Die doppelte Offshore-Moral der USA

Thomas Spang, Korrespondent in Washington, darüber, was nicht in den Panama Papers steht.

Warum ein teures Flugticket für Panama kaufen, wenn es mit einer kurzen Zugfahrt nach Delaware viel unkomplizierter geht? Der zwischen New York und Washington gelegene Bundesstaat ist ein Magnet für reiche Amerikaner, die etwas zu verbergen haben. Delaware rollt aber auch den roten Teppich für Ausländer aus, die aus dem gleichen Grund nach Panama gehen. Heerscharen von Anwälten und Finanzdienstleistern helfen wohlhabenden Kunden gerne dabei, eine schöne neue Scheinfirma zu gründen, die sich für alle möglichen Tricksereien gebrauchen lässt.

An einer einzigen Adresse in der Hauptstadt Wellington sind mindestens 285 000 Firmen registriert. Ein ganz legales Geschäft in den USA, für das die Steuerzahler in anderen Ländern die Zeche bezahlen. Delaware allein ist für ­entgangene Steuereinnahmen von schätzungsweise knapp zehn Milliarden Dollar verantwortlich.

Weil Beihilfe zu Geldwäsche, Steuerbetrug und Verschleierung von Vermögensverhältnissen so einträglich ist, konkurrieren nun auch andere US-Bundesstaaten wie Nevada, South Dakota und Wyoming mit Delaware. Die Banken und der Immobiliensektor kooperieren, ohne viele Fragen zu stellen. Und verweigern ausländischen Behörden die Auskunft.

Willkommen im Offshore- und On­shore-Paradies Amerika. Kein Wunder, dass die USA im globalen Ranking des «Tax Justice Network» der undurchsichtigsten Finanzplätze auf dem dritten Platz liegen. Die USA sind gross darin, in Konkurrenz mit Finanzstandorten wie der Schweiz und Luxemburg Transparenz einzufordern. Banken, die hier am Kapitalmarkt tätig werden wollen, müssen ­Informationen ihrer Kunden an die US-Behörden weitergeben.

Diesen Gefallen erweisen sie anderen Ländern umgekehrt nicht. Bis heute verweigern die USA die Unterschrift unter ein OECD-Abkommen über den Informationsaustausch. Wer wirklich etwas gegen die dunklen Geldströme unternehmen will, darf keine doppelten Standards akzeptieren. Die Wahrheit ist, dass ein Datenleck in Delaware mindestens so ­brisante Papiere produzierte wie das in Panama.

ausland@bernerzeitung.ch

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