Ein Gewinner, ein Absteiger und der zögerliche Favorit

Wer bei den Republikanern auf der grossen TV-Bühne herausragte – und woher die Angst, sich «gegenseitig umzubringen», rührt.

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Martin Kilian@tagesanzeiger

Da standen sie also, die zehn republikanischen Präsidentschaftskandidaten, auf einer grossen Bühne im Staat Ohio und debattierten. Gelegentlich stritten sie sich und beantworteten teils knifflige Fragen der drei Moderatoren des Foxnews-Kabelkanals. Als die erste TV-Debatte der Republikaner kurz nach 23 Uhr Ortszeit endete, war Millionen von Zuschauern trotz mancher Gegensätze der zehn Bewerber der Kern des republikanischen Credos aufgetischt worden: Die Vereinbarung mit dem Iran muss gekippt, Russland in die Schranken verwiesen und Obamacare aus der Welt geschafft werden. Alle sprachen sich für Aufrüstung und weniger Regulierung, für mehr Markt sowie Massnahmen gegen illegale Einwanderung aus.

Das einte zwar die republikanische Kandidatenschar, so richtig zufrieden aber konnte das Establishment der Partei mit dem gestrigen Abend nicht gewesen sein. Zum einen war da Donald Trump, der gleich zu Beginn der Debatte das Versprechen ablehnte, nicht als unabhängiger Kandidat anzutreten, falls er nicht zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten gekürt werde. Sollte der Egomane 2016 als unabhängiger Kandidat antreten, droht den Republikanern im Hauptwahlgang eine Niederlage.

(Video: Youtube/Fox News)

Jeb Bush, der zögerliche Favorit

Damit nicht genug, offenbarte die Debatte in Cleveland ein zweites Problem: Jeb Bush machte sich nach Anfangsschwierigkeiten wohl besser, aber er schaffte es nicht, sich klar als Hoffnungsträger der Partei zu etablieren. Gestern Nachmittag traten die sieben bei Umfragen abgeschlagenen Kandidaten zur ersten Debatte an, zur Primetime folgten die zehn anderen Kandidaten.

Marco Rubio, ein erster Gewinner

Hatte bei der Nachmittagsdebatte die Ex-Managerin Carly Fiorina geglänzt und darf sich jetzt Hoffnungen machen, in die erste Kandidatenliga aufzusteigen, so hiess der Gewinner des Abends nicht Jeb Bush, sondern Marco Rubio: Redegewandt und telegen empfahl sich der jugendliche Senator aus Florida, gekonnt setzte er sich in Szene. «Wenn ich nominiert werde, sind wir die Partei der Zukunft», sagte er.

(Video: Youtube/Fox News)

Rand Paul machte keine gute Figur

Rubio profilierte sich ebenso wie Ohios Gouverneur John Kasich, der allerdings einen Heimvorteil in Cleveland genoss. Kasich dürfte für die Demokraten eine harte Nuss sein, da er sich politisch lediglich eine Spur rechts der Mitte bewegt, doch ist fraglich, ob die konservative republikanische Parteibasis ihm vertraut. Zu den Absteigern des gestrigen Abends zählte Libertarier-Senator Rand Paul aus Kentucky, der bei scharfem Streit sowohl gegen New Jerseys Gouverneur Chris Christie als auch gegen Donald Trump keine allzu gute Figur machte. Von oben herab bezichtigte Trump den Senator aus Kentucky, er höre «nicht richtig zu», und setzte noch eins drauf: «Sie haben grosse Probleme heute Abend.»

Trump will politisch unkorrekt handeln

Trump hielt sich für seine Verhältnisse zurück und empfahl sich als jemand, der politisch unkorrekt agieren und auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen werde, um die Vereinigten Staaten wieder alter Grösse zuzuführen. «Das Land schuldet 19 Billionen Dollar, und man braucht jemanden wie mich, um aus dieser Sauerei herauszukommen», tönte er.

Tat sich Senator Rubio gestern Abend einen Gefallen, so bleibt abzuwarten, ob Trump auch weiterhin politischer Schwerkraft wird trotzen können oder ob die Luft aus seinem Ballon entweichen wird. Der Parteiführung um Reince Priebus, den Vorsitzenden des Republikanischen Nationalkomitees, kann es jedenfalls nicht gefallen haben, dass sich der New Yorker Milliardär ein Türchen offenliess, um im Herbst 2016 notfalls als parteiloser Kandidat anzutreten. Auch muss es Priebus und den Oberen der Partei in Washington Sorge bereiten, dass sich das Feld der Kandidaten gestern kaum gelichtet hat und neben Senator Paul nur der pensionierte Neurochirurg Ben Carson keine gute Figur machte.

Republikanische Karawane zieht weiter

Ob Wisconsins Gouverneur Scott Walker, Jeb Bush oder der texanische Senator Ted Cruz: Keiner vermochte sich aus dem Feld zu lösen, keiner patzte, keiner stach wirklich heraus. Das könnte bedeuten, dass sich der Kampf um die republikanische Nominierung länger hinziehen wird, als es Priebus und dem Establishment lieb sein kann. Denn je länger sich ein grosses Kandidatenfeld die Bühne teilt und je härter und aggressiver der Kampf um die Nominierung ausgetragen wird, desto grösser sind die Chancen, dass der Sieger politische Verletzungen erlitten hat, von denen er sich vor dem Hauptwahlgang im Herbst 2016 nicht mehr erholen kann. So erging es 2012 Mitt Romney, der immerhin 20 Debatten durchstehen musste.

Auch aus diesem Grund hat Priebus die Zahl der Debatten auf neun beschränkt. Er könne nicht «alle Mundwerke kontrollieren, aber ich kann kontrollieren, wie lange wir uns gegenseitig umbringen», sagte Priebus vor der gestrigen Debatte. Umgebracht wurde niemand, aber die Hoffnung, Jeb Bush werde endlich den Platz des Spitzenreiters besetzen, erfüllte sich wohl kaum. Stattdessen zieht die republikanische Karawane weiter, womöglich auch nach Cleveland, angeführt von Donald Trump. Sein bisheriger Erfolg verdankt sich vor allem dem Überdruss republikanischer Wähler an der politischen Klasse. Auch gestern Abend appellierte Trump an diesen Überdruss.

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