Der Rüpel und der Streber

Der Schweizer Ökonom Lukas Rühli, tätig bei Avenir Suisse, zog Anfang Jahr fast gleichzeitig nach ­Washington wie Donald Trump, wenn auch nur für vier Monate. Sein Bericht fällt leise zuversichtlich aus.

Donald Trump und sein Vorgänger Barack Obama bei der Amtsübergabe im Januar 2017.

Donald Trump und sein Vorgänger Barack Obama bei der Amtsübergabe im Januar 2017. Bild: Keystone

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Diese Reaktion war neu. Diese Mischung aus Amüsement und einem Quäntchen Mitleid, mit der Freunde meine Ankündigung zur Kenntnis nahmen, ich würde fast zur gleichen Zeit wie Donald J. Trump in die amerikanische Hauptstadt ziehen. Ich für vier Monate, er für – vielleicht – vier Jahre. Ganz anders wäre das acht Jahre zuvor gewesen, als Barack Obama bei seinem Amtsantritt vor allem in ­Eu­ropa als Heilsbringer gefeiert wurde und man die USA endlich wieder ohne Scham ­mögen durfte.

Die amerikanische Seele vs. Washington

Nach acht Jahren als Ökonom in der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse soll mir der Aufenthalt in Washington einen Einblick in die Arbeitsweise angelsächsischer Thinktanks ermöglichen. Gleichzeitig erhoffe ich mir den einen oder anderen Blick in die amerikanische Seele, um die Trump-Wahl besser zu verstehen. Allerdings ist die Hauptstadt dafür wohl der schlechteste Ort der ganzen USA: In D. C. gingen 282 830 Stimmen für Hillary Clinton ein und 12 723 für Trump.

Die Entrücktheit Washingtons hat einen Namen. «Inside the Beltway» nennen die Amerikaner das Paralleluniversum aus Politikern, Beratern, Lobbyisten, Thinktanks und Medienvertretern. Mit Beltway ist der Autobahnring der Interstate 495 gemeint.

Die meisten verachten Trump, aber er belastet sie nicht

Erstaunlich ist, dass sich diese Stadt gar nicht wichtig anfühlt. Kaum etwas lässt vermuten, dass hier das Machtzentrum der Welt beheimatet ist. Mit knapp 700 000 Einwohnern ist Washington sozusagen eine Kleinstadt. Die Hälfte der Bevölkerung ist schwarz, 30 Prozent sind weiss, 15 Prozent Latinos. Eine Skyline findet man nirgends, denn schon 1910 wurde festgelegt, dass kein Gebäude höher sein darf als die Breite der angrenzenden Strasse plus 20 Fuss (6,1 Meter).

Ursprünglich wollte man sich bei der Höhenbeschränkung am Kapitol, dem Sitz des Parlaments, orientieren. Dieses Gebäude vermag immerhin zu beeindrucken. Das Weisse Haus steht hingegen ziemlich unscheinbar und weiträumig abgesperrt in der Downtown.

Ausserhalb des Zentrums ist das Stadtbild von schmalen ­Reihenhäuschen viktorianischen Stils geprägt. Das schaut nett aus, urban ist es nicht. Kein Wunder, dass Trump, der nur in Superlativen denkt und bei dem alles, inklusive seiner roten Krawatte, (zu) gross sein muss, eher widerwillig von seinen Trump Towers in New York City ins beschauliche Washington dislozierte.

Da diese Abneigung gegen­seitig ist, erwarte ich Washington in einem Zustand grosser innerer Unruhe. Ich rechne mit Frust, vielleicht Angst, Wut, zumindest mit ständigen Demonstrationen. Ich treffe wenig davon an. Demonstrationen finden statt, ja, aber sie wirken kaum weniger ­erzwungen als die üblichen Demonstrationen auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Trump ist nicht Voldemort. Man scheut sich nicht, über ihn zu reden, zu ­lästern, zu spassen. Die meisten verachten ihn, den wenigsten scheint er aber emotional eine Belastung zu sein. Das Vertrauen in die Institutionen ist gross, und Alltag bleibt ohnehin Alltag.

Unterschiede in den ­Ähnlichkeiten

Mal abgesehen vom in den USA ausgiebig gelebten Nationalstolz ist das Spektrum der politischen Ansichten dem mitteleuropäischen ähnlicher, als man aus der Singularität «Trump» zu schliessen geneigt ist. Die Medien­berichte unterscheiden sich kaum. Die Analysen deutschsprachiger Zeitungen orientieren sich an der «Washington Post» und der «New York Times». In der Schweiz werden also letztlich die amerikanischen News gelesen, nur eben auf Deutsch und ein paar Stunden später.

