Trumps Bilanz ist nicht great

US-Präsident Donald Trump ist seit einem halben Jahr im Amt. Im Wahlkampf hat er versprochen, er werde dafür sorgen, dass es mit der US-Wirtschaft aufwärtsgehe. Zeit für eine erste Zwischenbilanz anhand harter Wirtschaftsdaten.

Trump demonstriert Schlagkraft: Bei seiner «Made in America»-Aktion greift er zum Baseballschläger. Mit der verbalen Keule hat er seit dem Wahlkampf für viel Ungewissheit auch in der Wirtschaft gesorgt. Bild: Keystone

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«Make America great again»: Er werde Amerika wieder grossartig machen, das versprach Donald Trump im Wahlkampf. Mit der zu diesem Slogan passenden Abkürzung #Maga feiert er seither auf seinem Lieblingskommunikationskanal Twitter Erfolge. Für Kritiker ist seine America-First-Politik dagegen gaga. Die Bilanz der ersten sechs Monate von Trumps Präsidentschaft fällt durchzogen aus.

Wichtige Wählerstimmen hatte Trump bei den «blauen Kragen» geholt, so werden die Arbeiter in den USA wegen der Farbe ihrer Schutzanzüge genannt. Mit seinem Versprechen, die darbende Industrie im Rostgürtel der USA wieder aufzurichten, überzeugte der Republikaner dort die traditionell demokratische Wählerschaft für sich.

Doch hat Trump bereits für ein Jobwunder gesorgt? Nicht wirklich. So holte er einige Arbeitsplätze von Autobauern unter grossem Getöse zurück in die USA. In der gesamten US-Indus­trie entstanden von Januar bis ­Juni 74'313 neue Arbeitsplätze. In der Vergleichsperiode seiner Vorgänger George H. W. Bush (1989 bis 1993), Bill Clinton (1993 bis 2001) und George W. Bush (2001 bis 2009) hatte die Industrie noch über 100'000 Jobs geschaffen.

Nur unter Barack Obama (2009 bis 2017) gab es jeweils in den ersten sechs Monaten weniger neue Industriejobs als unter Trump. Obama übernahm jedoch eine Wirtschaft, die Anfang 2009 in einer schweren Rezession infolge der Finanzkrise steckte. Über längere Zeit betrachtet ist klar: In der amerikanischen Industrie entstehen weniger neue Arbeitsplätze.

Arbeitslosigkeit leicht tiefer

Positiv, aber nicht überwältigend ist die Zwischenbilanz auch bei der Arbeitslosigkeit über alle Wirtschaftszweige gesehen. In den ersten sechs Monaten 2017 sank die Arbeitslosenquote um 0,4 Prozentpunkte. Das ist die beste Halbjahresbilanz seit der ersten Amtszeit von Präsident Bill Clinton 1993.

Im Juni 2017 betrug die Arbeitslosenquote 4,4 Prozent. Zwar stieg sie damit gegenüber dem Vormonat um minime 0,1 Prozentpunkte, weil wieder mehr Amerikaner auf Jobsuche sind. Allerdings gab es ähnlich tiefe Werte auf dem US-Arbeitsmarkt zuletzt im ersten Amtsjahr von Präsident George W. Bush im Jahr 2001.

Noch im Wahlkampf 2016, konfrontiert mit der starken Erholung des Arbeitsmarktes in der Ära des Demokraten Barack Obama, geisselte der republikanische Kandidat Donald Trump die Arbeitslosenzahlen seines Landes als «erfundene Daten». Das Amt für Arbeitsstatistik widerspiegle so die wahre Lage der US-Wirtschaft nicht korrekt. Diesen Monat ruderte er als US-Präsident auf Twitter zurück: Die ­aktuellen Daten zum Arbeitsmarkt bezeichnete er als «unsere grossartigen Jobzahlen».

