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Fast wie Trump, aber ohne Rassismus

Kanada war immer stolz darauf, anders zu sein als die USA. Doch nun erschüttert der Erfolg des Politikers Doug Ford das Selbstbild des Landes

Doug Ford wird als «Trump light» bezeichnet und regiert die kanadische Provinz Ontario. (Foto: Carlo Allegri/Reuters)
Doug Ford wird als «Trump light» bezeichnet und regiert die kanadische Provinz Ontario. (Foto: Carlo Allegri/Reuters)

Gut gelaunt steht Doug Ford in der Barley Days Brewery in Picton. «Der Tag, auf den ihr alle gewartet habt, ist da. Wir bringen ‹Buck-a-beer› zurück nach Ontario», ruft der neue Premier. Für nur einen Dollar dürfen Brauereien von Montag an in Kanadas bevölkerungsreichster Provinz eine Flasche oder Dose Bier verkaufen; bisher lag der Mindestpreis bei 1,25 Dollar. Obwohl die Billigbiere besonders sichtbar in den staatlichen Alkohol-Geschäften platziert werden sollen, wollen nur wenige Hersteller die Preise senken.

Dem 53-jährigen Ford, der selbst nur Cola light trinkt, ist das egal: Im Wahlkampf war «Buck-a-Beer» sein populärster Slogan und entsprechend stolz ist er, das Versprechen vor dem langen Wochenende zum Labour Day erfüllt zu haben. Die Kritik, dass ein solcher Eingriff dem Markt konservativer Prinzipien widerspreche, wischt Ford ebenso beiseite wie die Frage, ob Kampfpreise nicht zu mehr Alkoholismus führen könnten: «Die Menschen in Ontario wissen genau, wann sie ein oder zwei Bier zu viel getrunken haben.»

Über nichts redet Ford lieber als über «the people», jene «kleinen Leute», mit denen er ständig spreche und deren Wünsche er umsetze. Knapp 40 Prozent der 36 Millionen Kanadier leben in Ontario und seit der Vereidigung am 29. Juni setzt er alles daran, die Provinz umzubauen. Die Sommerpause des Parlaments in Toronto hat er gestrichen, damit seine Progressive Conservatives (PC) Gesetz nach Gesetz beschliessen können. Gewiss: Die Senkung der Bierpreise ist nicht das drängendste Problem, aber wer darüber spottet, gilt schnell als elitärer Fan von Wein oder Craft Beer.

«Trump Light» oder «Mini-Trump»

Zum Spitzenkandidaten konnte Doug Ford, dessen Bruder Rob als Bürgermeister von Toronto 2013 beim Crack-Rauchen gefilmt wurde, aufsteigen, weil Parteichef Patrick Brown über einen Sexskandal stürzte. Dass Ford keine Regierungserfahrung hat und auch kein detailliertes Programm vorlegte, störte die Delegierten ebenso wenig wie viele Bürger: Sie waren wütend auf die seit 2003 in Ontario regierenden Liberalen und wählten den Millionär, der so laut auf die abgehobene Elite schimpft, dass politische Gegner und Reporter ihn «Trump Light» oder «Mini-Trump» tauften. Ford stört der Spitzname nicht und gibt offen zu, dass er als Amerikaner 2016 natürlich den Reality-TV-Star gewählt hätte.

Das Wahlergebnis in Ontario hat das Selbstbild vieler Kanadier erschüttert, wonach ihr Land vor allem eines ist: anders als die USA. Die Ähnlichkeiten zwischen Trump und Ford gehen weit über Haarfarbe und Statur hinaus. Beide verehren ihre Väter, die erfolgreiche Unternehmer waren (die Fords wurden mit dem Druck von Etiketten reich), und inszenieren sich als Aussenseiter, deren gesunder Menschenverstand mehr erreiche als die Analysen von Experten.

Affären schaden Ford nicht

Wie Trump ist Ford impulsiv und trennt die Welt in Feinde und Freunde. Seine Anhänger bilden die «Ford Nation», die sein 2016 verstorbener Bruder Rob ins Leben gerufen hatte. «Ein Wahlkampf ist wie ein Krieg. Wer etwas anderes behauptet, ist naiv. Es ist politischer Krieg», sagte Doug Ford 2015 zu John Filion, der mit den Brüdern im Stadtrat von Toronto sass und ein Buch über sie geschrieben hat.

Darin dokumentiert Filion nicht nur die Drogensucht von Rob, die zu dessen Entmachtung als Bürgermeister führte, sondern auch die Recherchen der Tageszeitung Globe and Mail, wonach Doug in den Achtziger Jahren im Nobel-Vorort Etobicoke als Marihuana-Dealer aktiv war. Der streitet dies ab, doch die angedrohte Klage reichte er nie ein. Auch dies entsetzt jene Kanadier, die ihr Land für reifer halten als die USA: Die Affären sind bestens bekannt, aber sie scheinen Ford eher zu nutzen als zu schaden.

