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John McCains Leben spiegelt die US-Politik der vergangenen 50 Jahre

Kriegsgefangener, Konservativer und selbst ernannter «Maverick»: Der Senator aus Arizona war der letzte seiner Art.

Das Leben von John McCain: Der 81-Jährige Republikaner starb am Samstag in seinem Haus in Arizona an Krebs. (26. August 2018) Video: Tamedia/AP

Hanoi, Vietnam, Oktober 1967. Die vietnamesische Armee schiesst ein Kampfflugzeug der US-Navy mit einer Rakete ab. Der Pilot überlebt schwer verletzt. Mit gebrochenen Armen und einem kaputten Bein ziehen sie ihn aus dem Wasser. Die Menge am Ufer staunt nicht über den amerikanischen Soldaten, sondern verprügelt den 31-Jährigen aus Wut über die ständigen amerikanischen Bombardements.

Auch heute noch kniet John McCain, der Soldat von damals, mit erhobenen Händen am Ufer des Sees Ho Trúc. Eine Figur aus Stein erinnert an die Gefangennahme des «Luftpiraten Tchn Sney Ma Can», wie sie den Mann aus dem fernen Arizona in Vietnam nennen.

Nach seinem Abschuss wurde aus McCain, dem mittelmässig begabten wie abenteuerlustigen Spross einer angesehenen Admiralsdynastie, ein Kriegsgefangener: Fünfeinhalb Jahre Gefängnis, monatelange Einzelhaft im berühmten Hoa-Lo-Gefängnis, auch zynisch «Hanoi Hilton» genannt. Die regelmässigen Folter-Verhöre färbten sein angegrautes Haar schneeweiss. Er habe einen guten Schlaf, erzählte er später einmal, doch wenn er nachts einen Schlüsselbund rasseln höre, schrecke er noch immer auf.

Als seine Peiniger ihm die Freilassung anboten, lehnte McCain dennoch ab: Der amerikanische Militär-Kodex verbot es, vor länger in Gefangenschaft lebenden Kameraden zu gehen. Diese Mischung aus Leidenserfahrung und Prinzipientreue begründete die Autorität des späteren Politikers John McCain.

Dass er sich 20 Jahre später, trotz all seiner Erfahrungen, für die Aussöhnung mit Vietnam einsetzte, kritisierten Angehörige von Veteranen scharf. McCains Bereitschaft zur Versöhnung war allerdings nicht grenzenlos – seine Bewacher verabscheute er bis zuletzt: «Ich bin immer noch wütend auf sie», sagte er einmal, «nicht wegen dem, was sie mir getan haben. Sondern wegen dem, was sie einigen meiner Freunde angetan haben – einschliesslich der Tatsache, dass sie manche von ihnen ermordet haben.»

Das sichtbarste Zeichen seiner Gefangenschaft waren die Arme, die er zeitlebens nicht mehr über den Kopf heben konnte. Die Jahre im Gefängnis haben aber vor allem sein Inneres verändert, seine Sicht auf die Welt: Er habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt, schrieb McCain später in seiner Autobiografie, und so sei in ihm der Wille entstanden, der Gesellschaft zu dienen. «Anerkennung», so schrieb er, «verdient, wer stets etwas Grösserem als sich selbst treu ist: einer Sache, seinen Prinzipien, den Menschen, auf die du baust und die sich im Gegenzug auf dich verlassen.»

Erfolge und Prinzipien

In das Spannungsfeld zwischen Erfolg und Prinzip sollte er nach seiner Rückkehr 1973 häufiger geraten. Seine Ehefrau, die sechs Jahre auf ihn gewartet hatte und nach einem Autounfall inzwischen im Rollstuhl sass, betrog der dreifache Familienvater zunächst mehrfach. Schliesslich verliess er sie für die 17 Jahre jüngere Cindy Lou Hensley, eine Lehrerin aus Arizona und Erbin eines einträglichen Bier-Grossvertriebs. Ihre Unterstützung, moralisch wie finanziell, ermöglichte ihm eine politische Laufbahn: Aus dem Verbindungsoffizier im Kongress – ein Job, den bereits sein Vater innegehabt hatte – wurde ein Abgeordneter im Repräsentantenhaus und schliesslich ein Senator. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Als besonders prinzipientreu war der Republikaner dort jedoch zunächst nicht bekannt: 1987 war McCain einer von fünf Senatoren («Keating Five»), die sich bei Regulierungsbehörden erfolgreich für ein finanziell marodes Kreditunternehmen einsetzten. Der Eigentümer Charles Keating gehörte zu McCains grössten Wahlkampfspendern und hatte ihn auch mehrmals in seinem Privatjet mitgenommen. McCain kam mit einer Rüge davon und sprach später von seinem «grössten Fehler». Die Bank brach 1989 zusammen, ihre Abwicklung kostete den Steuerzahler zwei Milliarden US-Dollar, 23'000 Menschen verloren ihre Ersparnisse.

