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Die Hoffnung der Waldbrandopfer heisst: Erin Brockovich

Die Aktivistin vertritt die Geschädigten des verheerenden Feuers in Kalifornien gegen den Energiekonzern PG&E. Den kennt sie bestens.

Hat den Konzern PG&E schon einmal in die Knie gezwungen: Erin Brockovich im Jahr 2016. Foto: Pat Carter (Getty Images)
Hat den Konzern PG&E schon einmal in die Knie gezwungen: Erin Brockovich im Jahr 2016. Foto: Pat Carter (Getty Images)

Im Angesicht der Katastrophe wussten die Anwälte schnell, was zu tun ist. Noch bevor das tödlichste Feuer in der Geschichte Kaliforniens gelöscht war, liefen im lokalen Radio schon Werbespots: «Sind Sie ein Opfer des Camp Fire? Lassen Sie uns helfen!» Und helfen, das heisst in den USA in solchen Fällen: den Verursacher auf die Zahlung einer Millionensumme verklagen.

Das war im November, und was damals noch ein Verdacht war, ist inzwischen so gut wie sicher: Auch wenn die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, deutet alles darauf hin, dass schlecht gewartete Stromleitungen des Energiekonzerns PG&E das verheerende Feuer ausgelöst haben, das die Kleinstadt Paradise vollständig niederbrannte und 86 Menschenleben kostete. Offenbar war kurz vor Ausbruch des Feuers eine Halterung in einer Oberleitung gebrochen und hatte einen Kurzschluss ausgelöst. Ein Funke, der genügte, um im knochentrockenen kalifornischen Wald ein Inferno auszulösen.

Schadenersatz für Tausende

Anfangs wehrte sich PG&E noch gegen diese Darstellung. Ein eigenes Team von Experten habe Einschusslöcher an einem Hochspannungsmast gefunden, hiess es. Eine bequeme Erklärung, wäre PG&E damit doch zumindest einen Teil der Verantwortung für das Feuer los. Inzwischen hat man in dem Unternehmen eingesehen, dass man damit nicht durchkommen wird. Aller Voraussicht nach wird PG&E Tausenden Opfern Schadenersatz leisten müssen, die Angehörige, ihr Haus oder ihr Geschäft an das Feuer verloren haben. Und auch mit Milde der Gerichte oder der Politik sollte das Unternehmen nicht rechnen. Schliesslich steht PG&E ohnehin schon unter verschärfter Beobachtung wegen mehrerer Brände im Jahr 2017. Auch bei ihnen wurde marode PG&E-Infrastruktur als Ursache vermutet. Immerhin bei einem tödlichen Feuer aus dem Oktober 2017 wurde das Unternehmen in der vergangenen Woche nun durch Brandexperten entlastet.

Bilder: Die Waldbrände von Kalifornien

Schwarzenegger bedankt sich bei den Feuerwehrleuten und serviert ihnen Frühstück. (21. November 2018)
Schwarzenegger bedankt sich bei den Feuerwehrleuten und serviert ihnen Frühstück. (21. November 2018)
Destiny Lestenkof, Keystone
Betet für alle Opfer von «katastrophalen Stürmen» sowie der verheerenden Wildfeuer in Kalifornien: US-Präsident Donald Trump anlässlich einer Ansprache zu Thanksgiving. (22. November 2018)
Betet für alle Opfer von «katastrophalen Stürmen» sowie der verheerenden Wildfeuer in Kalifornien: US-Präsident Donald Trump anlässlich einer Ansprache zu Thanksgiving. (22. November 2018)
Mandel Ngan, AFP
Patienten eines Spitals in Paradise werden evakuiert.
Patienten eines Spitals in Paradise werden evakuiert.
AP Photo/Noah Berger, Keystone
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Die Vorwürfe haben sich dennoch derart summiert, dass das Überleben eines der grössten Energieversorger der USA infrage stand. Mitte Januar trat PG&E-Chefin Geisha Williams zurück. Auf die gebürtige Kubanerin waren die Kalifornier bis dahin mächtig stolz, schliesslich war sie die einzige Latina, die eines der 500 grössten Unternehmen des Landes führte.

