Die meistgehasste Frau Amerikas

Ilhan Omar spielte den 9/11-Terror herunter, das macht sie für Donald Trump zur nützlichen Gegnerin.

Kommt den Republikanern gerade recht: Die 37-jährige Ilhand Olmar. Foto: Reuters

Kommt den Republikanern gerade recht: Die 37-jährige Ilhand Olmar. Foto: Reuters

Martin Suter@sonntagszeitung

Die Boulevardblätter in der grössten Stadt Amerikas lieben freche Titelblätter. Was die «New York Post» am Donnerstag auf ihre Frontseite setzte, war jedoch eine echte Provokation: Sie zeigte die Explosion des zweiten Passagierjets beim Aufprall im World Trade Center am 11. September 2001 und setzte darüber eine Aussage der muslimischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar.

Die in Somalia geborene und im Herbst ins Repräsentantenhaus gewählte Demokratin wurde mit einer Phrase aus einem Satz zitiert, den sie im März in Los Angeles vor dem Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen (CAIR) formuliert hatte. CAIR sei nach 9/11 gegründet worden, behauptete Omar, «weil man erkannte, dass ein paar Leute etwas taten und dass wir alle Zugang zu unseren Bürgerfreiheiten zu verlieren begannen.»

Das Titelblatt der «New York Post» vom Donnerstag.

In fetten Lettern schrieb die «Post» über das Foto der brennenden Doppeltürme: «Hier ist dein etwas – 2977 Menschen tot durch Terrorismus.» Die Zeitung empörte sich über Omars Verharmlosung des schlimmsten Angriffs, den die kontinentalen USA in ihrer Geschichte erlebt hatten.

Kriegsveteranen, Republikaner und natürlich Präsident Donald Trump stimmten in den Protest ein. «Wir werden nie vergessen!», schrieb Trump in Grossbuchstaben über einen Video-Tweet, der Clips von Omars Rede mit Szenen des Terrorangriffs gegenschnitt. «Sie hat nicht alle Tassen im Schrank», sagte Ex-Gouverneur Chris Christie.

Anstatt die 37-Jährige zu rügen, gingen Parteifreunde der Demokratin auf die Zeitung los. Rashida Tlaib, neben Omar die einzige andere muslimische Frau im Kongress, nannte das Titelbild einen «rein rassistischen Akt». Die Dritte im Trio der forschen jungen Repräsentantinnen, Alexandria Ocasio-Cortez, sprach von «Anstiftung zu Gewalt gegen progressive farbige Frauen».

Die drei Demokratinnen wollten mit dem Finger auf angebliche Islamophobie zeigen, obwohl Omar mit ihrer Charakterisierung von 9/11 die Empörungswelle selber ausgelöst hatte. Bestärkt durch die Solidaritätsbekundungen, sagte sie am Mittwoch stolz: «Wir sind nicht hier, um still zu sein.»

Ein Kopfbedeckungsverbot abzuschaffen, war ihr erster Erfolg

Das ausgeprägte Selbstbewusstsein erwarb Omar in ihrer äusserst bewegten Jugendzeit. In Mogadiscio geboren, verlor sie zweijährig ihre Mutter. Fünf Jahre später flüchtete sie mit dem Vater, dem Grossvater und sechs älteren Geschwistern vor dem Bürgerkrieg nach Kenia, wo die Familie vier harte Jahre in einem Flüchtlingslager durchlitt.

Als die Omars 1995 in den USA Asyl erhielten und über Virginia nach Minnesota übersiedelten, sah sich Ilhan aber ihrer Amerika-Hoffnungen beraubt. Die schwarze Muslimin habe ihre «Andersartigkeit» als belastend empfunden, schreibt die «New York Times». Am College machte sie sich ein progressives politisches Programm zu eigen. Nach 9/11 setzte sich Omar zur Bestärkung ihrer muslimischen Identität einen Hidschab auf. Die Abschaffung eines 181 Jahre alten Kopfbedeckungsverbots war dieses Jahr ihr erster politischer Erfolg im US-Kongress.

Seither hat Omar jedoch mit entweder unsorgfältigen oder verräterischen Aussagen viel Staub aufgewirbelt. Mehrfach musste sich die Israel-Kritikerin wegen antisemitisch klingender Formulierungen entschuldigen. Ein Versuch der Speakerin Nancy Pelosi, sie mit einer Resolution zu tadeln, endete in einem Misserfolg: Verabschiedet wurde eine nichtssagende Erklärung gegen jegliche Hetzreden.

Die neuerlichen Schlagzeilen um Ilhan Omar können den Demokraten nicht willkommen sein. Zusammen mit den zwei anderen Frauen ist die ungewöhnliche Repräsentantin zum Gesicht der Partei geworden. Präsident Trump und die Republikaner treiben dies voran, um ihre politischen Gegner als radikale Extremisten zu brandmarken. Weil das im Wahljahr 2020 eine erfolgreiche Strategie werden könnte, ist Omar auch für manche Demokraten, sicher für alle Republikaner, die meistgehasste Frau Amerikas.

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