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Hätte die CIA Khashoggi warnen können?

Die US-Geheimdienste wussten offenbar von einer früheren saudischen Entführungsaktion eines Sonderkommandos für riskante Operationen im Ausland.

Martin Kilian, Washington
US-Präsident Donald Trump hält die Version Saudiarabiens für glaubwürdig. (20. Oktober 2018) (Video: AFP)

Die Lüge erreichte Washington am Freitag. Doch der einzige in Washington, der ihr Glauben zu schenken schien, war Donald Trump. Als «guten ersten Schritt» bezeichnete der Präsident am Freitagabend die neue saudische Erklärung für den Tod Jamal Khashoggis im Konsulat des Königreichs in Istanbul.

Das Gespräch Khashoggis mit saudischen Offiziellen am 2. Oktober im Konsulat habe sich «negativ entwickelt», worauf ein «Faustkampf» ausgebrochen sei, der zum Tod des Journalisten geführt habe, behauptet Riad.

Am Samstagabend war sich der Präsident freilich nicht mehr so sicher, was er glauben sollte: Es habe von Seiten Saudi-Arabiens «Lügen» und Täuschungsmanöver gegeben, so Trump.

Die Darstellung der saudischen Regierung widerspricht sowohl türkischen Erkenntnissen als auch dem Wissen amerikanischer Geheimdienste. Warum wurde beispielsweise kein Krankenwagen vom Konsulat angefordert? Wo ist die Leiche Khashoggis? Und warum behaupteten die Saudis zuerst, Khashoggi habe das Konsulat «lebend» verlassen?

Im Rahmen des neuerlichen Erklärungsversuchs teilte Riad überdies mit, es seien 18 Personen verhaftet und fünf ranghohe Mitarbeiter von Kronprinz Muhammad bin Salman entlassen worden.

Woher kam der Befehl?

Unter den Entlassenen befindet sich der stellvertretende Chef des saudischen Geheimdienstes, General Ahmed al-Assiri, sowie bin Salmans Medienberater Saud al-Qahtani. Der enge Vertraute des Kronprinzen und Machthabers leitete eine hässliche Twitter-Kampagne gegen Dissidenten und Kritiker des Kronprinzen. Auch Jamal Khashoggi wurde in sozialen Medien bedroht.

General al-Assiri gehörte ebenfalls dem engeren Beraterkreis des Kronprinzen an. Es gilt in Washington als unmöglich, dass der General nicht die Erlaubnis des Kronprinzen zu einer Entführung oder einem Mordkomplott gegen Khashoggi eingeholt hätte. Es kann zudem nicht ausgeschlossen werden, dass Muhammad bin Salman selbst den Befehl zu der Aktion in Istanbul gab.

Von den 15 Saudis, die am Todestag Khashoggis türkischen Angaben zu Folge in Istanbul einreisten, arbeiteten mindestens zwölf für saudische Dienste. Mehrere Mitglieder des Kommandos zählten zum Kreis um den Kronprinzen.

