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Ein Ort wartet auf die Klima-Katastrophe

Der Klimawandel bedroht in der Arktis den Lebensraum von Völkern, die seit Tausenden Jahren dort leben. Die Inupiat-Eskimo von Shishmaref leben nur einen Herbststurm weit von der Katastrophe entfernt.

Leben ohne Zukunft: Jeder neue Sturm kann das Leben in Shishmaref unmöglich machen. Auf dem Friedhof der Insel Shishmaref liegt auch Norman Kokoeok begraben – das erste Opfer des Klimawandels.
Leben ohne Zukunft: Jeder neue Sturm kann das Leben in Shishmaref unmöglich machen. Auf dem Friedhof der Insel Shishmaref liegt auch Norman Kokoeok begraben – das erste Opfer des Klimawandels.
Thomas Spang

Die letzten Tage von Shishmaref brachen im Frühsommer 2007 an. Das Eis auf der Tschuktschensee und der Lagune rund um die Insel Sarichef unweit des Polarkreises funkelte in der Sonne, die zu dieser Jahreszeit nicht untergeht. Es lockte Norman Kokoeok (25) auf Entenjagd. Auf dem Weg zurück brach sein Schneemobil ein. Norman ertrank am 2. Juni 2007 in den eisigen Fluten.

«Das erste Opfer»

Das Datum steht auf einem Kreuz, das hinter der Grabstelle auf dem Friedhof von Shishmaref aufragt. «Wir sehen in ihm das erste Opfer des Klimawandels», sagt Ken Steneck (45) an der letzten Ruhestätte seines ehemaligen Schülers. «Das Eis war für die Jahreszeit viel zu dünn».

Für die entlegene Inupiat-Gemeinde nördlich der Beringstrasse markiert Normans Tod eine Zäsur. Stan Tocktoo (56), der dem Ältestenrat angehört, erzählt, wie sich das Eis früher bereits Ende Oktober wie eine Rüstung um die Insel legte und diese vor den Herbststürmen schützte. Im Frühjahr breche es nun mehr als einen Monat früher auf. «Wir müssen viel grössere Risiken eingehen, wenn wir überleben wollen», weiss der Jäger. Den Robbenfängern blieben nur ein paar Tage im Mai für die Jagd.

Im Oktober 2007 kam dann der zweite Weckruf. Ein Sturm, dessen meterhohe Wellen in der Dunkelheit erbarmungslos gegen die ungeschützte Nordküste schlugen, nahm einen Teil der Landmasse mit.

Dieses Haus steht nicht mehr lange: Ken Steneck zeigt, wie die Fluten die Insel zerstören. Bild: Thomas Span
Dieses Haus steht nicht mehr lange: Ken Steneck zeigt, wie die Fluten die Insel zerstören. Bild: Thomas Span

«Die ersten Klimaflüchtlinge»

Al Gore nannte die 600 Einwohner der Insel «die ersten Klimaflüchtlinge der USA». Lehrer Steneck stimmt zu: «Wir sind wirklich nur einen perfekten Sturm von der Katastrophe entfernt.»

In Shishmaref spitzt der Klimawandel die Gefahr für das Überleben der 4000 Jahre alten Kultur zu, die bereits nach dem Kauf Alaskas 1867 von den Russen durch die Ankunft des weissen Mannes herausgefordert war. Die Bürgermeisterin von Shishmaref, Donna Barr, weiss wie die Inupiat einst in Verbänden zu zwei oder drei Familien rund um die Lagune und entlang des Serpentine River lebten. «Ihre Lager folgten den Jahreszeiten der Tiere und der Pflanzen.» Im Frühjahr schlugen sie auf der Insel Sarichef ihr Camp auf, um auf dem zugefrorenen Meer Robben, Eisbären und Walrosse zu jagen. Die US-Regierung wählte diesen Ort für den Bau der ersten Schule aus und zwang die Normaden sesshaft zu werden. «Shishmaref gäbe es sonst nicht», betont die Bürgermeisterin.

Die Ursünde Washingtons

Sally Cox, die im Auftrag des Staates Alaska Shishmaref hilft, Pläne für die Umsiedlung zu entwickeln, erkennt darin die Ursünde. «Washington hat deshalb eine Verantwortung für die Menschen hier.» Wie auch für die dreissig anderen Orte an der Nordwestküste Alaskas, deren Existenz gemäss einem Bericht des Rechnungshofs des US-Kongresses durch den Klimawandel bedroht ist.

Angesichts der aussichtslosen Lage stimmten die Inupiat vergangenen Herbst ein zweites Mal nach 2001 für den Umzug.

«Geld erst nach Katastrophe»

Doch während die Einwohner bis heute keine Kanalisation oder fliessendes Wasser haben und die meisten ihr Geschäft auf den ­Honeybucket (Honigeimer) genannten Trockenklos verrichten, erhält die Insel in den kommenden Monaten blitzschnelles Internet. Gehen oder bleiben – die Alternative besteht nicht wirklich. Die inzwischen auf 300 Millionen Dollar geschätzten Kosten für die Umsiedlung zum West Creek Hill auf dem Festland kann die Gemeinde selber nicht aufbringen. Der Staat Alaska ist pleite, und Washington verneint unter Präsident Donald Trump die unübersehbaren Fakten.

«Geld fliesst erst, wenn es zu einer Katastrophe kommt», beschreibt Sally Cox das zynische Kalkül einer Gesellschaft, die kein Geld für Prävention ausgibt. Ratsmitglied Tocktoo überbrachte den Hilferuf der Klimaflüchtlinge schon einmal persönlich in Washington und Anchorage. Wütend auf die Klimaverschmutzer in den USA, Europa und Asien ist er nicht. Er sei «nur traurig» über die Konsequenzen für Menschen und Tiere.

Im Stich gelassen

«Präsident Trump sollte sich mal anschauen, wie Shishmaref Stück für Stück versinkt», fordert Lehrer Ken am Grab von Norman, dem ersten Opfer des Klimawandels. Zu dessen Ehren benannten die Stenecks ihr fünftes Kind nach ihm. Eine Tradition der Inupiat, in deren Glauben die Verstorbenen in den nach ihnen benannten Personen weiterleben.

Dies könnte das Schicksal der Insel vorwegnehmen. Im Stich gelassen von ihrer Regierung, verlassen sich die 600 Inupiat auf ihre so oft bewiesene Überlebensfähigkeit. Niemand weiss genau, wann es passiert. Aber wenn der letzte Tag gekommen ist und die Insel in der Tschuktschensee untergeht, so hoffen sie, wird Shishmaref weiterleben.

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