Dass sich der Senator aus Arizona Ende der Neunziger massive für die Reform der Wahlkampffinanzierung einsetzte, war auch der Versuch der Wiedergutmachung.

Ein Aussenseiter für alle Fälle

In dieser Zeit wurde McCain, der trotz seines Kriegshelden-Status lange eine Nebenfigur im politischen Washington geblieben war, zu einem einflussreichen Politiker. Dabei machten ihn nicht nur seine schnörkellosen Aussagen und sein legendärer Jähzorn bekannt, sondern seine Bereitschaft, gegen die Partei-Orthodoxie zu opponieren.

Ob die Forderung nach einer höheren Tabaksteuer, die Bereitschaft zu einer CO2-Abgabe oder die Ablehnung von Steuersenkungen für Reiche: seine Unberechenbarkeit machte ihn für Medien ebenso interessant wie für Demokraten, die kompromissbereite Konservative suchten. In der eigenen Partei dagegen erntete er häufig Kopfschütteln.

Für ein besonders enges Verhältnis zu seinen Wählern war der Senator nicht bekannt: Zum Volkstribun taugte McCain nie, das ständige Ausverhandeln kleiner Begünstigungen für den eigenen Bundesstaat lehnte er ab. Dass er sich nach der Jahrtausendwende mehr und mehr der Geo- und Sicherheitspolitik zuwandte, als Mitglied des Streitkräfteausschusses um die Welt reiste und auf Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz quasi zum Inventar gehörte, zeigt die Blickrichtung: weg von den Mühen der innenpolitischen Ebene.

Warum es nicht zum US-Präsidenten reichte

Als selbsternannter «Maverick» (Aussenseiter) und Politiker ohne Basis blieb ihm auch das höchste Amt im Staat, das des US-Präsidenten, verwehrt. Beim ersten Versuch im Jahr 2000 tourte er im republikanischen Vorwahlkampf medienwirksam mit dem «Straight Talk Express» («Tacheles-Express») genannten Kampagnen-Bus durch die Gegend. Am Ende gewann jedoch George W. Bush, der Favorit des Partei-Establishments. Es war eine hässliche Angelegenheit, streute Bushs Umfeld doch Gerüchte, McCain habe eine uneheliche Tochter mit einer Afroamerikanerin und seine Frau sei drogenabhängig.

Als die USA nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 neue Kriege begannen, spiegelte McCains Haltung den Zeitgeist: In der parlamentarischen Vorbereitung der Invasion im Irak war er ein wichtiger Verbündeter George W. Bushs («Nur die Verblendetsten unter uns könnten die Notwendigkeit dieses Kriegs bezweifeln»), übte dann aber Kritik an der nicht vorhandenen Besatzungsstrategie des Pentagon. Die amerikanische Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghraib verurteilte er nicht nur als Politiker, sondern auch mit der moralischen Autorität eines Folteropfers.

In diesen Jahren erschien McCain manchen Demokraten überraschend wählbar. Selbst Gerüchte über einen Parteiwechsel des Politikers machten im Jahr 2005 die Runde, was allerdings mehr über die damals vorhandenen Schnittpunkte der beiden Lager aussagte: McCain selbst stand nie im Verdacht, etwas anderes als ein strammer Konservativer zu sein.

Der Zeitgeist war weitergezogen

2008 wagte er einen neuen Versuch in Sachen Präsidentschaft und trat als Kandidat der Republikaner gegen einen gewissen Barack Obama an. Die Nominierung seiner Partei hatte er sich geholt, weil er moderatere Standpunkte aufgegeben und sich dem gängigen konservativen Mainstream anpasst hatte. «Ich will nicht als der Aussenseiter in Erinnerung bleiben, der für seine Niederlage bewundert wird», erklärte er seinem Freund Lindsay Graham das Opfern seiner Prinzipien.