Fordert eine internationale Untersuchung zur Klärung der Schuldfrage: Die UNO-Berichterstatterin über willkürliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, in Genf. (19. Juni 2019/AFP/Fabrice Coffrini)
Fordert eine internationale Untersuchung zur Klärung der Schuldfrage: Die UNO-Berichterstatterin über willkürliche Hinrichtungen, Agnès Callamard, in Genf. (19. Juni 2019/AFP/Fabrice Coffrini)
Die Ermordung Khashoggis im Oktober 2018 wirft bis heute Fragen auf: Das Portrait des Journalisten der Washington Post während einer Zeremonie in Washington. (2. November 2018)
Die Ermordung Khashoggis im Oktober 2018 wirft bis heute Fragen auf: Das Portrait des Journalisten der Washington Post während einer Zeremonie in Washington. (2. November 2018)
Jim Watson, AFP
Die saudiarabische Justiz hatte zuvor die Todesstrafe gegen fünf Verdächtige im Fall des ermordeten Jamal Khashoggi gefordert. (2. Oktober 2018)
Die saudiarabische Justiz hatte zuvor die Todesstrafe gegen fünf Verdächtige im Fall des ermordeten Jamal Khashoggi gefordert. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Die «New York Times» schrieb am 13. November 2018, es gebe immer stärkere Indizien dafür, dass der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman in den Fall verwickelt ist.
Die «New York Times» schrieb am 13. November 2018, es gebe immer stärkere Indizien dafür, dass der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman in den Fall verwickelt ist.
Josh Reynolds/AP, Keystone
Ein Aktivist hält in Istanbul ein Plakat mit dem Bild von Jamal Khashoggi. (25. Oktober 2018)
Ein Aktivist hält in Istanbul ein Plakat mit dem Bild von Jamal Khashoggi. (25. Oktober 2018)
Lefteris Pitarakis, Keystone
Der türkische Präsident Erdogan erklärt, sein Land habe Aufnahmen im Zusammenhang mit der Tötung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi an einige Länder weitergegeben.
Der türkische Präsident Erdogan erklärt, sein Land habe Aufnahmen im Zusammenhang mit der Tötung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi an einige Länder weitergegeben.
AP
Neue Kehrtwende in Riad: Nun heisst es auch aus Saudi-Arabien, dass die Tat geplant worden sei. Bisher besagte die offizielle Version, dass Khashoggi in Folge eines «Faustkampfs» im Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen sei.
Neue Kehrtwende in Riad: Nun heisst es auch aus Saudi-Arabien, dass die Tat geplant worden sei. Bisher besagte die offizielle Version, dass Khashoggi in Folge eines «Faustkampfs» im Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen sei.
AP
«Bisher zeigen alle Fakten und Beweise, die gefunden worden sind, dass Jamal Khashoggi Opfer eines brutalen Mords geworden ist»: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einer viel beachteten Rede hauptsächlich bekannte Fakten wiederholt. (23. Oktober 2018)
«Bisher zeigen alle Fakten und Beweise, die gefunden worden sind, dass Jamal Khashoggi Opfer eines brutalen Mords geworden ist»: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einer viel beachteten Rede hauptsächlich bekannte Fakten wiederholt. (23. Oktober 2018)
Ali Unal/AP, Keystone
Der US-Sender CNN hat Bilder von Überwachungskameras veröffentlicht, die den saudischen Agenten namens Mustafa Madani mit den Kleidern von Jamal Khashoggi zeigen sollen.
Der US-Sender CNN hat Bilder von Überwachungskameras veröffentlicht, die den saudischen Agenten namens Mustafa Madani mit den Kleidern von Jamal Khashoggi zeigen sollen.
Screenshot CNN
Saudiarabien bestätigt den Tod des Journalisten Jamal Khashoggi. (Archivbild)
Saudiarabien bestätigt den Tod des Journalisten Jamal Khashoggi. (Archivbild)
Virginia Mayo/AP, Keystone
Demokraten warnen vor möglichen Interessenkonflikten des US-Präsidenten im Fall Khashoggi: Trump bei einer Willkommenszeremonie im Murabba-Palast in Riad. (20. Mai 2017)
Demokraten warnen vor möglichen Interessenkonflikten des US-Präsidenten im Fall Khashoggi: Trump bei einer Willkommenszeremonie im Murabba-Palast in Riad. (20. Mai 2017)
Evan Vucci, AP, Keystone
Mike Pompeo sprach am Dienstag in Riad während rund 20 Minuten mit König Salman: Der US-Aussenminister mit König Salman im Palast in Riad.
Mike Pompeo sprach am Dienstag in Riad während rund 20 Minuten mit König Salman: Der US-Aussenminister mit König Salman im Palast in Riad.
Reuters
Pompeo soll den Schaden im Fall Khashoggi für die politischen Beziehungen zwischen den USA und Saudiarabien begrenzen. (16. Oktober 2018)
Pompeo soll den Schaden im Fall Khashoggi für die politischen Beziehungen zwischen den USA und Saudiarabien begrenzen. (16. Oktober 2018)
Leah Millis/Pool, Reuters
Mike Pompeo trifft auf dem Flughafen in Riad ein. (16. Oktober 2018)
Mike Pompeo trifft auf dem Flughafen in Riad ein. (16. Oktober 2018)
Leah Millis/Pool Photo via AP, Keystone
