Wie am 11. September zehn Waisen zusammenrückten

Am 11. September 2001 verloren rund zehntausend Kinder ihre Mutter, ihren Vater oder beide Eltern. Fünfzehn Jahre später blicken die zehn Waisen des Feuerwehrmanns Frank Palombo auf eine Zeit der Herausforderung und der Hoffnung zurück.

Durch dick und dünn: Die zehn Kinder des getöteten Feuerwehrmanns Frank Palombo halten zusammen.

Durch dick und dünn: Die zehn Kinder des getöteten Feuerwehrmanns Frank Palombo halten zusammen.

(Bild: Claudia Morales)

Tommy (24) trägt stolz die gleiche Uniform, die sein Vater Frank ­anzog, als er vor fünfzehn Jahren mit seinen Kameraden von der «Ladder 105» zum World Trade Center ausrückte. Auf dem Rücken prangt wie bei seinem väterlichen Helden in reflektierenden Buchstaben der Name «Palombo». Die New Yorker Feuerwehr erlaubte Tommy sogar, die Iden­tifikationsnummer zu übernehmen. Nun steht auch auf seinem Schutzhelm die Zahl 10'871.

«Darauf habe ich die ganzen Jahre hingearbeitet», sagt Tommy Palombo den Reportern von CNN, die das Leben des jungen Mannes und seiner neun Geschwister dokumentierten. Eine eindrucksvolle Geschichte voller Schicksalsschläge, Hingabe und Liebe, die zeigt, wie eine Familie durch blossen Zusammenhalt ­jede Hürde nahm und heute optimistisch in die Zukunft blickt.

Stark geprägt von Vaters Tod

Tommy war neun Jahre alt, als sein Vater unter dem Südturm des World Trade Center begraben wurde. Dass er sich nicht verabschieden konnte, belastete ihn ebenso sehr wie die Tatsache, dass nichts ausser der Erinnerung und Gefühlen für ihn übrig blieben.

Umso mehr bedeutet dem im Mai frischgebackenen Feuerwehrmann die Uniform mit dem Namen und die Marke mit der Nummer. «Ich ehre den Namen meines Vaters, indem ich anderen nun helfen kann», beschreibt Tommy seine Berufung, die eine Losung auf der Feuerwache in der Dean Street vorwegnahm: «Aber meine Söhne haben Söhne, die so mutig sind wie deren Väter», heisst es da.

Für Tommy stand die Berufswahl lange fest. Wie auch seine neun Geschwister Karrieren einschlugen, die ihre Erfahrungen der fünfzehn Jahre seit dem Tod ihres Vaters reflektierten. Anthony, der Älteste der Palombos, teilt die tiefe Frömmigkeit des katholischen Feuerwehrmanns und bereitet sich auf das Priesteramt vor.

Joe, der das Budget der Familie managte, die Hilfe aus der Pensionskasse der Feuerwehr, aus dem 9/11-Familienfonds sowie private Zuwendungen erhielt, ist heute Buchhalter. Patrick, der für seine Geschwister kochte, macht eine Ausbildung zum Küchenchef. Und Maria, die ältere der beiden Töchter, arbeitet als Krankenschwester auf der Krebs­station.

Zuversicht trotz Rückschlägen

Letztere Entscheidung hat mit dem anderen Schicksalsschlag zu tun, der die Palombos ereilte. Nur wenige Jahre nachdem Mutter Jean mit zehn Kindern im Alter von elf Monaten bis fünfzehn Jahren alleine zurückblieb, erkrankte diese an Darmkrebs. Nach langem Kampf verstarb sie im August 2013 mit nur 53 Jahren im Kreise ihrer Kinder und fast hundert Freunden aus der Kirche, die zu dem Haus der Familie in New Jersey gekommen waren.

Die Geschwister rückten einmal mehr zusammen und beschlossen, sich umeinander zu kümmern. Vor allem um die beiden jüngsten, Stephen und Maggie, die noch zur Schule gehen. Mit Ausnahme des verheirateten Bruders Frank und des Priesteramtskandidaten Anthony leben sie bis heute in dem geräumigen Haus in Ridgewood, in das die ­Familie nach dem Tod des Vaters von Brooklyn umgezogen war.

«Wenn wir alle unsere eigenen Wege gegangen wären, sähe es für uns schlimm aus», beschwört Maria die Kraft des Zusammenhalts der Familie. Ein Erbe, das die zehn Palombos von ihren Eltern übernommen haben, die nie viel Geld, aber umso mehr Zuneigung füreinander hatten. Frank und Jean lebten von dem Glauben, dass Gott schon für sie sorgen werde, wenn sie sich ihm nur anvertrauten.

Diese Zuversicht teilen die «Palombo Ten», wie die zehn Waisen des 11. September auch heissen. Einfach war es deshalb lange nicht. Im Gegenteil. Oft genug haderten die Waisen mit der Frage, warum Gott sie so auf die Probe stellte. «Warum erlaubte er das?»

Zu Helden stilisiert

Experten wie Charles Goldstein vom Psychoanalytischen Institut der NYU in New York, der mit vielen 9/11-Waisen arbeitete, weiss, wie schwierig die Aufarbeitung des Verlusts eines Elternteils ist. «Für Kinder besteht dieses Konzept von Tod nicht», meint er. «Es dauert eine ganze Weile, bis sie begreifen, was geschehen ist.» Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen von ­impulsivem Verhalten bis hin zu Anhänglichkeit.

Für die Kinder von Feuerwehrleuten und Polizisten war die Situation besonders schwierig, weil die Medien Menschen, die sie ganz anders kannten, zu Helden stilisierten.

Lucy Daniels, die am Center for Early Childhood in Cary, North Carolina, forscht, erklärt die Bürde mit dem Verlust der ­Fähigkeit, Wut darüber zu empfinden, dass ein geliebter Mensch nicht mehr zurückkam. Dies sei ein wichtiger Schritt bei der Trauerarbeit nach solchen Katastrophen.

Ein wenig kann das auch Maria nachempfinden, die sich nach dem 11. September über Monate einredete, ihr Vater sei von einem Stein getroffen worden und liege im Koma. «Ich habe mich geärgert, dass er so lange wegblieb.»

An diesem fünfzehnten Jahrestag blicken die zehn Palombos nach vorn – dankbar für die Liebe, die ihre Eltern in ihren Herzen hinterlassen haben, und froh, dass sie noch zusammen sind und sich gegenseitig ein wenig stärker gemacht haben.

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