Die erste Umarmung nach 36 Jahren

Argentiniens berühmteste Grossmutter Estela de Carlotto hat ihren Enkel gefunden.

«Ich wollte nicht sterben, ohne ihn zu umarmen»: Estela de Carlotto.

«Ich wollte nicht sterben, ohne ihn zu umarmen»: Estela de Carlotto.

(Bild: Keystone)

Sandro Benini@BeniniSandro

Es ist eine dieser himmeltraurigen Geschichten aus der argentinischen Militärdiktatur. Laura Carlotto und ihr Freund kämpften als Studenten in den Reihen der linken Stadtguerilla Montoneros. Im November 1977 wurden sie verhaftet und in einem Foltergefängnis der Militärdiktatur eingesperrt, die das Land seit eineinhalb Jahren regierte. Die 22-jährige Laura war im dritten Monat schwanger. Am 26. Juni 1978 brachte sie einen Jungen zur Welt, den sie laut den Zeugenaussagen einer Mitgefangenen Guido nennen wollte. Nach wenigen Stunden nahmen ihr die Schergen das Kind weg.

Zwei Monate später richteten sie Laura Carlotto durch einen Kopfschuss hin. Ihren Freund hatten die Militärs bereits zuvor ermordet. Den Leichnam der Geschichtsstudentin übergaben sie ihrer Mutter Estela de Carlotto, den kleinen Guido händigten sie einer Bauernfamilie in der Stadt Olavarría aus, 300 Kilometer südlich von Buenos Aires. Während der Militärdiktatur wurden gefangenen Müttern ihre neugeborenen Kinder weggenommen, um sie in regimetreue Familien zu platzieren. Keine andere lateinamerikanische Diktatur verübte dieses Verbrechen derart systematisch.

«Grossmütter der Plaza de Mayo»

Estela de Carlotto begrub ihre Tochter und begann, ihren Enkel zu suchen. Die ehemals unpolitische Primarlehrerin wurde zu einer der bekanntesten Aktivistinnen des Landes. Einmal liess sie den Leichnam ihrer Tochter exhumieren und untersuchen, weil sie sicher sein wollte, dass Laura während ihrer Gefangenschaft tatsächlich geboren hatte. Sie gründete die «Grossmütter der Plaza de Mayo», in Anlehnung an die bekannten «Mütter der Plaza de Mayo». Die Organisation machte es sich zur Aufgabe, verschollene Enkel aufzuspüren, wozu sie unter anderem DNA-Proben von betroffenen Familien sammelte. Im Verlauf der Jahrzehnte stiess sie auf 113 kurz nach ihrer Geburt entführte Personen. Bloss ihren eigenen Enkel fand Estela de Carlotto nicht. Zu seinem 33. Geburtstag schrieb sie ihm einen offenen Brief, in dem sie versprach, ihn weiterzusuchen bis an ihr Lebensende.

Vor einigen Wochen meldete sich Ignacio Hurban, ein in Olavarría lebender Pianist, Jazzmusiker und Leiter einer Musikschule, bei den Grossmüttern der Plaza de Mayo. Weshalb der 36-Jährige an seiner Identität zu zweifeln und sich zu fragen begonnen hatte, ob seine angeblichen Eltern auch seine richtigen seien, weiss man vorläufig nicht. Genauso wenig, ob das Bauernpaar damals informiert wurde, woher ihr Adoptivsohn stammte. Jedenfalls machte Ignacio Hurban einen DNA-Test, dessen Ergebnis nun bekannt wurde: Sein wirklicher Name ist Guido Carlotto, er ist Estela de Carlottos verschollener Enkel.

Immer noch viele Enkel verschollen

«Ich danke Gott und dem Leben. Ich wollte nicht sterben, ohne ihn zu umarmen», sagte die 83-Jährige, die 13 weitere Enkel hat. Argentinien ist gerührt. Präsidentin Cristina Fernández rief die Grossmutter weinend an, und Finanzminister Axel Kicillof, der beinharte Gegner gieriger internationaler Hedgefonds, musste ein Interview abbrechen, weil ihm die Tränen kamen. Bis gestern hatten sich Grossmutter und wiedergefundener Enkel nicht getroffen. Guido Carlotto müsse die Nachricht zunächst einmal verarbeiten. Laut den Grossmüttern der Plaza de Mayo sind noch immer rund 400 Enkel verschollen.

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