Nach einem Telefongespräch mit König Salman sagte US-Präsident Donald Trump, es habe danach geklungen, als ob ein «boshafter Killer» den Journalisten getötet haben soll: Kronprinz Muhammad bin Salman bei seinem Besuch im Weissen Haus. (20. März 2018)
Nach einem Telefongespräch mit König Salman sagte US-Präsident Donald Trump, es habe danach geklungen, als ob ein «boshafter Killer» den Journalisten getötet haben soll: Kronprinz Muhammad bin Salman bei seinem Besuch im Weissen Haus. (20. März 2018)
Jonathan Ernst, Reuters
Türkische Ermittler hatten zuvor bereits vermutet, dass der im US-Exil lebende Regierungskritiker im saudiarabischen Konsulat von Agenten seines Heimatlandes ermordet worden war.
Türkische Ermittler hatten zuvor bereits vermutet, dass der im US-Exil lebende Regierungskritiker im saudiarabischen Konsulat von Agenten seines Heimatlandes ermordet worden war.
Murad Sezer, Reuters
Türkische Ermittler durchsuchten acht Stunden lang das Gebäude in Istanbul.
Türkische Ermittler durchsuchten acht Stunden lang das Gebäude in Istanbul.
Murad Sezer, Reuters
Dort war der Journalist Khashoggi zuletzt gesehen worden.
Dort war der Journalist Khashoggi zuletzt gesehen worden.
Kemal Aslan, Reuters
Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen und setzte die Führung in Riad unter Druck: Ein Security-Mitarbeiter des saudiarabischen Konsulats in Istanbul. (14. Oktober 2018)
Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen und setzte die Führung in Riad unter Druck: Ein Security-Mitarbeiter des saudiarabischen Konsulats in Istanbul. (14. Oktober 2018)
Petros Giannakouris, Keystone
Drohte mit einer harten Strafe: US-Präsident Donald Trump wird am Flughafen in Ohio zum Fall Khashoggi befragt. (12. Oktober 2018)
Drohte mit einer harten Strafe: US-Präsident Donald Trump wird am Flughafen in Ohio zum Fall Khashoggi befragt. (12. Oktober 2018)
Evan Vucci, Keystone
Der Screenshot einer Überwachungskamera soll Jamal Khashoggi zeigen, wie er das Konsulat am 2. Oktober betritt.
Der Screenshot einer Überwachungskamera soll Jamal Khashoggi zeigen, wie er das Konsulat am 2. Oktober betritt.
Sabah Newspaper Handout, Keystone
Diese Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen angeblich Verdächtige in Istanbuls Flughafen Atatürk. (2. Oktober 2018)
Diese Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen angeblich Verdächtige in Istanbuls Flughafen Atatürk. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Dieses Bild soll einen Privatjet zeigen, mit dem eine Gruppe saudischer Verdächtiger nach Istanbul gereist sind. (2. Oktober 2018)
Dieses Bild soll einen Privatjet zeigen, mit dem eine Gruppe saudischer Verdächtiger nach Istanbul gereist sind. (2. Oktober 2018)
Sabah Newspaper, AFP
Ein schwarzer Van fährt zum saudischen Konsulat. Die türkische Zeitung «Sabah» hatte die Bilder am 9. Oktober publik gemacht.
Ein schwarzer Van fährt zum saudischen Konsulat. Die türkische Zeitung «Sabah» hatte die Bilder am 9. Oktober publik gemacht.
Sabah Newspaper, AFP
US-Präsident Donald Trump wurde am Mittwoch in den Fall eingeschaltet. (10. Oktober 2018)
US-Präsident Donald Trump wurde am Mittwoch in den Fall eingeschaltet. (10. Oktober 2018)
Manuel Balce Ceneta/AP, Keystone
Washington werde der Sache auf den Grund gehen, sagte Trump. Luftaufnahme des saudischen Konsulats in Istanbul.
Washington werde der Sache auf den Grund gehen, sagte Trump. Luftaufnahme des saudischen Konsulats in Istanbul.
DHA/AP
Saudiarabien ist für die USA ein strategisch wichtiger Partner und ein wichtiger Absatzmarkt für US-Rüstungsgüter. Protest vor dem saudischen Konsulat in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Saudiarabien ist für die USA ein strategisch wichtiger Partner und ein wichtiger Absatzmarkt für US-Rüstungsgüter. Protest vor dem saudischen Konsulat in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Osman Orsal, Reuters
Spekulationen zufolge wurde ein Killerkommando auf den verschwundenen Regimekritiker Jamal Khashoggi angesetzt.
Spekulationen zufolge wurde ein Killerkommando auf den verschwundenen Regimekritiker Jamal Khashoggi angesetzt.
Mohammed Al-Shaikh, AFP
Wurde hier Khashoggi ermordet? Mitarbeiter betreten das Konsulat von Saudiarabien in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Wurde hier Khashoggi ermordet? Mitarbeiter betreten das Konsulat von Saudiarabien in Istanbul. (9. Oktober 2018)
Bulent Kilic, AFP
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Laut US-Geheimdiensten verdankt General al-Assiri seinen Aufstieg dem Fehlschlag einer Entführungsaktion im Jahr 2016: Unter Leitung von General Yousuf bin Ali al-Idrissi, dem damaligen stellvertretenden Geheimdienstchef, sollte ein prominenter saudischer Geschäftsmann und Kritiker des Kronprinzen aus seinem Domizil im Ausland entführt und zurück nach Saudiarabien gebracht werden. Die Aktion misslang, worauf al-Idrissi gefeuert wurde. Die CIA wusste offenbar von der geplanten Aktion, doch ist nicht bekannt, ob sie den Geschäftsmann warnte.

