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Die Ära der Fernseh-Politik

Obama und Romney treffen sich zum ersten TV-Duell. Seit 1960 gehört dieses zu den Höhepunkten des US-Wahlkampfs. Fernsehen und Politik sind eng verbunden – nicht nur in den USA. Mit welchen Folgen?

Martin Kilian, Hannes Nussbaumer, Birgit Schönau
Zu viele Kanäle: Wegen der Vielfalt der TV-Landschaft hat der politische Einfluss des Fernsehens in Deutschland abgenommen.
Zu viele Kanäle: Wegen der Vielfalt der TV-Landschaft hat der politische Einfluss des Fernsehens in Deutschland abgenommen.
Arroganz kommt beim Publikum nicht gut an. Gegenüber dem texanischen Gouverneur George W. Bush (r.) wirkt Vizepräsident Al Gore vor der Kamera nicht als Sympathieträger.
Arroganz kommt beim Publikum nicht gut an. Gegenüber dem texanischen Gouverneur George W. Bush (r.) wirkt Vizepräsident Al Gore vor der Kamera nicht als Sympathieträger.
Nach strengem Zeremoniell: Die Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder (r.) und Edmund Stoiber treten gegeneinander an. Es ist das erste TV-Duell in Deutschland.
Nach strengem Zeremoniell: Die Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder (r.) und Edmund Stoiber treten gegeneinander an. Es ist das erste TV-Duell in Deutschland.
Profitierte vom Mauerfall: Die Fernsehbilder von Mauerfall und Wiedervereinigung verhalfen Helmut Kohl 1990 zur Wiederwahl als Bundeskanzler.
Profitierte vom Mauerfall: Die Fernsehbilder von Mauerfall und Wiedervereinigung verhalfen Helmut Kohl 1990 zur Wiederwahl als Bundeskanzler.
Witzig und schlagfertig: Der Republikaner Ronald Reagan (r.) setzt sich 1984 gegen den Demokraten Walter Mondale durch.
Witzig und schlagfertig: Der Republikaner Ronald Reagan (r.) setzt sich 1984 gegen den Demokraten Walter Mondale durch.
Vor dem Seitenwechsel: Arena-Moderator Filippo Leutenegger, hier im Gespräch mit Alt-Bundesrat Otto Stich, wird später selber Politiker.
Vor dem Seitenwechsel: Arena-Moderator Filippo Leutenegger, hier im Gespräch mit Alt-Bundesrat Otto Stich, wird später selber Politiker.
Hohe «Arena»-Tauglichkeit: SP-Parteipräsidentin Ursula Koch und SVP-Parteipräsident Christoph Blocher debattieren über Europa-Politik.
Hohe «Arena»-Tauglichkeit: SP-Parteipräsidentin Ursula Koch und SVP-Parteipräsident Christoph Blocher debattieren über Europa-Politik.
Erfolgreich im neuen Medium: Der Demokrat John F. Kennedy (r.) überzeugt 70 Millionen Fernsehzuschauer mit seinem Charme und gewinnt das Fernsehduell gegen Richard Nixon.
Erfolgreich im neuen Medium: Der Demokrat John F. Kennedy (r.) überzeugt 70 Millionen Fernsehzuschauer mit seinem Charme und gewinnt das Fernsehduell gegen Richard Nixon.
Das erste TV-Duell Italiens: Silvio Berlusconi lässt seinen Gegner Achille Occhetto (r.) alt aussehen und gewinnt das Rededuell sowie die Wahlen.
Das erste TV-Duell Italiens: Silvio Berlusconi lässt seinen Gegner Achille Occhetto (r.) alt aussehen und gewinnt das Rededuell sowie die Wahlen.
Konkurrenzloser Medienzar: Silvio Berlusconi beherrscht die  Fernsehwelt vor und hinter der Kamera. Der Premierminister kontrolliert das Staatsfernsehen und schafft TV-Duelle wieder ab.
Konkurrenzloser Medienzar: Silvio Berlusconi beherrscht die Fernsehwelt vor und hinter der Kamera. Der Premierminister kontrolliert das Staatsfernsehen und schafft TV-Duelle wieder ab.
Ohne inländische Konkurrenz: Die politische Diskussion findet in der Schweiz vor allem auf den Kanälen des Schweizer Fernsehens statt.
Ohne inländische Konkurrenz: Die politische Diskussion findet in der Schweiz vor allem auf den Kanälen des Schweizer Fernsehens statt.
Schon geübt: Barack Obama (r.) debattiert gegen den Republikaner John McCain.
Schon geübt: Barack Obama (r.) debattiert gegen den Republikaner John McCain.
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USADie Nation sieht zu, wie der Kennedy-Mythos entstehtOffenbar hatte der Präsident vergessen, seinen Denkapparat einzuschalten. Osteuropa, behauptete Gerald Ford 1976, befinde sich keineswegs unter sowjetischem Einfluss. Fords Befrager, sichtlich schockiert, konnte die Antwort kaum fassen, sein demokratischer Herausforderer Jimmy Carter hingegen freute sich: Der republikanische Amtsinhaber hatte sich verhauen, und besonders peinlich daran war, dass Ford sich seinen Schnitzer vor zig Millionen amerikanischer Fernsehzuschauer während einer Präsidentschaftsdebatte geleistet hatte – was ihn womöglich die Wahl kostete.

