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Die neue Eiszeit

Die russisch-amerikanischen Beziehungen glichen zunehmend der Fahrt auf einer Achterbahn. Nach der russischen Annexion der Krim ist Schluss.

Schüsse und ein Toter: In diesem Militärgebäude in Simferopol soll es zum Angriff gekommen sein. (18. März 2014)
Schüsse und ein Toter: In diesem Militärgebäude in Simferopol soll es zum Angriff gekommen sein. (18. März 2014)
Keystone
Die Lage auf der Krim ist weiterhin unübersichtlich: Bewaffnete russische Soldaten verhaften in Simferopol ukrainische Armeeangehörige. (18. März 2014)
Die Lage auf der Krim ist weiterhin unübersichtlich: Bewaffnete russische Soldaten verhaften in Simferopol ukrainische Armeeangehörige. (18. März 2014)
AFP
Beliebter Putin: Befürworter des Vorgehens Russlands demonstrieren in Moskau. (15. März 2014)
Beliebter Putin: Befürworter des Vorgehens Russlands demonstrieren in Moskau. (15. März 2014)
AFP
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Wozu Wladimir Putin fähig ist, zeigte er schon 2008 beim Angriff auf Georgien. In Washington freilich erlosch selbst damals nicht die Hoffnung, der Mann in Moskau werde sich doch noch als verlässlicher Partner erweisen. Nach Putins gesetzlosem Vorgehen auf der Krim ist davon nichts geblieben: Washington sammelt die Scherben einer Politik ein, die niemals wirklich wusste, wer Wladimir Putin war und ist. Und je mehr sich der Russe als amerikanischer Buhmann empfiehlt und Erinnerungen wachruft an die Zeiten des Kalten Krieges, desto intensiver wird in der amerikanischen Hauptstadt seine psychische Befindlichkeit hinterfragt.

Am Anfang aber war davon keine Rede und Putin ein Mensch, der sogar ein kleines Kreuz, ein Familienerbstück, aus einer brennenden Datsche gerettet hatte. Das jedenfalls erzählte der russische Präsident im Sommer 2001 dem neuen amerikanischen Präsidenten George W. Bush bei einem ersten Zusammentreffen in Slowenien. Bush war beeindruckt und sah dem Russen bekanntlich tief in die Augen: «Er ist geradeheraus und vertrauenswürdig», befand der Amerikaner. Er habe sogar «einen Blick in die Seele» Putins getan.

Blick eines KGB-Killers

Bush gefiel, was er dort gesehen hatte. Sieben Jahre später kam sein Verteidigungsminister Robert Gates zu einem anderen Schluss: «Ich habe ihm in die Augen geblickt und denselben KGB-Killer gesehen, den ich mein gesamtes Leben über gesehen habe», vertraute Gates Freunden nach einer Begegnung mit Putin an. Der Pentagon-Boss wusste, wovon er sprach: Gates hatte während Jahrzehnten des Kalten Krieges bei der CIA die Geschehnisse in Moskau verfolgt.

Zwischen Bushs und Gates' Beurteilung des Russen lagen nicht nur sieben frustrierende Jahre. Putins Weltbild und seine Einschätzung Washingtons waren schon zuvor geprägt worden durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Nicht nur hatten die Vereinigten Staaten dabei kräftig nachgeholfen. Sie propagierten zudem eine ökonomische «Schocktherapie» zur Auflösung der sowjetischen Planwirtschaft, die Russland an den Rand des Ruins trieb – was Putin niemals vergessen hatte. Nach 9/11 erwies sich der russische Präsident in seiner ersten Amtszeit zwar als hilfreich, sein Plan für eine russische Hegemonialzone im eurasischen Raum aber war bereits gereift.

«Wie ein Achtklässler, der die Fakten nicht kennt»

Es half nicht, dass die Bush-Administration 2002 den ABM-Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen aufkündigte und 2003 im Irak einmarschierte: Putins Paranoia über die amerikanischen Absichten wuchs, auch empfand er die Nato-Ausdehnung nach Osten als Provokation. In George W. Bushs zweiter Amtszeit nach 2005 war denn auch von den reizenden Momenten der ersten Amtszeit nicht mehr viel übrig geblieben: Obwohl der Präsident dem Russen die Ehre einer Einladung auf die Ranch im texanischen Crawford hatte zukommen lassen, gediehen die Beziehungen zu Moskau zusehends problematisch.