2017 erst hat sie ihr Amt angetreten, nun ist sie schon wieder weg. Bis ein Nachfolger gefunden ist, soll der PG&E-Manager John Simon die Geschäfte führen. An ihm blieb es hängen, die Kosten zu taxieren, die wegen der verschiedenen Brände wohl auf das Unternehmen zukommen werden: Er spricht von 30 Milliarden Dollar, und das scheint nicht unwahrscheinlich. Es wäre eine der höchsten Schadenersatzzahlungen, die jemals ein Unternehmen in den USA leisten musste. Und zu viel für ein Unternehmen, das zuletzt 1,5 Milliarden im Jahr verdiente – und das nur, weil es nach Meinung vieler Beobachter die eigene Infrastruktur verkommen liess. Keine 24 Stunden nach seinem Amtsantritt verkündete Simon deshalb, er werde voraussichtlich am 29. Januar Insolvenz beantragen. PG&E wäre damit vor Forderungen seiner Gläubiger geschützt und könnte seine Geschäfte weiter betreiben.

Erin Brockovich als grösste Hoffnung

Für die Feueropfer wäre das eine schlechte Nachricht: Sie würden wie andere Gläubiger behandelt und somit wahrscheinlich jeweils nur einen Bruchteil ihrer Forderungen erhalten. Sie hoffen nun auf eine Frau, die PG&E schon einmal in die Knie zwang: Erin Brockovich, die 1996 als Rechtsanwaltsgehilfin mehr als 300 Millionen Dollar von dem Energieversorger erstritt, weil eine seiner Anlagen das Trinkwasser eines südkalifornischen Ortes verseucht hatte.

Ein Film mit Julia Roberts in der Hauptrolle machte Brockovich berühmt. Seither zieht sie als Aktivistin und Beraterin durchs Land und beteiligt sich immer mal wieder an Klagen gegen Konzerne, die angeblich die Gesundheit der Bürger in Gefahr bringen. Kritiker werfen ihr vor, sie erzwinge allein mit ihrem bekannten Namen schnelle Zahlungen der Unternehmen, die sich vor negativen Schlagzeilen fürchteten.

Es macht bereits ein Wort die Runde, das eine Lösung für all diese Probleme verheisst: Verstaatlichung.

Für die Opfer des Camp Fire aber ist Brockovich nun die grösste Hoffnung. Bei einer Kundgebung in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento sagte sie vor einigen Tagen, PG&E wolle sich mit der Insolvenz billig aus der Affäre ziehen: «Wenn sie damit durchkommen, kriegen die Opfer nicht, was ihnen zusteht.» Der Energieversorger sei sehr wohl liquide genug, um Schadenersatz zu leisten. «PG&E hat sehr viel Geld verdient und schüttet jedes Jahr Milliarden an die Anteilseigner aus.» Kredite, Schuldscheine, Staatsbürgschaften – es gebe viele Möglichkeiten, das Geld zu beschaffen, so Brockovich. Die Firma und das Land Kalifornien müssten nun den besten Weg finden, um den Opfern zu helfen.

Mit diesem Auftritt hat Brockovich den Druck auf Gavin Newsom erhöht, den Gouverneur von Kalifornien, der erst seit drei Wochen im Amt ist. Denn er muss eine Lösung finden, die eigentlich Unmögliches vereint: Zum einen muss er dafür sorgen, dass die Feueropfer entschädigt werden, zum anderen muss dies so geschehen, dass dafür nicht am Ende die 16 Millionen PG&E-Kunden mit höheren Strompreisen bezahlen. Und dann braucht Newsom eigentlich ein gesundes PG&E für die Energiewende, die er mindestens so ehrgeizig vorantreiben will wie sein Vorgänger. Zahlreiche bereits beschlossene Projekte zur nachhaltigen Energieerzeugung wären durch eine Insolvenz bedroht.

Es macht bereits ein Wort die Runde, das eine Lösung für all diese Probleme verheisst: Verstaatlichung.

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