Umkehr der Vorgängerpolitik

Momentan gibt er vor allem den Gegenspieler von Premierminister Justin Trudeau, der sich stets strahlend als Feminist bezeichnet. Ähnlich wie Trump hat der Abbau von Schulden für den Populisten Ford keine Priorität: Er will die progressive Politik der Vorgängerregierung umkehren – und dies hat Folgen. Die seit 2017 geltende Kohlendioxidsteuer? Gestrichen. Ebenso ein Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen für 4000 Menschen. Erneuerbare Energien werden weniger stark gefördert, das Ministerium für Angelegenheiten der Ureinwohner (First Nations) aufgelöst und ins Energieressort verfrachtet. Je weniger Auflagen des Staats, umso besser, dröhnt der Unternehmer Ford.

Umstritten ist sein Plan, von September an wieder den Sexualkunde-Lehrplan des Jahres 1998 einzusetzen, in dem Themen wie Homo-Ehe, Cyber-Bullying oder Gender-Theorien nicht vorkommen. Die Gewerkschaft ETFO hat bereits angekündigt, die Prozesskosten für jene Pädagogen zu übernehmen, die den aktuellen Lehrplan weiter nutzen. Beifall für die Kehrtwende gibt es nicht nur aus Ontarios ländlichen Gebieten, wo die PC traditionell stark ist, sondern auch von muslimischen Wählern, die etwa aus Südostasien nach Kanada eingewandert sind und mit Trudeau wenig anfangen können. Diese new Canadians wohnen in den Vororten der Boom-Metropole Toronto, klagen über die permanenten Staus und geben Doug Ford eine Chance.

Kein schlechtes Wort über Einwanderer

Hierin liegt der grösste Unterschied zu Trump: Im Gegensatz zum US-Präsidenten kommt Ford kein schlechtes Wort über Einwanderer über die Lippen. Dies wäre in Kanada «politischer Selbstmord», sagt Adam Radwanski, der die Wahlkämpfe beider Politiker für den Globe and Mail beobachtet hat. In Ontario sind dreissig Prozent der Wähler ausserhalb des Landes geboren, in Ottawa und Toronto ist der Anteil noch höher. Also ist Ford jedes Wochenende auf Paraden und Festen unterwegs oder übermittelt Grüsse via Twitter zu Unabhängigkeitstagen oder religiösen Feiern.

Das beste Beispiel für Fords selbstherrlichen Populismus ist die Entscheidung, den Stadtrat von Toronto von 47 auf 25 Mitglieder zu reduzieren. Dies ist legal, doch die Art erzürnt viele in der viertgrössten Stadt Nordamerikas, deren Wirtschaftskraft grösser ist als die vieler kanadischer Provinzen. Zudem verkündete er die Halbierung drei Monate vor der Abstimmung am 22. Oktober und somit mitten im Kommunalwahlkampf. Vorab gab es keine öffentliche Diskussion – und Ford begründet seinen Schritt damit, dass die Bürger die stundenlangen Debatten satt hätten. «Ich kenne niemanden, der einen Haufen Politiker nicht gegen 25 Millionen Dollar eintauschen würde», sagt er.

Rache an ehemaligen Kollegen

Dass der Toronto Star von einem «diktatorischen Schritt» spricht, ficht Ford ebenso wenig an wie die Klage der Stadt und die Schadenersatzforderungen jener Kandidaten, deren Wahlkreise plötzlich verschwunden sind. Die eingesparte Summe, die Ford in den Nahverkehr stecken will, dürfte also sinken. All dies spricht dafür, dass es dem Premier nicht um Effizienz geht, sondern um Rache an seinen ehemaligen Kollegen, die nun um die wenigen Sitze kämpfen. Besonders heftig attackiert er Torontos Bürgermeister John Tory. Der ist zwar auch ein Konservativer, doch er besiegte 2014 Dougs Bruder Rob. Und die eigene Familie ist einem Ford viel wichtiger als die Partei.

Wegen solcher Aktionen ist er zurzeit ebenso oft in den Schlagzeilen wie Regierungschef Trudeau. Analysten in Ottawa und Toronto warnen aber vor voreiligen Schlüssen rund um dessen Wiederwahl. Der enorme Frust mit Ontarios liberaler Regierung lasse sich nicht ohne weiteres auf Trudeau übertragen; zudem ist der konservative Herausforderer Andrew Scheer weitgehend unbekannt. Denkbar ist auch, dass Fords populistischer Aktionismus bis zum Herbst 2019 viele unentschiedene Wähler abschrecke, so Adam Radwanski. Er nennt noch einen weiteren Faktor, der dem Regierungschef helfen könnte: «Jedes Mal, wenn Trump Trudeau angreift und verspottet, dann hilft ihm das.» Und am Selbstbild der moralisch überlegenen Nation halten viele Kanadier fest.

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