Keine «Fake-News», denn im Juni 2017 kamen nach der Statistik 222'000 neue Arbeitsplätze hinzu, was auf eine Beschleunigung des Jobwachstums hindeutet. Die grosse Anzahl von Teilzeitbeschäftigten und die nur langsam steigenden Löhne sind jedoch ein Hinweis dafür, dass sich der Arbeitsmarkt in den USA noch immer nicht völlig von der schweren Rezession im Jahr 2007 erholt hat.

Wallstreet auf Höhenflug

Die Arbeitslosigkeit reagiert ­allerdings relativ langsam auf Wechsel in der Politik. Bevor sie Stellen streichen oder aufbauen, passen Unternehmen zuerst ihre Investitionen in anderen Bereichen an. Offenbar sind die ausländischen Investitionen in den USA nach dem Wahlsieg von Trump stark zurückgegangen. Nach Medienberichten betrug das Minus gemäss vorläufigen Zahlen im ersten Quartal 2017 fast 40 Prozent. Demnach schrecken Trumps protektionistische Tendenzen ausländische Investoren ab, oder die Folgen seiner Politik sind zumindest nur sehr schwer einzuschätzen.

Unmittelbar, teils in Bruchteilen von Sekunden, reagieren die Börsenkurse auf Trumps Reden und Tweets. Im Wahlkampf hatte er noch wenig Kredit, aber selten haben sich Börsenexperten so vertan wie bei Donald Trump: Unter seiner Präsidentschaft werde der Dow-Jones-Index im besten Fall in einen steilen Sinkflug geraten, im schlechtesten Fall sogar zusammenbrechen, warnten sie im Wahljahr 2016. Nichts davon ist bis jetzt eingetreten. Die Börsenkurse sind in die Höhe geschnellt, getragen vorab von Dow-Jones-Firmen.

Die Aussicht auf Deregulierung sowie Steuererleichterungen für Unternehmen und somit auf ­höhere Gewinne beflügeln die ­Finanzmärkte in den USA. Im ersten Halbjahr der Präsidentschaft Trump ist der Dow-Jones-Index um über 9 Prozent auf das Allzeithoch von 21'600 Punkten geklettert. Verglichen mit seinen vier Vorgängern im Weissen Haus ist das die beste Bilanz für die ersten sechs Monate einer ersten Amtszeit

Die Börse ist von den politischen Turbulenzen aus Washington aber nicht ganz gefeit. Als Präsidentensohn Donald Trump Jr. am 11. Juli seine E-Mails zur Russland-Affäre veröffentlichte, brachen die Kurse im Tagesverlauf ein. Die Anleger haben im Hinterkopf: Die Sprunghaftigkeit von Trumps Handeln könnte den Optimismus an den Börsen jederzeit abrupt bremsen.

Dollar schwächelt

Deutlich abwärts ging es mit dem US-Dollar. Zum Euro und zum Franken verlor der Greenback rund 5 Prozent. Das verbilligt zwar amerikanische Exporte und macht umgekehrt ausländische Produkte in den USA teurer. Dies ist im Sinne von Trump. Eine schwächelnde Währung passt aber nicht zum Ansatz, Amerika wieder stark zu machen.

Warum verlor der Dollar an Wert, wenn doch die US-Wirtschaft robust wächst und die US-Notenbank den Leitzins erhöht hat? Finanzmarktanalyst Joe Prendergast von der Grossbank Credit Suisse erinnert zuerst an die französischen Wahlen, wo mit Emmanuel Macron ein vehementer Befürworter von EU und Euro gewonnen hat. Die Wirtschaft der Eurozone entwickle sich bemerkenswert gut, sagt Prendergast, das stütze den Euro, während in den USA die Teuerung nachlasse.

Im Juni sind die Preise für Güter und Dienstleistungen gar stabil geblieben, was vor allem mit den tiefen Benzinpreisen zu tun hat. Somit wächst der Druck auf die US-Notenbank, mit weiteren Zinserhöhungen zuzuwarten. Das lastet auf dem Wert des Dollars, weil somit die Geldmenge grösser bleiben würde als bislang erwartet. Trump könnte mit seiner Wirtschaftspolitik noch für zusätzliche Unsicherheit sorgen: Sollte er tatsächlich Strafzölle einführen, könnten die Preise wieder steigen und die Inflation anfeuern.

