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«Bin Laden hatte keine Absicht zu kämpfen»

Das Buch eines amerikanischen Elitesoldaten über die Tötung des Al-Qaida-Chefs sorgt in den USA für Wirbel. Im Gegensatz zur Regierung deutet der Seal an, Bin Laden sei ohne Gegenwehr erschossen worden.

Im Innern der Villa: Videoaufnahmen des Fernsehsenders ABC zeigen ein Schlafzimmer von Osama Bin Ladens Unterschlupf. (2. Mai 2011)
Im Innern der Villa: Videoaufnahmen des Fernsehsenders ABC zeigen ein Schlafzimmer von Osama Bin Ladens Unterschlupf. (2. Mai 2011)
Keystone
Das Schlafzimmer mit einem grossen Bett hat nur eine Reihe schmaler Fenster.
Das Schlafzimmer mit einem grossen Bett hat nur eine Reihe schmaler Fenster.
Keystone
Einer der Söhne Osama Bin Ladens, Omar Bin Laden, in Saudiarabien im Jahr 2007.
Einer der Söhne Osama Bin Ladens, Omar Bin Laden, in Saudiarabien im Jahr 2007.
Reuters
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Auszüge aus einem Enthüllungsbuch über die tödliche Kommandoaktion gegen Osama Bin Laden sorgen für Wirbel. Der Autor, der nach eigenem Bekunden an der Aktion in Pakistan im Mai 2011 teilnahm, wies unterdessen einen politischen Hintergrund der Veröffentlichung von sich. Das für kommende Woche geplante Erscheinen seines Buches solle auch nicht als Einflussnahme auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA verstanden sein, erklärte der unter dem Pseudonym Mark Owen schreibende Autor in einem CBS-Interview laut Vorabbericht. Owen tritt in dem Interview mit einer Maske und verfremdeter Stimme auf.

Das ehemalige Mitglied der Elitetruppe Navy Seals widerspricht in seinem Buch offiziellen Angaben der US-Regierung zu den Todesumständen des Terrorchefs. In «No Easy Day» («Kein einfacher Tag») legt Owen nahe, dass von Bin Laden zum Zeitpunkt seiner Tötung durch Mitglieder der Navy Seals keine unmittelbare Gefahr ausgegangen sei.

Die Seals schossen, bis er sich nicht mehr bewegte

Der Autor erklomm nach eigenen Angaben hinter dem ersten Soldaten des Trupps die Treppen. Der Führer des Kommandos habe einen Mann aus einer Tür in das Treppenhaus blicken sehen. Dann habe er zwei von einem Seal-Mitglied abgefeuerte Schüsse gehört, schreibt Owen. Ob sie trafen, wisse er nicht. Er sei mit den anderen Seals ins Zimmer gestürmt und hätte einen Mann vorgefunden, der sich in einer Blutlache gekrümmt habe. Auf der rechten Seite seines Kopfes habe ein deutlich sichtbares Loch geklafft, zwei Frauen hätten sich schluchzend über seinen Körper gebeugt. Als sie ihm dann das Blut vom Gesicht gewischt hätten, seien sie sicher gewesen, dass es sich um Bin Laden gehandelt habe.

Der erste Soldat habe die zwei Frauen beiseitegeschoben, schrieb der Autor weiter. Dann hätten er und weitere Seals Schüsse auf Bin Laden abgefeuert, bis er sich nicht mehr bewegt habe.

Im Widerspruch zur offiziellen Darstellung

Die Darstellung der Ereignisse widerspricht Angaben der US-Regierung, wonach die US-Spezialkräfte erst dann auf Bin Laden schossen, als dieser sich in das Schlafzimmer zurückgezogen hatte. Dort, vermuteten sie, habe er nach einer Waffe greifen wollen. Das Buch könnte erneut Fragen aufwerfen, ob Bin Laden von vornherein getötet werden sollte.

Laut der «Huffington Post» schreibt Owen im Buch, das bisher nur grossen amerikanischen Medien vorliegt, dass bei einem Briefing vor der Mission ein Anwalt zugegen war, der entweder vom Pentagon oder vom Weissen Haus gesandt worden war. Dieser habe «klar gesagt, dass diese Mission keine Ermordung sei», schreibt Owen. «Wenn er keine Gefahr darstellt, werden Sie ihn gefangen nehmen», sagte der Anwalt gemäss Owen.

Weiter schreibt der ehemalige Elitesoldat, er hätte in Bin Ladens Raum zwei Waffen gefunden, ein AK-47-Gewehr und eine Makarov-Pistole. Die Magazine beider Waffen seien aber leer gewesen. «Bin Laden hatte keinerlei Vorbereitung zur Verteidigung getroffen. Er hatte keine Absicht zu kämpfen. Er verlangte von seinen Anhänger während Jahrzehnten, Sprengstoffgürtel zu tragen und Flugzeuge in Gebäude zu fliegen, griff aber nicht einmal nach seiner Waffe», schreibt Owen laut «Huffington Post» in seinem Buch.

Soldat musste auf Bin Ladens Leiche sitzen

Die US-Regierung hatte zudem betont, die Leiche Bin Ladens sei würdig behandelt und nach muslimischem Ritus im Meer bestattet worden. Dem Buch des Augenzeugen zufolge sass während des Hubschrauber-Fluges auf Pakistan jedoch ein Mitglied der Seal-Truppe auf dem Brustkorb des Toten, weil es an Bord nicht genug Platz gab.

Ein US-Regierungsbeamter sagte der Nachrichtenagentur AFP, selbst wenn die Schilderung des Augenzeugen stimmen sollte, handele es sich nicht um ein Zeichen mangelnden Respekts. Vielmehr habe das Spezialkommando bei der Landung in Bin Ladens Versteck einen Helikopter durch einen Unfall verloren. Daher sei der einzige verbleibende Hubschrauber überfüllt gewesen. Bei Hubschrauberflügen nach anderen Einsätzen in der Vergangenheit hätten US-Elitesoldaten auf den Leichen ihrer eigenen gefallenen Kameraden sitzen müssen, betonte der Regierungsbeamte.

Verlag verlegt Veröffentlichung vor

Der Verlag Dutton hat angekündigt, das Buch statt wie geplant am 12. September bereits am 4. September zu veröffentlichen. Wie der Nachrichtensender CNN berichtet, hat der Verlag zudem die Auflage auf 575'000 Exemplare erhöht.

Das US-Verteidigungsministerium hat mit der Überprüfung des Enthüllungsbuchs begonnen, um es auf möglichen Geheimnisverrat hin zu untersuchen. Jihadisten riefen im Internet zum Mord am Autor auf.

dapd/AFP/mw

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