Es ist wohl viel eher so, dass man in der grundsätzlichen Ähnlichkeit die Unterschiede besser erkennt. Verschieden sind vor ­allem gewisse Begriffe. «The ­Liberals» sind in den Staaten die Linken, parteitechnisch bei den Demokraten anzusiedeln, die für die Homo-Ehe, legale Abtreibung und Drogenliberalisierung votieren, während sie die klassische amerikanische Freiheit des Waffen­besitzes kritisieren und Markteingriffe des Staates sowie eine stärkere Umverteilung von Reich zu Arm befürworten.

Wer für die Freiheit des Individuums nicht nur in sozialen, sondern auch in wirtschaftlichen ­Belangen einsteht, im europäischen Sinne also der klassische Liberale, nennt sich jenseits des Teichs Libertarian.

Meinen Aufenthalt verbringe ich beim Cato Institute, einer Speerspitze dieser libertären Bewegung, die sich weder bei den Republikanern geschweige denn bei den Demokraten richtig zu Hause fühlt. Die Konsequenz und intellektuelle Schärfe, mit der hier liberale Ideale verfochten werden, beeindrucken mich. Kaum einer, der nicht zu Diskursen über die Arbeiten der grossen Aufklärer und liberalen Leuchttürme wie Locke, Hume, Bastiat oder Hayek fähig ist. Man will hier weniger Macht in den Händen eines einzelnen Präsidenten, weniger Macht beim Zentralstaat, keine kriegerischen Aus­einandersetzungen im Ausland – man will eigentlich die Schweiz.

Eine fast schon ­enttäuschende Gelassenheit

Auch bei Cato begegnet man dem Phänomen Trump allerdings mit fast schon enttäuschender Gelassenheit. In den Gängen herrscht grösstenteils Business as Usual. Trump wird zwar als Missstand betrachtet, als Missstand allerdings, der überwunden werden wird. Scham spürt man keine. Präventive Rechtfertigungen, eine Spezialität der Schweizer, hört man kaum. Und einer klaren Mehrheit der Libertären ist ­Amerika unter Trump immer noch lieber als Europa – unabhängig davon, welche Politiker da gerade an der Macht sind.

Einige junge Libertäre – meist jene ohne Auslandserfahrung – haben gar ziemlich überzeichnete Vorstellungen von Europa als sozialistischem Albtraum, in dem die Freiheitsrechte des Individuums drastisch beschnitten sind. Es ist seltsam, so etwas aus einem Land zu hören, das mehr Menschen in Gefängnisse steckt als ­jedes andere, einen desaströsen Drogenkrieg führt, seine eigenen Bürger grossflächiger überwacht, als diese sich je vorstellen konnten, und in dem man auf offener Strasse kein Bier trinken darf.

Diese eigentlich typisch amerikanische Gelassenheit ist aber im Umgang mit Trump wahrscheinlich das richtige Rezept. Mit einer forcierten Amtsenthebung würden sich Trumps Gegner ins ei­gene Knie schiessen. Trumps Anhängerschaft ist bisher nicht deutlich erodiert. Nur 3 Prozent seiner Wähler bereuen ihre Entscheidung. Nach einer Amts­enthebung würden keine Neu­wahlen durchgeführt, sondern Trumps Vize, Mike Pence, käme an die Macht. Dessen politische Agenda ist keinen Deut besser als jene Trumps, noch dazu ist er intelligenter, was ihn – gerade mit dem Goodwill, dem man ihm in den Anfangszeiten wohl entgegenbrächte – wirkungsvoller machte als Trump.

Eine Chance für die USA und für Europa

Trumps Wahl kann sich im besten Fall als heilsam herausstellen, einerseits für Europa: Die populistischen Tendenzen schlagen sich hier seither plötzlich nicht mehr in Wahlerfolgen nieder. Anderseits für die USA selbst: Wahrscheinlich trägt Obama eine «Mitschuld» an Trumps Wahl. Mit seinem Intellekt, seiner menschlichen Grösse, seiner Besonnenheit und seiner grandiosen Eloquenz war Obama vielen Amerikanern emotionell nicht allzu nah. Sein tatsächlicher Erfolgsausweis war dann enttäuschend, gerade angesichts riesiger Vorschusslorbeeren wie dem Friedensnobelpreis.

Nachdem sie also gesehen hatten, wie der Streber gescheitert ist, wählten sie das Gegenmodell, den Bully. Die grosse Chance für Amerika ist es, während voller vier Jahre mit allen Konsequenzen mitzuerleben, wie das Gegenmodell noch viel grässlicher scheitert. Und sich lange genug daran zu erinnern.
Der AutorLukas Rühli ist Senior Fellow bei ­Avenir Suisse, der Denkfabrik der Schweizer Wirtschaft. Von Januar bis Mai weilte der Volkswirtschafter beim ­Cato
Institute. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.07.2017, 08:56 Uhr

Der AutorLukas Rühli ist Senior Fellow bei ­Avenir Suisse, der Denkfabrik der Schweizer Wirtschaft. Von Januar bis Mai weilte der Volkswirtschafter beim ­Cato Institute. (Bild: Mario Heller/zvg)

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