Ein respektvolles Nebeneinander: John McCain und Barack Obama hatten ihre politischen Differenzen – trotzdem hatten sie grossen Respekt voneinander. (26. August 2018) Video: Tamedia/AFP/Twitter/Youtube

Doch das Verhältnis zu den Konservativen blieb auch 2008 eine Ehe ohne Liebe und der Zeitgeist war längst weitergezogen: Verglichen mit dem jungen demokratischen Senator Barack Obama wirkte der damals 71-Jährige nicht nur altbacken, sondern auch als einer jener aussenpolitischen Interventionisten, von denen viele US-Bürger genug hatten. Finanzkrise und Arbeitslosigkeit rückten wirtschaftliche Probleme in den Mittelpunkt. «Reform, Wohlstand und Frieden» erhielt 10 Millionen Stimmen weniger als «Yes, we can».

Historiker mit dem Luxus der Vogelperspektive dürften weniger McCains Wahlkampf, als die Nominierung Sarah Palins zu seiner Vize-Kandidatin in Erinnerung behalten, die er selbst später als Fehler betrachtete. Die junge Gouverneurin aus Alaska sollte dem Senator aus Arizona Glaubwürdigkeit verleihen – als Gegner des «konservativen Establishments». Ihre unkonventionelle Radikalität bot allerdings erstmals eine grosse Bühne für jene Kräfte, die in den nachfolgenden Jahren die republikanische Partei völlig verändern sollten.

Den zunehmenden Nativismus und die Kompromissfeindlichkeit seiner Partei beobachtete John McCain in den letzten Jahren aus der Distanz eines Elder Statesman. Ihr entgegen trat er nicht, sondern passte sich in Grundzügen dem Zeitgeist sogar an. Aus dem unberechenbaren Aussenseiter war ein Polit-Prominenter geworden, der es sich in seiner aussenpolitischen Nische bequem gemacht hatte, aber nur in den seltensten Fällen gegen die Parteilinie stimmte.

Einer der letzten Botschafter einer anderen Zeit

Zu Beginn der Amtszeit Donald Trumps, der ihn im Sommer 2015 noch beleidigt hatte («Er ist ein Kriegsheld, weil er gefangen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangen wurden»), positionierte sich McCain rhetorisch häufiger gegen den US-Präsidenten. Gerade in der Russland-Affäre war er – auch wegen seiner Abneigung gegenüber dem Kreml – einer der wenigen Republikaner, die Kritik äusserten.

Als Ärzte bei John McCain im Juli 2017 einen bösartigen Gehirntumor diagnostizierten, zeigten sich Weggefährten wie Gegner bestürzt. Der ehemalige Navy-Pilot verkörperte nicht nur eine Spielart des amerikanischen Heldentums und den Willen zur aussenpolitischen Verantwortung der USA. Vielmehr erschien McCain wie einer der letzten Botschafter einer Zeit, in der sich im US-Kongress das Spannungsfeld zwischen Prinzipien und Erfolg noch im politischen Kompromiss auflösen liess. Im Juli 2017 war er es, der gemeinsam mit den Demokraten und zwei konservativen Senatorinnen jenen umstrittenen Gesundheitsentwurf der Republikaner zum Scheitern brachte, der Millionen US-Bürger versicherungslos gemacht hätte. Es war ein letzter historischer Auftritt.

Im Mai 2018 veröffentlichte McCain vom Krankenbett aus seine Memoiren unter dem Titel «Restless Wave» («Unermüdliche Welle»). Es ist als Bekenntnis zu einem vorwärtsgewandten Land zu lesen, «das sich selbst repariert und neu erfindet». Und auch als Warnung vor einem «Amerika zuerst», das international die Isolation wählt und intern Sündeböcke statt Herausforderungen sucht.

«Ich glaube an die Evolution», hat McCain einmal gesagt, «aber wenn ich im Grand Canyon wandere und ihn im Sonnenuntergang betrachte, glaube ich dort auch die Hand Gottes zu sehen.» Nach fünfeinhalb Jahren in dunkler Gefangenschaft wusste er, dass sein späterer Lebensweg selbst einem Wunder ähnelte. Am Samstag ist der Politiker aus Arizona im Alter von 81 Jahren gestorben.

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