Putin sei «nicht gut informiert, es ist, als ob man mit einem Achtklässler argumentiert, der die Fakten nicht kennt», vertraute Bush 2006 dem dänischen Premierminister an. Obendrein offenbarte der Russe seltsame Seiten: Mal beschwerte er sich bei Bush, dass die Amerikaner zweitklassige Hühnerschenkel an Russland lieferten und behauptete sogar, es gebe eine gesonderte Schlachterei für diese Hühnerteile. Oder er schockierte den US-Präsidenten mit einem kruden Witz über eine sexuelle Beziehung seines Aussenministers Sergei Lawrow mit Bushs Aussenministerin Condoleezza Rice.

Ein Paranoiker, der nicht zum Partner taugt

Die Hardliner um Vizepräsident Dick Cheney waren nicht überrascht: Sie hatten Putin im Gegensatz zu Bush stets als einen machthungrigen KBG-Abkömmling begriffen, dem genau auf die Finger gesehen werden musste. Einen Blick in Putins Seele zu werfen, erübrigte sich für sie: Wie Gates misstrauten sie dem Mann in Moskau vom ersten Moment an. Nach Putins krassem Krieg gegen Georgien 2008 fühlten sie sich bestätigt. Bush wiederum verliess das Weisse Haus im Januar 2009 nach mehr als 25 Begegnungen mit Wladimir Putin geläutert: Der Russe war ein Autokrat, ein Paranoiker und niemand, der wirklich zum Partner taugte.

Es lag nun an Barack Obama, einen Neuanfang mit Moskau zu versuchen. Dort regierte als Präsident inzwischen Dimitri Medwedew, Putin aber zog weiterhin die Fäden als Premierminister. Zwar drückten Obamas Aussenministerin Hillary Clinton und Lawrow 2009 einen «Rückstellknopf», der einen Neubeginn des russisch-amerikanischen Verhältnisses symbolisieren sollte. Obama aber brauchte keinen Blick in Wladimir Putins Seele zu werfen, um den Russen zu definieren: Er habe «ein Bein noch in der alten Welt, ein anderes in der neuen», resümierte Obama vorsichtig.

Putin belehrt die Amerikaner und Obama

Vielleicht schätzte Putin den afroamerikanischen Präsidenten ähnlich ein wie einst Nikita Chruschtschow den jungen John F. Kennedy: Ein aussenpolitischer Novize, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Ausserdem war der US-Präsident vollauf damit beschäftigt, Bushs Kriege im Irak und in Afghanistan abzuwickeln. Auf aussenpolitische Abenteuer war er nicht aus. Obama mochte zwar beteuern, seine Beziehung zu Putin sei «nicht schlecht», diverse Fotos der beiden aber sprachen Bände: Von Freundschaft konnte keine Rede sein. Zumal Obama über den Russen sagte, er sehe «wie das gelangweilte Kid im hinteren Teil des Klassenzimmers aus».

Putin revanchierte sich auf seine Weise: Er vertrat die Position Teherans im Atomstreit, stellte sich in Syrien hinter das Assad-Regime und beklagte laut die westliche Intervention in Libyen. Als die «New York Times» den Russen im September 2013 in einem Meinungsartikel zu Wort kommen liess, nahm Putin kein Blatt vor den Mund und belehrte die Anerikaner und insbesondere Obama schulmeisterlich und von oben herab: Militärische Interventionen der Vereinigten Staaten seien «alltäglich geworden», überall mische sich Washington «in interne Konflikte in ausländischen Staaten ein».

Spionage wie im Kalten Krieg

Weil Putin zuvor den NSA-Renegaten Edward Snowden in Moskau willkommen geheissen hatte, sagte Obama sogar ein bereits vereinbartes Treffen mit dem Russen ab - was kein US-Präsident in einem halben Jahrhundert getan hatte. Nach der Annexion der Krim dürften nun jegliche Hoffung auf eine Reparatur der angespannten Beziehungen zwischen Moskau und Washington verflogen sein. Statt dessen droht eine neue Eiszeit. Amerikanische Geheimdienste behaupten jedenfalls, die russische Spionage gegen die USA sei inzwischen so intensiv wie während des Kalten Krieges. Andersherum dürfte es ähnlich sein.

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