Der Anti-Trump

Bei der ersten öffentlichen Impeachment-Anhörung trat William Taylor auf. Er bestach mit allem, was dem Präsidenten fehlt.

Stundenlang wurden George Kent und Bill Taylor (l.), zwei hochrangige US-Diplomaten, am Mittwoch befragt. Video: Tamedia
Martin Kilian@tagesanzeiger

Das war er also, der historische Tag, ein Mittwoch wie wenig andere zuvor in Washington. Das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump trat in eine neue Phase, statt Soap-Operas und leichtes Entertainment boten alle grossen TV-Kanäle die erste öffentliche Anhörung im Fall eines Präsidenten, dem der zaghafte Sonderermittler Robert Mueller nicht wirklich nachstellen wollte, worauf sich der Glückspilz im Weissen Haus prompt in der nächsten Affäre verhedderte.

Von Moskau nach Kiew ging die Reise, und gestern begann die öffentliche Aufarbeitung – mit völlig ungewissem Ausgang. Während der Präsident im Weissen Haus seinen aus Ankara angereisten Gast Recep Tayyip Erdogan pries, mit dem er autoritäre Tendenzen sowie eine tiefe Verachtung der Medien teilt, bemühten sich die Demokraten auf dem Capitolshügel, den Amerikanern Trumps Treiben in und um Kiew verständlich zu machen.

Der Wahrheit verpflichtet

Als erste Zeugen riefen sie William Taylor, den US-Geschäftsträger in Kiew, sowie George Kent, im Aussenamt als Staatssekretär für die Ukraine zuständig. Diffamiert wurden die beiden schon vorab von Trumps republikanischem Fanclub wie vom Präsidenten selber. «Never Trumpers», also erklärte Trump-Feinde, seien die zwei Diplomaten, twitterte der Präsident, derweil seine Büttel von «ungewählten Karrierebürokraten» sprachen.

Falls Taylor und Kent bei ihren gestrigen Aussagen vor dem Geheimdienstausschuss den vom Präsidenten gern als Quelle aller seiner Übel bemühten «Deep State» repräsentierten, steht einem der Sinn nach mehr «Deep State»: Der Wahrheit verpflichtet und niemals willens, sich vor den demokratischen oder den republikanischen Karren spannen zu lassen, beantworteten die zwei Berufsdiplomaten die an sie gerichteten Fragen.

Weder Trump noch sein seltsamer Consigliere Rudy Giuliani kamen dabei gut weg. Ohne Emotionen schilderte das diplomatische Duo die private Aussenpolitik des Präsidenten und seines Chefintriganten. Und sie glänzten dort, wo Trump stets verblasst: bei der Wahrheit nämlich.

Offizier in einer Luftlandedivision im Vietnamkrieg, danach Karrierediplomat: Der US-Botschafter in Kiew, William Taylor. Foto: Reute

Besonders Taylor ist der Anti-Trump: Offizier in einer Luftlandedivision im Vietnamkrieg, danach Karrierediplomat, den ausgerechnet der windige Aussenminister Mike Pompeo aus dem Ruhestand holte und nach Kiew entsandte, wo Taylor schon einmal als Botschafter gedient hatte.

Der Mittwoch verging wie im Flug, doch ob er der demokratischen Sache dienlich war, steht in den Sternen. Obschon die republikanischen Getreuen des Präsidenten im Geheimdienstausschuss nicht viel zu bieten hatten. Manche ihrer Fragen zeugten von wuchernder Paranoia – Ukraine half 2016 Hillary Clinton! – , während andere darauf abzielten, die Ukraineaffäre als Petitesse hinzustellen: Kiew habe seine Waffen ja erhalten, Trump sich mithin keines Vergehens schuldig gemacht. Als ob nur Mord geahndet würde, nicht aber versuchter Mord.

Immerhin stellten sich der fernsehenden Nation mit William Taylor und George Kent zwei Figuren ohne Tadel vor, auf die zumindest jene amerikanischen Zuschauer stolz sein durften, die der tägliche Schwall trumpianischer Skrupellosigkeit noch nicht abgestumpft hat. Wie gesagt: Wenn so der «Deep State» aussieht, hätte man gern mehr davon.

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