Der Schweizer Käser, der die USA erobert hat

In sechzig Jahren ist Rothenbühler Cheese zu einer der blühendsten Grosskäsereien der USA geworden. Ein Auswanderer aus dem Kanton Bern hatte die Firma im US-Bundesstaat Ohio gegründet.

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Im blauen Himmel von Ohio wehen stolz nebeneinander die US-Fahne, eine Schweizer Fahne und das Berner Wappen. Die Hitze an diesem Julinachmittag ist erdrückend. Grosse Lastwagen fahren vor der Fabrik Ro-thenbühler Cheese vor. Täglich liefern die Camioneure nicht weniger als 500 Tonnen Milch.

Diese Grosskäserei ist eine der fünf grössten der USA. Das Unternehmen ist in sechzig Jahren auf zwei Hektaren in Mid­dlefield stetig gewachsen. Die kleine Stadt liegt verloren in den weiten Prärien des US-Hinterlandes. Ohne Zweifel steht Ro­thenbühler Cheese für den schweizerischsten aller «amerikanischen Träume».

Ann, die Witwe des Firmengründers, erinnert sich: «Hans ist mit sechs Jahren Waise geworden. Sein Vater war bereits Käser. Mein Mann war immer ein Träumer, aber auch ein Fleissiger und einer, dem das Glück winkte. Schon als Kind erzählte er in der Schule allen, dass er einmal in den Vereinigten Staaten Käse herstellen werde.»

«Mithilfe unseres Herrn . . .»

1950 erhörte das Schicksal die Gebete dieses jungen gläubigen Berners aus Hindelbank, indem es die Aufmerksamkeit von Hans auf eine Lokalzeitung lenkte. Darin stand die Anzeige, die sein ­Leben verändern sollte. Amerikanische Käserei sucht diplomierten Käser, hiess es sinn­gemäss.

Hans Rothenbühler bewarb sich auf der Stelle. Er erhielt den Job. Die Dauer der Anstellung wäre eigentlich für zwei Jahre vorgesehen gewesen. Allerdings war da Ann, eine charmante Studentin mit Schweizer Wurzeln, die Lehrerin werden wollte. Die angehende Pädagogin verdiente sich Feriengeld, indem sie im ­Laden der Käserei arbeitete . . .

«Hans und ich fingen an, uns zu treffen», erinnert sich die strahlende Achtzigerin. «Er hat mir immer Käse oder Rahm zu unseren Rendezvous mitgebracht. Er wusste, wie man das Herz einer Frau erobert!»

1951 heirateten die beiden. Fünf Jahre später übernahmen sie den Betrieb der Amischen- Käserei in Middlefield. Die Firma musste aber erst modernisiert werden. Es fehlten Elektrizität und motorisierte Transportmittel, da die religiöse Gemeinschaft der Amischen aus spirituellen Gründen die Moderne ablehnt. «Am 4. Juli 1956, dem Feiertag der amerikanischen Unabhängigkeit, konnten wir mithilfe unseres Herrn den ersten Laib Käse herstellen», erzählt die Clanchefin, die von ihren Kindern zutreffend als «Felsen mit einem Lächeln» bezeichnet wird.

Amische arbeiten mit

Die Jahre vergingen, und die Käserei wurde immer grösser. Die Milch kam ursprünglich aus der Region, heute bezieht die ­Firma den Rohstoff aus ­allen angrenzenden US-Bundesstaaten. Rothenbühler Cheese beschäftigt 50 Mitarbeiter, davon etliche Amische. «Eines Tages habe ich zu Hans gesagt: ‹Wir können doch nicht ewig wachsen!› Da hat er mir geantwortet, entschlossener als zuvor: ‹Aufhören zu wachsen heisst Rückschritt!›», sagt Ann.

Zum Entsetzen der Familienangehörigen endete sein Leben im Jahr 1984 abrupt. Er verunfallte beim Skifahren in Vail, einem Skigebiet im US-Bundesstaat Colorado, tödlich.

«Ich habe meinen Grossvater nicht gekannt und nicht gelernt, Schweizerdeutsch zu sprechen», sagt der 29-jährige Hans. Er ist eines von acht Grosskindern und führt mit seiner Ehefrau Cayla den Familienbetrieb weiter. «Aber er hat uns Werte vermittelt: den Glauben an Jesus Christus, den Respekt vor anderen Menschen und seine Leidenschaft für Bestleistungen und die Schweiz. Unsere Wurzeln liegen in diesem wunderbaren Land, und wir sind sehr stolz darauf. Aber ich glaube nicht, dass wir es geschafft hätten, ein Business in diesem Ausmass ins Leben zu rufen. Als Kinder besuchten wir jedes Jahr die Schweiz. Ich hatte sogar die Gelegenheit, zwei Monate lang Kurse in der Weinbauschule in Changins im Kanton Waadt zu besuchen.»

Koscherer Käse

Der junge Unternehmer mit der doppelten Staatsangehörigkeit hat eine Doktorarbeit über seine Schweizer Lieblingskäsesorten geschrieben: Raclette, Gruyère, Emmentaler und – sein Geheimtipp – Chällerhocker. Der selbst hergestellte Käse hat ebenfalls klingende Namen: «Middlefield Swiss Cheese», «Jungfrau» und «Ursario».

Das Sortiment ist breit aufgestellt: Das Unternehmen ist zertifiziert, um Käse mit den Gütesiegeln «halal», «koscher» sowie «ohne genveränderte Organismen» herzustellen. Die Produkte aus den USA sind nicht vergleichbar mit Schweizer Käse. «Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Amerikaner Käse mit zu viel Charakter nicht mögen. Also ­haben wir einen Swiss Cheese entwickelt, der eher ihrem Geschmack entspricht», sagt Hans Rothenbühler diplomatisch.

Der junge Käser verrät, dass sein Unternehmen soeben einen landwirtschaftlichen Betrieb gekauft hat, um Biomilch herzustellen und damit Käse zu ­machen, der «Amerika den Weg natürlicher Nahrung zeigt». Über seinem Kopf, auf dem Giebel des «Chalets», das als Firmen­museum dient, steht eine Inschrift aus der Bibel: «Der Mensch lebt nicht von Brot ­allein.»

Hans Rothenbühler hat das gut verstanden. Wie sein Grossvater lebt auch er von Käse und seinen Träumen.

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