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Arbeitslos – sogar in Castro-Land

In Kuba wankt ein Pfeiler des Sozialismus: die staatlich verordnete Vollbeschäftigung. Und der Staatschef will wahre Liebe zur Arbeit fördern.

Arbeitsteilung in Havanna: Einer schippt, und die Kollegen zeigen Interesse.
Arbeitsteilung in Havanna: Einer schippt, und die Kollegen zeigen Interesse.
Keystone

In einem Sanierungsobjekt in der Altstadt von Havanna streicht ein Arbeiter die Wand. Zwei schauen zu. Der vierte Kollege hält ein Nickerchen im Schubkarren, und zwei weitere sitzen am Randstein und machen Zigarettenpause. Präsident Raul Castro schreckte die Nation vor einer Weile auf mit der Bemerkung, einer von fünf Werktätigen könnte überflüssig sein. Auf der Baustelle in der Calle Obispo scheint das Verhältnis eher umgekehrt.

Kein ungewöhnlicher Anblick im karibischen Sozialismus. Fast jeder Beschäftigte arbeitet für Vater Staat und die offizielle Arbeitslosenzahl ist verschwindend gering. Doch der Lohn ist so niedrig, dass der Spruch umgeht: «Der Staat tut so, als ob er uns bezahlt, und wir tun so, als ob wir arbeiten.»

Eingeständnis auch vom Staatschef

Angesichts des riesigen Haushaltsdefizits hat die Regierung jetzt angedeutet, dass der aufgeblähte Personalbestand reduziert oder umstrukturiert werden könnte. Das sorgt für Unruhe, war doch der garantierte Arbeitsplatz ein Pfeiler der Revolution 1959. Einzelheiten, wie und wann gekürzt werden könnte, fehlen bislang. Doch es war Raul Castro höchstselbst, der einräumte, dass Einschnitte notwendig sind.

«Wir wissen, dass Hunderttausende unnötige Arbeitskräfte in den Haushaltsplänen und Arbeitsbüchern stehen. Und manche Experten schätzen, dass der Überfluss an Stellen eine Million übersteigt», sagte der Staatschef, der vor vier Jahren für seinen kranken Bruder Fidel nachgerückt war. Kuba zählt insgesamt 5,1 Millionen Beschäftigte bei einer Einwohnerzahl von 11,2 Millionen.

In seiner Rede im April ging Castro auch hart mit denjenigen ins Gericht, die ihren Lohn nicht wirklich verdienen. «Wenn die Menschen kein Bedürfnis verspüren, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, wenn sie von übermässig paternalistischen und irrationalen Vorschriften geschützt sind, werden wir nie die Liebe zur Arbeit wecken», sagte er. Tatsächlich hat eine Arbeitsmarktreform vielleicht schon begonnen, wenn auch langsam.

Zwangsurlaub oder auf das Land

Beschäftigte der Tourismusbranche berichten, dass einige ihrer Kollegen in den ruhigen Sommermonaten beurlaubt oder der Landwirtschaft zugewiesen wurden. «Jetzt in der Nachsaison hat das Hotel, in dem ich arbeite, viele Leute für zwei, drei Monate nach Hause geschickt», sagt Orlando, ein Koch im Badeort Varadero. «Das ist ganz schön hart, weil man dann gar keinen Lohn erhält.» Seinen vollen Namen will er wie viele andere nicht nennen, weil er keine Schwierigkeiten bekommen will. «Ich habe Glück, dass ich meine Stelle noch habe.»

Veronica, Empfangsdame in einem anderen Hotel in Varadero, befürchtet, im August nach Hause geschickt zu werden, wenn das Haus nur halb belegt ist. «Manchmal bieten sie Alternativen an, einen Fortbildungskurs oder eine andere Stelle», sagt sie. «Aber manchmal, wenn die Leute zum Beispiel in die Landwirtschaft geschickt werden, dann gehen sie einfach.»

«Keine massiven Entlassungen»

Gerüchten zufolge könnten in manchen Branchen bis zu einem Viertel der Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren beziehungsweise aufs Land oder auf den Bau delegiert werden. Doch Arbeitsministerin Margarita Gonzalez hat versprochen, dass es «keine massiven Entlassungen nach Art neoliberaler Kürzungen» geben werde. Nach Auffassung des Generalsekretärs der Einheitsgewerkschaft, Salvador Valdes Mesa, bedeutet Umstrukturierung, dass überzählige Beschäftigte anderswo eingesetzt und nicht entlassen werden.

Als Folge der weltweiten Finanzkrise und der Milliardenschäden durch drei Wirbelstürme 2008 ist ein Defizit von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufgelaufen, so dass Kuba Kredite unter anderem aus China nicht zurückzahlen kann. Die Ausgaben für Importe von Lebensmitteln und anderen Bedarfsgütern wurden 2009 um rund ein Drittel zurückgefahren. Doch das reicht nicht aus, das Defizit aufzufangen. Die kubanischen Politiker hätten monatelang über Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsreformen debattiert, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und Kuba-Experte Carmelo Mesa-Largo. Sie wüssten schon, was nottäte, stünden aber vor einer Frage des politischen Überlebens.

Wenig Lohn – geringe Motivation

95 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Staatsbetrieben. Die Arbeitslosenquote lag voriges Jahr bei 1,7 Prozent und war seit acht Jahren nicht höher als drei Prozent. Da sind aber Tausende nicht eingerechnet, die nach einem Job für durchschnittlich 15 Euro Monatslohn gar nicht erst suchen.

So gering wie der Lohn ist auch die Produktivität. In einer Cafeteria auf der Calle Obispo, der Einkaufsmeile der Altstadt, gibt es Softeis und belegte Brote für den Gegenwert von ein paar Cent. Entsprechend mager fallen Lohn und Trinkgeld aus, entsprechend motiviert ist das Personal. Drei Kellner sitzen an der Theke und reissen Witze. Der vierte arbeitet als einziger, er kocht Kaffee für drei Tische. Die Kassiererin starrt in die Ferne, der Koch flirtet mit einem Mädchen, und der Vorgesetzte sitzt untätig herum.

dapd/Anne-Marie Garcia

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