Die Partei der Männer fürchtet den weiblichen Zorn

Frauen wenden sich von den US-Republikanern zusehends ab. Donald Trump und Brett Kavanaugh vertiefen die Kluft vor den Kongresswahlen.

So abschätzig behandelt Donald Trump ABC-Reporterin Cecilia Vega. Video: AP/Tamedia
Martin Kilian@tagesanzeiger

Bei seiner improvisierten Pressekonferenz am Montag zeigte Donald Trump auf die Reporterin Cecilia Vega vom TV-Sender ABC. «Sie ist schockiert, dass ich sie auswählte, sie ist in einem Schockzustand», sagte Trump. «Ich bin nicht schockiert, danke, Herr Präsident», reagierte Vega. Trumps Antwort? «Das ist okay, ich weiss, dass Sie nicht denken, Sie machen das niemals».

Der peinliche Moment symbolisierte anschaulich das Verhältnis Trumps und seiner Republikanischen Partei zu Frauen. Im Gefolge der umstrittenen Nominierung des Berufungsrichters Brett Kavanaugh für das oberste Gericht droht Trump und seinem Verein älterer weisser Männer nun schwerer politischer Schaden: Hatte die Partei schon zuvor Probleme mit amerikanischen Wählerinnen, so könnte sie bei den Kongresswahlen in fünf Wochen von einem Tsunami weiblichen Zorns über das republikanische Mackergebaren überrollt werden.

«Das wird die grösste Geschlechterlücke in der modernen amerikanischen Geschichte», befürchtet der angesehene republikanische Demoskop Frank Luntz. Denn immer mehr Amerikanerinnen wenden sich von der Präsidentenpartei ab. Trump behauptet zwar stets voller Stolz, eine Mehrheit der Frauen habe 2016 für ihn gestimmt, die Wahrheit aber ist es nicht: Eine knappe Mehrheit weisser Frauen wollte Trump, insgesamt aber votierten die Amerikanerinnen mehrheitlich für Hillary Clinton.

Das Problem der Mütter

Den Kern der republikanischen Wählerinnen bildeten traditionell verheiratete weisse Frauen mit einem College-Abschluss aus Suburbia. Genau sie aber wenden sich jetzt von der Partei ab – und könnten einem Machtwechsel im Washingtoner Repräsentantenhaus den Boden bereiten. Sie halten nicht viel von Trump, als Mütter kreiden sie der Partei deren bedingungslose Unterstützung der Schusswaffenlobby NRA an. Und es entgeht ihnen nicht, dass die Republikaner nahezu auschliesslich von Männern geführt werden.

«Wir sind eine Partei zorniger alter Männer in einer Zeit, da das Land einen dramatischen demografischen Wandel erlebt», kommentiert der republikanische Stratege John Weaver den Zustand seiner Partei. Längst schon haben sich eine Mehrheit junger Amerikanerinnen sowie Frauen aus Minderheiten den Demokraten zugewandt, jetzt scheinen ihnen verheiratete weisse Frauen aller Altersgruppen zu folgen.

Hatte die Republikanische Partei seit Ronald Reagan Frauen mit Familien als eine Garantin innerer wie äusserer Sicherheit angezogen und zudem traditionelle Geschlechterrollen verteidigt, so hat sie mit dem Wandel dieser Geschlechterrollen in der amerikanischen Gesellschaft nicht Schritt gehalten: Frauen bilden inzwischen die Mehrzahl der Studenten an den juristischen und medizinischen Fakultäten, auch bei Management–Studiengängen nimmt ihre Zahl stark zu. Und an immer mehr Spitzenuniversitäten des Landes stellen Frauen inzwischen die Mehrheit, 56 Prozent beispielsweise an der renommierten Universität von Virginia.

Drei Viertel der Kandidatinnen sind Demokraten

Insbesondere gut ausgebildete jüngere Amerikanerinnen aber können nur wenig mit der Republikanischen Partei anfangen. Über 70 Prozent der Frauen zwischen 18 und 44 Jahren befürworten die Abtreibungsfreiheit, auch in anderen Altersgruppen will eine Mehrheit der Frauen ihre Beibehaltung, indes die Republikaner unter dem Druck ihres christlichen Flügels die Abschaffung der Abtreibungsfreiheit anstreben.

War die Demokratische Partei zu Zeiten Bill Clintons anfangs der neunziger Jahre ebenso eine Männerbastion wie die Republikanische Partei, so hat sich dies zwischenzeitlich geändert: Wesentlich mehr Demokratinnen als Republikanerinnen sitzen in amerikanischen Parlamenten, rund drei Viertel der über 250 Frauen, die bei den kommenden Kongresswahlen kandidieren, sind Demokratinnen.

Nun könnte die Kontroverse um Brett Kavanaugh die Kluft zwischen den beiden grossen Parteien weiter vertiefen: Während eine Mehrheit der Amerikanerinnen demoskopischen Erhebungen zu Folge die Kandidatur von Kavanaugh ablehnt, wird sie von den republikanischen Granden im Kongress unterstützt.

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Die Entrüstung der alten Garde

Die Angriffe auf Kavanaugh wegen angeblicher sexueller Übergriffe werden von führenden Republikanern als Teil eines Feldzuges gegen weisse Männer gewertet, dem entschieden entgegengetreten werden muss. «Ich bin ein alleinstehender weisser Mann aus South Carolina, und man sagt mir, ich soll den Mund halten, aber das werde ich nicht tun», entrüstete sich Senator Lindsey Graham bei der Anhörung für Richter Kavanaugh am vergangenen Freitag.

In republikanischen Foren wächst die Furcht, von Frauen attackiert zu werden, schon wähnt die Männergarde im Zuge von #MeToo einen weiblichen Frontalangriff auf ihre gesellschaftliche Stellung. Zorn und Wut der Frauen «entladen sich auf dem Rücken christlicher weisser Männer», befand stellvertretend für seine Partei der rechte Radiotalker Rush Limbaugh vergangene Woche.

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