Denn nichts hat die amerikanische Politik auf der obersten Wahlebene mehr verändert als das TV-Ritual der Kandidaten für das höchste Amt im Staat. Alle vier Jahre versammelt sich die Nation zum medialen Showdown und begutachtet, wen die beiden grossen Parteien – selten nur nimmt ein dritter Kandidat teil – präsentieren. Image und Auftreten sind gleichrangig mit Substanz, ja nicht selten triumphieren Coolness und Volkstümelei über Kenntnisreichtum und Nachdenklichkeit.

So waren beispielsweise jene Wähler, die das erste klassische Duell zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon 1960 im Radio verfolgt hatten, absolut überzeugt, dass Nixon die Debatte gewonnen hatte. Wer das Ereignis hingegen vor dem Fernseher erlebt hatte, sprach sich klar für Kennedy aus: Gelassen und blendend aussehend, bestritt der Demokrat die Debatte, wogegen Nixon unrasiert und müde aussah und überdies im heissen Scheinwerferlicht des Fernsehstudios heftig schwitzte.

Das Medium Fernsehen war somit zum Geburtshelfer des Kennedy-Mythos geworden und sorgte auch in der Folge für überraschende Wendungen bei amerikanischen Wahlschlachten: Es zeigte Vizepräsident Al Gores Arroganz beim Duell mit dem texanischen Gouverneur George W. Bush im Wahljahr 2000 oder Ronald Reagans witzige Schlagfertigkeit beim Wahlgang 1984.

Bush wie Reagan mochten manche Antworten schuldig bleiben und weniger belesen sein als Al Gore oder Jimmy Carter, das kühle Medium Fernsehen aber zeichnete Erstere als vertrauenswürdige Gestalten ohne Dünkel. Und immerhin galten die TV-Debatten nach dem Nixon-Debakel von 1960 als derart entscheidend für den Wahlkampfverlauf, dass die Kandidaten der Jahre 1964 und 1968 lieber darauf verzichteten. (Martin Kilian)

SchweizDie «Arena» setzt MassstäbeIm politischen Fernsehen der Schweiz gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach 1993. Damals schuf das Schweizer Fernsehen eine Polit-Sendung, die europaweit Massstäbe setzte – sowohl punkto Marktanteil wie punkto Einfluss: die «Arena». In ihren Anfängen war die Sendung ein Schaukampf zwischen zwei Hauptprotagonisten. Hinter diesen standen Sekundanten und Publikum, die sich in die Diskussion einschalten konnten. Also eine Art «Duell plus» – eine Form, die sich zwar nicht unbedingt für das Schweizer Modell mit Mehrparteienregierung anbietet, die aber zugeschnitten ist auf Sachabstimmungen mit Ja- und Nein-Lager.

Der Marktanteil der Sendung erreichte spektakuläre Werte von über 30 Prozent. Gleichzeitig war der damalige TV-Chefredaktor Peter Studer die Zielscheibe entsetzter Bedenkenträger: Die «Arena» führe zur Simplifizierung des Politischen und zeige ein Zerrbild, wurde moniert. «Ich entgegnete: Die ‹Arena› belebt die Politik, weil sich die Politiker hier einer spontanen Diskussion stellen müssen», erzählt Studer.

Zu den Höhepunkten der «Arena»-Geschichte gehört die Ausgabe vom 4. Februar 1994. Es ging um die Abstimmung über die Alpeninitiative. Der vife Urner Landammann Hansruedi Stadler brachte den zuständigen Bundesrat Adolf Ogi dermassen aus der Fassung, dass dieser vor laufender Kamera die Urner beleidigte. Die Sendung dürfte dazu beigetragen haben, dass die Initiative zwei Wochen später überraschend angenommen wurde.