Schweizer Exporte im Plus

Verunsichert ist auch der Gesundheitssektor, weil Trump mit der Abschaffung von Obamacare zum wiederholten Male gescheitert ist. Damit bleibt unklar, wie es mit der obligatorischen Krankenversicherung weitergeht. Zudem hatte Trump Pharmafirmen dafür ­gerügt, dass sie mörderisch hohe Medikamentenpreise verlangen würden.

Für die Schweiz sind die Pharmaexporte in die USA zentral. 2016 beliefen sie sich auf einen Wert von über 16 Milliarden Franken. Samuel Enderli vom Branchenverband Interpharma äussert sich zurückhaltend zu Trump: «Die Pharmabranche steht mit der neuen Administration im Dialog und geht nach wie vor davon aus, dass die USA innovations- und forschungsfreundlich bleiben und Patientinnen und Patienten weiterhin von einem raschen Zugang zu neuen Therapien profitieren werden.»

«Wir gehen davon aus, dass die USA forschungs- und innovationsfreundlich bleiben.»Samuel Enderli, Interpharma

Viele Schweizer Unternehmen betreiben in den USA Forschungszentren und Produktionsstandorte. «Wir gehen davon aus, dass dies so bleiben wird», sagt Enderli von Interpharma. Der Verband hofft, dass auch die Schweizer Pharmaunternehmen von einer Senkung der Unternehmenssteuern in den USA profitieren können.

Gesamthaft nahmen die Schweizer Exporte in die USA von Januar bis Mai (Junizahlen liegen noch nicht vor) um robuste 4,6 Prozent auf 13,4 Milliarden Franken zu. Seit dem Jahr 2013 weisen die USA mit der Schweiz wieder eine negative Handels­bilanz aus. Das heisst, dass die Vereinigten Staaten wertmässig mehr Güter aus der Schweiz importieren als in die Schweiz exportieren. Dieser Trend geht in diesem Jahr weiter: Von ­Januar bis Mai betrug das Handelsdefizit der USA mit der Schweiz bereits 5,6 Milliarden Dollar.

Guter Partner

Diese Ausgangslage könnte für die Schweiz zusehends unangenehm werden, denn Donald Trump hat Ländern mit einem Überschuss im Aussenhandel den Kampf angesagt und mit Strafzöllen gedroht. Doch Martin Naville, Direktor der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer, beruhigt: «Für die USA hat die Schweiz die wirtschaftspolitische Bedeutung eines Bundesstaats New Jersey, ist also völlig irrelevant. Allerdings müssen wir verhindern, dass wir auf eine Beobachtungsliste kommen.»

«Wir sind als grosse Investoren in den USA die Guten.»Martin Naville, Handelskammer Schweiz-USA

Das erreiche die Schweiz, indem sie auf das Gesamtbild der wirtschaftlichen Beziehungen hinweise. Die Aussenhandels­bilanz sei ausgeglichen, wenn man nicht nur Güter, sondern auch Dienstleistungen berücksichtige. «Und wir sind als grosse Investoren in den USA die Guten», sagt Naville.

Fazit: Die US-Wirtschaft läuft gut, aber längst nicht überall grossartig. Trumps Politik sorgt an der Wallstreet für Höhenflüge. Die Arbeitnehmenden haben aber noch nicht viel davon, und bei Handelspartnern ist Verunsicherung spürbar. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.07.2017, 09:11 Uhr

Tweets von Donald Trump

Länder erheben auf US-Firmen Steuern oder Strafzölle, während die USA von ihnen nichts oder wenig verlangen. Wir sollten ihnen dasselbe berechnen wie sie uns! (4. Februar 2017)



45'000 Bau- und Industriejobs in der Region der US-Golfküste. $20 Milliarden Investition. Wir sind schon wieder am Gewinnen Amerika! (6. März 2017)



Die Börse erreicht ein neues Hoch mit Tatkraft und Enthusiasmus – so positiv. Die Jobaussichten sehen sehr gut aus! #Maga (13. Juli 2017)

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