versprach dort Präsident Donald Trump den Flutopfern nach seinem Besuch in Texas mit der ihm typischen Bravade. «Und sie werden sehr, sehr schnell wieder auf den Beinen sein.»

Der Dachdecker fragt sich, wie das gehen soll. Haus und Truck im Osten der Stadt stehen unter Wasser, die Flut-Police konnte er sich nach mehreren Erhöhungen nicht mehr leisten, und Ersparnisse hat er auch keine. Deshalb hat er Zuflucht im grössten, aber inzwischen überfüllten Notaufnahmelager von Houston gesucht.

Die meisten der rund 8500 Menschen, die dort ausharren, sind Afroamerikaner oder Latinos.Armutsexperten wie Robert Bullard von der Texas Southern University überrascht das nicht. «Es ist sehr voraussagbar, welche Gebiete am härtesten getroffen werden», sagt der Soziologe, der die Gefahrenzonen in Städten wie Houston anhand sozioökonomischer Kenndaten festmachen kann.

Schutzlos ausgeliefert

Die Gegenden, in denen besser ­situierte Bürger leben, zeichnen sich generell durch höhere Investitionen in Infrastruktur und Hochwasserschutz aus. Selbst wenn der, wie in diesem Fall während des Jahrhunderthundertsturms Harvey, nicht standhält, sehen sich die Einwohner nicht den gleichen Gefährdungen ausgesetzt.

Die «Gefahrenzonen» in Houston liegen laut Bullard im Osten der Stadt in Nachbarschaften, die an Industriegebiete mit petrochemischen Anlagen und Raffinieren angrenzen. Harvey brachte für die Menschen hier nicht nur das Flutwasser, sondern auch toxische Abfälle aus den angrenzenden Anlagen.

Bryan Paris von der Umweltgruppe Tejas, die im East End von Houston aktiv ist, sagte einem Reporter des Magazins «The New Republic», der Sturm habe einen «unerträglichen Gestank» mitgebracht. Andere Nachbarn klagten in den sozialen Medien über ranzige Luft, Atemnot und Übelkeit.

«Das ist das Ergebnis einer Laissez-faire-Politik, ungebremsten Kapitalismus und fehlender Städteplanung», analysierte Bullard in der «Huffington Post».

Ohne Versicherung

Etwa jeder Fünfte in diesen zu 90 Prozent von Latinos bewohnten Quartieren lebt unter der Armutsgrenze. Mangels sozialen Wohnungsbaus und bezahlbarer Häuser in anderen Teilen der Metropole blieb vielen nichts anderes übrig, als in die Gebiete zu ziehen, die von der Katastrophenhilfe Fema als «hochriskant» eingestuft waren.

Das trieb die Kosten für die Versicherungspolicen in die Höhe. Nach einer Analyse der «Washington Post» haben vier von fünf Einwohnern in den am härtesten betroffenen Vierteln keine Versicherung. Zehntausende, die ihre Häuser und ihr Habe verloren, bleiben damit auf private Spenden und die Grosszügigkeit der Fema angewiesen.

Doch ausgerechnet für diese Behörde sieht Trumps Haushaltsplan eine Kürzung der Mittel um 667 Millionen Dollar vor. «Leute, die keine Versicherung haben, werden ihre Häuser verlassen müssen», beschreibt Professor Robert Meyer vom Risk Management Center der Universität Pennsylvania die bittere Realität nach dem Hurrikan. «Die Regierung wird nicht mit Geldbündeln um sich werfen.»

Wenn die Wassermassen in Houston verschwunden sind, werden, wie nach Katrina in New Orleans, auch die sozialen Realitäten sichtbar; inklusive vieler zerstörter Existenzen und gebrochener Versprechen. Die «City with no Limits», wie sich die Stadt selbst bewirbt, hat durch Harvey ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.

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