Es war nicht die einzige direkte Auswirkung der «Arena» auf die Politik: Innert kurzer Zeit entwickelte sich das Kriterium der «Arena»-Tauglichkeit zur Schlüsselvoraussetzung für hohe politische Ämter. Peter Studer relativiert allerdings: «Es gab Politiker, die waren in der ‹Arena› erstklassig, vermochten aber in der wirklichen Politik nicht zu reüssieren.» Er erwähnt Ursula Koch, die gescheiterte SP-Präsidentin.

Mit dem Aufstieg der «Arena» in den 90er-Jahren wurde auch ihr Moderator zum Star: Filippo Leutenegger. Inzwischen ist er selbst Politiker – die Wahl verdankt er auch seiner «Arena»-Popularität. Unter Leuteneggers Nachfolgern wurde das «Arena»-Konzept mehrfach geändert, die Zahl der Protagonisten erweitert und wieder verkleinert. Heute erzielt die Sendung noch eine Quote von durchschnittlich knapp 19 Prozent.

Ein Symptom dafür, dass das Fernsehen generell an Einfluss verloren hat? Peter Studer findet, das Fernsehen habe zwar etwas an Bedeutung verloren – vor allem wegen der Konkurrenz durchs Internet. Ein politisches Leitmedium sei das Fernsehen aber geblieben. Medienwissenschaftler Roger Blum glaubt, die «Hoch-Zeit» des politischen Fernsehens sei ungebrochen. «Es gibt heute so viele politische Talksendungen wie nie zuvor.» Für Blum ist das Fernsehen weiterhin «die grosse Bühne», welche begleitet werde vom «Gemurmel und Summen der Blogs, Social-Media-Kommentare, Printanalysen und Leitartikel».

Gleichzeitig relativiert Blum den politischen Einfluss des Fernsehens, schliesslich werde dort in aller Regel nicht Politik gemacht, sondern nur vermittelt. Allerdings gebe es einzelne «eigenständige Fernsehleistungen». Blum erwähnt den Film über Gerhard Blocher, «der möglicherweise die Abwahl-Stimmung gegenüber seinem Bruder verstärkt hat». Peter Studer analysiert ähnlich: Während in der politischen Informationsvermittlung dem schnellen Fernsehen das noch schnellere Internet den Rang ablaufe, werde ein anderes Format immer deutlicher zur televisionären Königsdisziplin: der politische Dokumentarfilm. (Hannes Nussbaumer)

ItalienMit TV-Politiker Berlusconi zur MediendiktaturSilvio Berlusconi bescherte Italien das erste TV-Duell zweier Spitzenkandidaten: 1994 diskutierte er im Staatsfernsehen RAI mit dem Linken-Führer Achille Occhetto. Berlusconi gewann beides, das Rededuell und die nachfolgenden Wahlen. Was sicher auch daran lag, dass er seinen Widersacher Occhetto so alt aussehen liess. Der Ex-Kommunist trug graue Haare, keine Schminke und einen Schnurrbart, der ihm eine vage Ähnlichkeit mit Stalin bescherte.

Occhetto wirkte wie das Italien von gestern. Berlusconi aber versprach eine Zukunft, die genauso bunt werden sollte wie die Shows auf seinen Mediaset-Kanälen. Eine Zukunft ohne die grauen Politiker der Ersten Republik, dafür mit schönen Frauen und Fussballstars. Bald bevölkerten die Showgirls aus dem Berlusconi-Fernsehen auch das Parlament, während der Ministerpräsident in populären Fussball-Sendungen höchstpersönlich erklärte: «Nur Kommunisten spielen defensiv.»

Das TV-Duell schaffte Berlusconi dann genauso nonchalant wieder ab, wie er es eingeführt hatte. Er verweigerte sich 2001 und 2008 den weitaus jüngeren Rivalen Francesco Rutelli und Walter Veltroni. Und siegte.

Dass der Medienzar kein Mann des Dialogs ist, war von Anfang an klar. Auf einer in seinem privaten Arbeitszimmer aufgenommenen Videokassette verkündete Berlusconi vor 18 Jahren seinen «Schritt in die Politik». Italiens Fernsehsender strahlten den 9-Minuten-Monolog allesamt beflissen aus. Es war der Anfang einer Mediendiktatur: Der grösste Medienunternehmer des Landes kontrollierte als Premier auch das Staatsfernsehen.

