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Der Tod benötigt 1,2 Sekunden bis nach Pakistan

Die US-Armee setzt immer häufiger Kampfdrohnen ein. Feinde werden auf Monitoren in gekühlten Containern beobachtet – und zum Abschuss freigegeben. Ein Porträt eines Mannes, der den Knopf drückt.

Auf den ersten Blick ein ganz normaler Arbeitsplatz. In einem Container im US-Bundesstaat Virginia befinden sich Bildschirme und Tastaturen, Weltkarten erscheinen auf Monitoren. Erst der Mann am Computer mit einem Joystick in der Hand wirft Fragen auf.

Die Person am «Steuer» heisst John. A Rizzo und arbeitet wie seine Kollegen für die CIA. Zusammen beobachten sie folgende Szene an einem Bildschirm: Tausende Kilometer entfernt in Pakistan sitzt ein Mann mit seiner Familie im Auto und fährt die Strasse entlang. Er hält an. Steigt aus. Und eine Minute später ist er tot. So beschreibt das amerikanische Nachrichtenmagazin «Newsweek» die Szene.

Den Knopf gedrückt hat Rizzo – in den USA. Der Bildschirm zeigt eine riesige Explosion. «Das gehört zum Geschäftsalltag», sagt Rizzo gegenüber «Newsweek». Der Mann, ein mutmasslicher Terrorist, ist soeben durch eine Predator-Kampfdrohne getötet worden. Der Abschussbefehl kam erst, als das Zielobjekt von Frau und Kind entfernt stand. «Die CIA versucht, wenn möglich, Unschuldige zu verschonen. Vor allem, wenn es um Frauen oder Kinder geht», erklärt Rizzo, der vor zwei Jahren in Rente ging und heute ein Buch über seine Lebensgeschichte schreibt.

Bis zu 30 Menschen gleichzeitig im Visier

Rizzo hat an der George Washington Universität Jura studiert und kam 1970 nur zufällig zur CIA. Jahrzehnte später, kurz nach 9/11, wurde er in ein Spezialprogramm des damaligen Präsidenten George W. Bush eingeteilt und blieb dort bis 2009. Bis zu 30 Terroristen gleichzeitig hätten sie manchmal von ihren Containern im Visier gehabt, sagt er. Viele von ihnen sind heute tot.

Mit unbemannten Drohnen – meistens mit Predators – geht die CIA gegen verdächtige Terroristen vor, die in der Öffentlichkeit bekannt sind. Auch Al-Qaida-Kämpfer in Pakistan werden so verfolgt und getötet. 1,2 Sekunden dauert die Übermittlung des Befehlsignals von den USA nach Pakistan. Seit Barack Obama an der Macht ist, hat die Anzahl der Drohnenanschläge, die meistens in Pakistan durchgeführt werden, stark zugenommen. Mittlerweile gehören sie zum festen Teil der Anti-Terror-Strategie der USA.

Wer wird zum Abschussopfer?

Doch über die genaue Vorgehensweise, wie die CIA ihre Abschussopfer auswählt, ist wenig bekannt. Man weiss nur: Mitarbeiter des Geheimdienstes wählen die Ziele aufgrund verschiedener Kriterien und auf systematische Weise aus. Präsident Barack Obama überprüft die Namen nicht.

Die Informationen der Geheimdienstes bilden also die Basis für einen Abschuss. Dann sehen sich aber Rechtsgelehrte jeden Fall nochmals genau an und argumentieren, weshalb ein Mensch eine Gefahr für die USA darstellt, oder eben nicht. Bis der definitive Entscheid gefällt ist, kann es lange dauern. Zu lange, findet Michael Scheuer, der bei der CIA tätig war. «Die Anwälte sind sehr pingelig. Schon oft haben wir eine einmalige Abschusschance verpasst, weil wir noch keinen definitiven Entscheid hatten.»

«Ich bin es, der den Abschussbefehl unterschrieben hat», prahlt Rizzo, der italienisch-irische Wurzeln hat. In Washington sei gar die Rede von einer «Abschussliste», auf der die Namen der Zielpersonen aufgelistet sein sollen. Vieles deutet aber darauf hin, dass eine solche offizielle «Liste» nicht existiert. So sagt ein Geheimdienstmitarbeiter, der gut mit den Drohneneinsätzen vertraut ist, gegenüber «Newsweek»: «Eine solche Liste habe ich noch nie gesehen.»

«Moral ist kein Thema»

Die CIA beharrt darauf, dass solche Morde per Fernsteuerung legal sind. Aber viele Fachleute beurteilen den Abschuss durch Kampfdrohnen als illegal. So auch Gary Solis von der Universität Georgetown: «CIA-Agenten, die unbemannte Luftwaffen steuern und damit Zivilisten gefährden, machen sich strafbar», sagt er.

Heute, einige Jahre nach seiner Zeit bei der CIA, klingen Rizzos Aussagen zynisch. «Wie viele Juraprofessoren können von sich behaupten, ein Todesurteil unterschrieben zu haben», sagt er. Er betont immer wieder, dass seine Arbeit mit aller Gründlichkeit und Vernunft vorbereitet gewesen sei. «Ich war immer darum bemüht, meine Arbeit so ‹sauber› wie möglich zu erledigen.» Im Moment arbeitet Rizzo an seinen Memoiren. Über den moralischen Aspekt von dem, was er über Jahre hinweg gemacht hat, möchte er lieber nicht reden.

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