Al-Assiris Sonderkommando

Ebenfalls unklar ist, wann US-Dienste vom Plan erfuhren, Khashoggi nach Saudiarabien zurückzubringen. Falls die Geheimdienste vor dem Besuch Khashoggis im saudischen Konsulat in Istanbul davon wussten, hätten sie den Journalisten laut einer von der Obama-Administration erlassenen und unverändert gültigen Verordnung warnen müssen.

Bereits im September hatten saudische Quellen die CIA zudem unterrichtet, dass General al-Assiri ein Kommando von Sonderkräften für riskante Operationen im Ausland zusammengestellt habe. War der CIA bekannt, dass Khashoggi entweder entführt oder ermordet werden sollte?

General Ahmed al-Assiri. (Archiv) (Bild: Fayez Nureldine/AFP)
General Ahmed al-Assiri. (Archiv) (Bild: Fayez Nureldine/AFP)

Die Regierung Trump ordnete offenbar an, dass geheimdienstliche Erkenntnisse im Fall Khashoggi bis auf weiteres nicht den zuständigen Ausschüssen im Kongress zugeleitet werden. «Ich gehe davon aus, dass sie nicht wollen, dass wir die Informationen sehen», klagte bereits am Mittwoch der republikanische Senator Bob Corker (Tennessee).

Nicht nur Corker fordert Aufklärung: Der Abgeordnete Adam Schiff, ranghöchster Demokrat im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, bezeichnete die saudische Darstellung der Ereignisse im Konsulat als «nicht glaubhaft». Präsident Trump zeigt sich bislang jedoch unbeeindruckt von der wachsenden Kritik an Riad: Keinesfalls dürften US-Waffenlieferungen an Saudiarabien gefährdet werden, es gehe immerhin um «110 Milliarden Dollar», so Trump am Freitag.

Video – Der Fall Khashoggi

Was über das Verschwinden des saudischen Regimekritikers bekannt ist. (Video: Tamedia mit Material der AFP, AP)
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