Er konnte das Medium nutzen, wie es ihm beliebte, unterstützt von Heerscharen willfähriger Journalisten – die wenigen, die nicht mitmachten, verschwanden einfach vom Bildschirm. Vor Fernsehkameras unterschrieb Berlusconi seinen «Vertrag mit den Italienern»: leere Versprechungen, in Szene gesetzt wie ein Staatsakt. Und im Fernsehen gab er, als ganz Europa über seine Partys redete, den braven Familienvater. Er trat nicht oft auf, allerdings immer noch öfter als im Parlament.

Zu den nächsten Wahlen wird Silvio Berlusconi wahrscheinlich nicht mehr antreten. Sein Fernsehen wirkt heute hoffnungslos von gestern. Italiens neue Populisten wie Beppe Grillo nutzen das Internet. Und sind damit schon auf der Überholspur. (Birgit Schönau)

DeutschlandDie Fernbedienung bricht die Macht des FernsehensIn der Geschichte des deutschen Polit-Fernsehens gibt es viele denkwürdige Momente. Gewiss gehören die Auftritte Helmut Kohls rund um Mauerfall und Wiedervereinigung dazu (deren televisionäre Verbreitung entscheidend dazu beitrug, dass Kohl 1990 die Wahlen gegen SPD-Kanzlerkandidat Lafontaine gewinnen konnte). Auch das Ehrenwort von Uwe Barschel, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, im September 1987 gehört dazu. Einen knappen Monat später wurde Barschel in der Badewanne eines Genfer Hotels tot aufgefunden.

Hingegen dauerte es lange – präzis: bis zum 25. August 2002 –, bis Deutschland erstmals ein echtes Eins-zu-eins-Duell zwischen den Kanzlerkandidaten von CDU/CSU und SPD erlebte. Die Protagonisten waren Edmund Stoiber und Gerhard Schröder. Sie traten insgesamt zweimal gegeneinander an, beide Male einem genau festgelegten Zeremoniell folgend. Es gab schliesslich viel zu regeln – nicht zuletzt die Frage, wie mit der unterschiedlichen Körpergrösse der Kandidaten (Schröder: 1,74 Meter; Stoiber: 1,86 Meter) umzugehen sei. Weshalb es so lange dauerte, bis das klassische Duell auch in Deutschland ankam? Weil es Helmut Kohl und vor ihm Helmut Schmidt würdelos fanden, sich auf den direkten Schlagabtausch mit ihren Herausforderern einzulassen.

Grundsätzlich gilt für Deutschland, was auch für die Schweiz gilt: «Die Politiker mussten lernen, sich auf die Logik des Fernsehens einzulassen. Und die meisten lernten schnell, indem sie ihren Politik- und Kommunikationsstil anpassten», sagt Frank Esser, Professor für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Uni Zürich.

Nur war und ist der televisionäre Anpassungs- und Erwartungsdruck in Deutschland ausgeprägter als in der Schweiz: Deutschland hat als einziges Land in Europa zwei konkurrierende öffentlich-rechtliche Kanäle (ARD und ZDF). Hinzu kommen zwei konkurrierende News-Kanäle (NTV, N24). Dann hat die ARD eine ganze Reihe von Regionalkanälen. Und schliesslich kommen die beiden konkurrierenden privaten Vollkanäle mit Informationsanspruch hinzu (RTL, Sat 1). Kurz: Der Druck vonseiten des Fernsehens auf die Politik und ihre Akteure ist enorm. «Dagegen ist die Schweiz eine Kuschelecke. Hier findet der politische TV-Journalismus eigentlich nur auf den Kanälen des Schweizer Fernsehens statt, also ohne inländische Konkurrenz», sagt Medienforscher Esser.

Eine andere Frage ist, welche Wirkung die vielteilige deutsche TV-Landschaft auf den politischen Einfluss des Mediums hat. Kai Diekmann, der Chefredaktor der «Bild»-Zeitung, zeigte sich in einem Interview mit der FAZ pessimistisch: «Die ‹Glotze› mit ihren fünfzig Programmen, ihren Miniquoten und dem Herumgezappe der Zuschauer hat als themensetzendes Massenmedium längst abgedankt. Die Macht des Fernsehens – auch die politische – ist an der Hoheit der Fernbedienung zerbrochen.» (Hannes Nussbaumer)

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