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«Comandante Daniel» als Tyrann

Nicaragua ist zu einem Schurkenstaat geworden. Heute braucht es eine neue Solidaritätsbewegung – und vor allem mehr Aufmerksamkeit.

Ein Staat, eine Familie: Präsident Daniel Ortega, Vizepräsidentin Rosaria Murillo – seine Ehefrau. Foto: Alfredo Zuniga (AP, Keystone)
Ein Staat, eine Familie: Präsident Daniel Ortega, Vizepräsidentin Rosaria Murillo – seine Ehefrau. Foto: Alfredo Zuniga (AP, Keystone)

In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es ein Codewort für eine bessere Welt. Es stand für Basisdemokratie, Bildung für alle und kostenlose Gesundheits­versorgung, für Emanzipation, Solidarität und christliche Nächstenliebe, für landwirtschaftliche Koope­rativen, fair gehandelten Kaffee und naive Kunst. Dieses Wort hiess: Nicaragua.

Einst errichtete Ortega Barrikaden, jetzt lässt er jene ermorden, die Barrikaden errichten.

Heute bezeichnet dasselbe Wort einen zentralamerikanischen Schurkenstaat, in dem regierungstreue Schlägertruppen Jagd auf alle machen, die sich für die Demokratie einsetzen. Studenten, Rentner und Witwen werden niedergeschossen, Erwachsene, Kinder und Schwangere in ehemalige Folterzentren eingesperrt. Menschenrechtler zählen über 300 Tote seit Beginn der Proteste Mitte April. In vier Jahrzehnten hat sich Nicaragua vom Paradies der Friedensbewegten zur Hölle für Freiheitsliebende entwickelt. Es sind schon andere Utopien gescheitert, aber selten auf so zynische Art. Und einer der Weltverbesserer von damals ist der Schlächter von heute.

Jeder ein Poet

Nicaraguas Revolutionsführer Daniel Ortega hatte vielleicht keinen so schönen Bart wie Fidel Castro und keinen so guten Fotografen wie Che Guevara, aber dafür hatte er die Unterstützung der Priester und Poeten, also praktisch des ganzen Volkes, denn in Nicaragua ist fast jeder ein Poet. Ortegas sympathische Guerilleros von der Sandinistischen Front verjagten 1979 den Diktator Anastasio Somoza. «Nicaragua, Nicaragüita, jetzt, da du frei bist, liebe ich dich noch viel mehr», sangen sie. Und die halbe Welt sang mit, allen voran die europäische Linke.

Bilder: Ausschreitungen in Nicaragua

«Ich hoffe, dass wir in einen Dialog treten können, der zu Frieden, Stabilität und Sicherheit in unserem Land führt»: Nicaraguas Präsident Daniel Ortega. (Archivbild)
«Ich hoffe, dass wir in einen Dialog treten können, der zu Frieden, Stabilität und Sicherheit in unserem Land führt»: Nicaraguas Präsident Daniel Ortega. (Archivbild)
AFP
In Nicaragua ist es seit dem 18. April 2018 zu tödlichen Zusammenstössen gekommen.
In Nicaragua ist es seit dem 18. April 2018 zu tödlichen Zusammenstössen gekommen.
AP Photo/Alfredo Zuniga
Mit der Reform will die Regierung das Millionendefizit in Nicaraguas Sozialsystem verringern.
Mit der Reform will die Regierung das Millionendefizit in Nicaraguas Sozialsystem verringern.
AP Photo/Alfredo Zuniga
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Vielleicht tut sich manch Altlinker auch deshalb schwer mit der Einsicht, dass sich «Comandante Daniel» im Alter von 72 Jahren endgültig in einen ­Tyrannen verwandelt hat. Einst errichtete er Barrikaden, jetzt lässt er jene ermorden, die Barrikaden errichten.

Die Revolution, die sich selbst verrät, und im Rausch des Triumphs ihre Kinder frisst, das ist ein Leitmotiv der Weltgeschichte. Angefangen im jakobinischen Frankreich, vielfach kopiert in Afrika, Südostasien und nicht zuletzt in Lateinamerika, wo die zähesten Despoten stets als heldenhafte Befreier angefangen haben: der Mexikaner Porfirio Díaz, die kubanischen Castro-Brüder und eben auch Ortega.

Nicaragua: Mehrere Menschen sterben bei anhaltenden Protesten gegen die Rentenreform. Video: Tamedia/Reuters

Dass sich die Revolutionsbewegungen auf diesem Subkontinent so konsequent ins Chaos bewegen, hängt gewiss auch mit dem anderen Amerika zusammen. Die Vereinigten Staaten haben den Utopien in ihrem Hinterhof nie eine Chance gegeben. Im Fall von Nicaragua ging es darum, ein zweites Kuba zu verhindern. Präsident Ronald Reagan rüstete ehemalige Schergen Somozas zu den berüchtigten Contras auf und zettelte damit einen Bürgerkrieg an, in dem 30 000 Menschen starben. Wenn es in der Lateinamerikapolitik der USA einen roten Faden gibt, dann besteht er darin, ehemals linken Idealisten allgemein verständliche Rechtfertigungen für ihre Autokratien zu liefern.

Das schmälert aber nicht den Eigenbeitrag Daniel Ortegas am aktuellen Desaster. Der christliche Dichter ­Ernesto Cardenal, einer der intellektuellen Köpfe der sandinistischen Befreiung, datiert den Selbstmord seiner Revolution auf das Jahr 1990. Damals gab es noch freie Wahlen in Nicaragua, und die FSLN wurde überraschend abgewählt. Vor der Machtübergabe bediente sich ein Teil der Führungsriege aber noch rasch an Grundstücken, Immobilien und Unternehmen aus Staatsbesitz. Jeder Nicaraguaner kennt das heute als die ­Piñata, den Bonbonregen. Ortega, der aus armen Verhältnissen stammt, ist seither Multimillionär.

Anderthalb Jahrzehnte brauchte er, um wieder an die Macht zu gelangen, diesmal ist er wild entschlossen, sie nicht mehr herzugeben, und geht dafür über Leichen. Cardenal und die meisten anderen ehemaligen Genossen gehören heute zu seinen schärfsten Kritikern, denn Ortega verkörpert alles, was die Sandinisten einst bekämpft hatten. Er errichtete einen Einfamilienstaat mit seiner Frau als Vizepräsidentin und seinen Kindern als Grosskapitalisten. Als er aber im April friedliche Proteste niederknüppeln liess, die sich an einer Rentenkürzung entzündeten, hat er sich grob verschätzt. Seitdem ist eine Revolution gegen den Revolutionsverkäufer im Gange, die ihn hoffentlich aus dem Amt fegen wird.

Dafür bräuchte es knapp 40 Jahre danach aber eine neue Soli-Bewegung für Nicaragua. Sie müsste in internationalem Druck bestehen, am besten ideologiefrei von links wie von rechts. Und es wäre schon ein Anfang, wenn die sogenannte freie Welt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit aufbrächte für das Unrecht in diesem kleinen Land, das einmal voller grosser Träume steckte.

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